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Fernsehen : Der Bürger auf den Barrikaden: "Adorno"

In einem stillen Moment: Theodor W. Adorno Bild: SWR

Das Schönste an der Adorno-Dokumentation, deren ersten Teil Arte an diesem Freitag abend sendet, ist die Wiederbegegnung mit der Stimme: klangvoll bis in die Tiefen, dabei in kaum glaublicher Weise veraltet.

          Das Schönste an diesem Film ist die Wiederbegegnung mit der Stimme. Es ist die eines Mannes, dessen Mutter Sängerin gewesen war: nicht trocken und bürokratisch, sondern klangvoll bis in die Tiefen. Und zugleich ist sie in ihrer Artikulation in einer kaum glaublichen Weise veraltet: Jeder Satz kommt daher, als sei er gerade aus einem Bereich der konzentriertesten Wahrheit angeflogen gekommen, zu dem Adorno privilegierten Zugang hatte; wie diktiert, autoritativ. Unwillkürlich fragt man sich, ob er auch mit seiner Frau so sprach?

          Lorenz Jäger

          Redakteur im Feuilleton.

          Jedenfalls verabscheute er die Sonntagsredner. Was er wohl von Wolfgang Thierse gedacht hätte, den man zu Beginn des Films, dessen ersten Teil "Der Bürger als Revolutionär" Arte heute zeigt, dabei sieht, wie er unter Berufung auf Adorno Mahnworte "an jeden einzelnen von uns" ergehen läßt? Lieber hört man die Erinnerungen von Regina Becker-Schmidt, von Alexander Kluge und von Ivan Nagel - der sich im nachhinein bestürzt über das Knechtische in Adornos Verhältnis zu Max Horkheimer zeigt. Dann treten die Theorie-Experten an: Richard Sennet läßt an Adornos empirisch-soziologischen Studien zum "autoritären Charakter" kein gutes Haar; Rolf Wiggershaus sagt über das Institut für Sozialforschung, man habe dort ein geschichtsphilosophisches Sendungsbewußtsein gehabt, das den jungen Adorno anziehen mußte. An dieser Stelle wäre auch die Formel "Wille zur Macht" denkbar gewesen, aber sie fiel nicht.

          Bei der Uraufführung des Films von Meinhard Prill und Kurt Schneider im Frankfurter Literaturhaus wurde es deutlich unruhig im Publikum, als Walter Rüegg ins Bild kam. Rüegg, damals Rektor der Frankfurter Universität, widerstand der Studentenbewegung. Der "Stern" brachte 1969 ein Bild von ihm, wie er hoch über dem Kopf einen Stuhl schwang, mit dem er sich im Fall des Falles zur Wehr setzen wollte. Rüegg also spricht in dem Film davon, daß das Institut mit Adorno und Horkheimer die Frankfurter Studenten geradezu "verhext" habe - und hier wurde die Unruhe des Literaturhaus-Publikums so lärmend, daß man einige Sätze nicht mehr verstehen konnte.

          Pikante Einzelheiten teilt Rüegg über die Räumung des Instituts für Sozialforschung mit, das durch eine Studentengruppe um Hans Jürgen Krahl besetzt worden war: Die Institutsleitung habe den Ruf nach der Polizei gescheut und ihn, Rüegg, gebeten, den Schwarzen Peter zu übernehmen. Auch über Horkheimers praktischen Machiavellismus hat Rüegg manches zu erzählen, was den Nachgeborenen schwer eingeht: Der Moralist habe in den fünfziger Jahren bewußt einen angebräunten Literaturwissenschaftler als Rektor vorgeschlagen, weil er ihn dann in der Hand gehabt hätte. Auch für Kenner ist also manche Rosine dabei: Genannt sei nur das schöne Foto von Ludwig von Friedeburg, dem späteren hessischen Kultusminister, in der Uniform des jüngsten U-Boot-Kapitäns der Reichsmarine.

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