09.03.2004 · Wer die Abgründe menschlicher Verhaltensweisen studieren möchte, der braucht im Moment nur den Fernseher anzuschalten; denn "Big Brother" bricht Tabus im Tagesrhythmus.
Von Michael SeewaldEin gut Teil der Nation macht sich im Augenblick Gedanken über eine zweiundzwanzigjährige Stripperin. Sie heißt Sandra, zeigt sich, wie man es bei ihrem Berufsbild erwartet, und hat ihre beiden kleinen Kinder achtlos zurückgelassen, um ein Jahr im "Big Brother"-Container zu verbringen. Da schreitet ob der mutmaßlichen seelischen Verkümmerung kein Medienwächter ein.
Muß hingegen ein lebendes Kaninchen zum geplanten Verzehr herhalten oder steht zu befürchten, daß in der Dschungelshow von RTL Goldfische zu Schaden gekommen sind, gibt es eine entsprechende Anzeige. Bei der neuen Staffel von "Big Brother" aber geschehen nach nur wenigen Tagen Dinge, die das Programm zur Pflichtbeschau eines jeden Verhaltensforschers machen. Denn im Container tobt jetzt der Klassenkampf.
Der „Normalo“ als „Sklave“
Das zynisch inszenierte Kalkül, das diesmal noch weiter reicht als zuvor, geht auf. In drei Klassen sind die Kandidaten eingeteilt. Sie benehmen sich, als seien sie in ihrem natürlichen Habitat: Die "Reichen", durch Gitter von den "Normalen" und den "Survivors" getrennt, genießen die ihnen zugestandene Überlegenheit und beuten die anderen nach Herzenslust aus. Die scheinbare Solidarität, welcher sich die Insassen beim Einzug noch gegenseitig versicherten, ist binnen Tagen nachbarschaftlichem Sozialdarwinismus gewichen.
Während sich die Schlafsackfraktion in der "Survivor"-Zelle bibbernd fragt, ob das Dämmaterial den Minustemperaturen der nächsten Nacht trotzt, oder rätselt, wie das Plumpsklo funktioniert, macht sich im Champagnerbereich eine Ex-Miss Gedanken, ob sie ihre getuschten Wimpern beim Duschen nicht mit einer Taucherbrille vor dem Wasser schützen soll. Vor allem die Spieler im Luxus-Appartement haben ihre Rolle verinnerlicht: Fünf Euro zahlen sie dem "Normalo", der nach der Party aufräumen muß. Kurz nach Mitternacht wird ihm bedeutet, daß er sein Werk am nächsten Tage zu vollenden habe: "Wir können nämlich bei dem Lärm nicht schlafen, den du beim Arbeiten machst." Das versprochene Geld gibt es auch erst am nächsten Tag - vielleicht. Dann öffnet sich das Gitter, und der "Normalo" - wir sollten ihn "Sklave" nennen - darf sich in seinen Wohnbereich trollen.
Wiederholung einer Menschenstudie
Ein Jahr lang sollen die meisten der neun Bewohner im Container wohnen. Am Ende gibt es für einen von ihnen eine Million Euro zu gewinnen. Auf dem Weg dorthin werden wir die nächste Wiederholung einer Menschenstudie sehen, die im Kino schlicht "Das Experiment" hieß. Das historische Vorbild führte 1971 Philip Zimbardo an der Stanford-Universität vor: Ein Flur des dortigen Psychologischen Instituts wurde zu einem Scheingefängnis umgebaut, in dem 24 Freiwillige zwei Wochen verbringen sollten.
Nach sieben Tagen schon mußte das Experiment wegen starker Depressionen, Angstzuständen und Persönlichkeitsverlusten der "Gefangenen" abgebrochen werden. Ihre "Wärter" nämlich hatten sie immer heftiger und sadistischer schikaniert. Und das, obwohl jedem klar gewesen sei, daß es sich nur um ein Rollenspiel handelte.
Nun dürfen wir annehmen, daß auch bei "Big Brother" vieles nach Drehbuchplan läuft. Der angeblich reiche Unternehmer Achim, der gleich zu Beginn als Unsympath erschien, hat sich im Gespräch mit Moderatorin Ruth Moschner bereits mit dem Hinweis auf etwaige Anweisungen verplappert. Doch ist es etwas anderes, wenn Schauspieler Rollen spielen und Wissenschaftler experimentieren, als wenn ein Sender Laien in dieser Weise aufeinanderhetzt. Die "römische Unterhaltung" setzt sich also fort. Wer aber wird sich da am Ende durchsetzen? Und mit welchen Mitteln? Und welche Lehre soll uns diese Geschichte sein? Außer, daß manche Produzenten vor nichts zurückschrecken.