03.07.2002 · Wie originell: RTL startet zwei weitere Gerichtsshows. Dabei geht es weniger um den eigenen Erfolg als darum, den des Konkurrenten Sat.1 zu sabotieren.
Fernseharbeit hat heutzutage wenig mit Innovation, aber viel mit Kannibalismus zu tun. Ein Musterbeispiel kannibalistischer Programmplanung liefert nun RTL: Der Privatsender kündigt heute an, zwei weitere Gerichtsshows ins Programm zu hieven. Dass der Zuschauer auch dieses Genres überdrüssig wird, ist damit nur noch eine Frage der Zeit.
Es versteht sich von selbst, dass RTL nach außen hin den Eindruck verbreitet, den Zuschauern etwas großartig Neues zu bieten: „Ausnahmslos spektakuläre Kapitalverbrechen“, so heißt es, werde vom Herbst an der Hessener Richter Ulrich Wenzel behandeln. Der künftige Vorsitzende des „Familiengerichts“, Frank Engeland, soll sich mit Adoptions-, mit Scheidungs- oder Unterhaltsrecht befassen. Antreten werden die Juristen am Nachmittag - und damit in Konkurrenz zu den vier Richtern, die im deutschen Fernsehen schon jetzt ihre Urteile fällen.
Der ermüdende Trend zum Gleichen
Seit einiger Zeit scheint man in der Fernsehbranche nicht mehr darauf bedacht, mit eigenen neuen Formaten den Erfolg zu suchen, sondern die erfolgreichen Formate des Konkurrenten zu sabotieren - indem man sie bis auf kleine Detailabweichungen kopiert. Die Inflationierung des Genres sorgt beim Zuschauer bald nur noch für Ermüdung. Das war so bei den Nachmittagstalkshows, deren führende Vertreter von Hans Meiser bis Bärbel Schäfer sich nach und nach allesamt verabschieden, und nicht anders bei den Quizshows, wo ein einsamer Günther Jauch seine unzähligen Epigonen überlebt hat.
Mit seinen Gerichtsshows zielt RTL auf die Sat.1-Richter Barbara Salesch und Alexander Hold, auf deren hohe Quoten man seit Monaten neidvoll starrt. Jene zu übertreffen, wird den neuen Richtern kaum gelingen; eher schon, und das ist das eigentliche Ziel, sie deutlich nach unten zu treiben. Der Zuschauer wird künftig entscheiden können, welcher der zeitgleich antretenden Juristen ihm der Liebste ist. Wer gar keinen von ihnen sehen will, hat Pech gehabt.