07.12.2003 · Markus Peichl, „Beckmann“-Redaktionsleiter, erklärt im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, warum Schweizer und Österreicher das deutsche Fernsehen beherrschen.
Markus Peichl erklärt im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, warum Schweizer und Österreicher das deutsche Fernsehen beherrschen.
Der neue Sat.1-Chef Schawinski ist Schweizer und erhöht die Zahl der TV-Chefs, die aus einem der südlichen Bergvölker stammen, auf sieben. Warum wird die deutsche Medienwelt von Österreichern und Schweizern beherrscht?
Das liegt an unserer merkwürdigen Sprache und scheinbar behäbigen Art. Wir werden deshalb oft unterschätzt und können dann unvermutet zuschlagen. Von diesem Effekt haben wir in der deutschen Medienlandschaft sehr lange profitiert.
Das spricht nicht gerade für die Deutschen, wenn wir das immer noch nicht gemerkt haben.
Stimmt, aber ihr macht Fortschritte. Es scheint ja jetzt so zu sein, daß ihr es bei den Österreichern durchschaut habt und deshalb auf die noch langsameren Schweizer zurückgreifen müßt.
Gibt es noch andere Thesen?
Sowohl Österreich als auch die Schweiz sind hervorragende Experimentierfelder, wo man Dinge machen kann, die in Deutschland unmöglich wären. Einfach weil in einem kleinen Land nicht so genau hingeguckt wird und es mehr Platz für Wagnis und Mut gibt. Deshalb gelingen den Leuten dort oft überraschendere Dinge. Das fällt dann in Deutschland auf, und man holt sich die Leute. Außerdem haben Österreich und die Schweiz einen sehr begrenzten Medienmarkt. Eine kleine Volkswirtschaft trägt keine so große Anzahl an Medien, selbst in der Proportion sind es wenig. Daher müssen die kreativen Leute, wenn sie etwas werden wollen, ins Ausland. Und weil das Gerücht nicht totzukriegen ist, daß wir dieselbe Sprache sprechen, ist Deutschland das natürliche Ziel.
Aber den ein oder anderen Alibi-Deutschen als Fernsehchef könnten Sie uns doch lassen.
Ein Kollege hat mir einen Zeitungsausschnitt an die Tür geklebt: "Ösis fleißiger als wir!" Vielleicht ist da was dran. Viele positive Eigenschaften, die den Deutschen nachgesagt werden, haben die gar nicht mehr. Dadurch ergeben sich ungeahnte Chancen für uns. Außerdem essen Österreicher viele Mehlspeisen und die Schweizer viel Schokolade. Beides stärkt die Nerven, und die braucht man im deutschen Mediengeschäft.
Sind sich Österreicher und Schweizer überhaupt grün?
Eigentlich nicht, aber uns verbindet eine liebevolle Abneigung gegenüber den Deutschen. Außerdem findet der traditionelle Bruderzwist zwischen Schweizern und Österreichern jetzt endlich auf der großen deutschen Medienbühne statt. Ösi-RTL gegen eidgenössische ProSieben-Sat.1-Gruppe. Soviel Drama wäre hinter den Alpen verschenkt. Was mir auch auffällt: Man holt Österreicher und Schweizer gerne in ein Unternehmen, weil sie innerhalb deutscher Konstellationen nicht vorbelastet sind.
Ah, Hoffnung! In zehn Jahren seid ihr so verstrickt ins hiesige Geschäft, daß man, um unbelastete Leute "von draußen" zu holen, Deutsche nehmen muß.
Aber nur, wenn sie auch genug Schokolade essen, um uns und sich selbst nervlich zu ertragen.