24.03.2004 · Zwei gackernde Blondinen mit Schlafzimmerblick und Schmollmund probten das Landleben in Arkansas - und Amerika schaute gebannt zu. Mit „Simple Life“ kommen jetzt auch bei uns die einfachen Freuden wieder in Mode.
Von Michael HanfeldVor drei Wochen haben die Amerikaner quasi im Begleitprogramm der MoMA-Leihgaben einen Kulturbotschafter nach Berlin geschickt, der hierzulande viel zu unbekannt ist. Es ist der Schriftsteller und Radioerzähler Garrison Keillor. Er hat vor Jahren unter dem Titel "Radio Romance" einen ebenso umwerfend witzigen wie herzlichen Roman über das Medium geschrieben, dem seine Hingabe gilt.
Er bewahrt dort in seiner einzigartigen Show namens "A Prairie Home Companion", mit der er durch die Lande zieht, und mit seinen Soloauftritten ein Volksliedgut, das weniger mit Countrymusik als mit dem Blues zu tun hat, den auch die Hillbillies haben können. Ganz selbstverständlich bat Keillor auch in Berlin seine Zuhörer zunächst, sich zu erheben und die Nationalhymne anzustimmen. Einen so selbstverständlichen Patriotismus muß man erst einmal verkraften und sich hernach an den baumlangen sechzigjährigen Bariton gewöhnen, der den Blick eher gen Boden als nach oben richtet und die ganze Zeit mit seinen Fingern spielt, während ihm eine einzigartige Mischung aus Standup-Comedy und Chansonvortrag gelingt. Keillor besingt das alte, das eigentliche und das unbekannte Amerika, über das die Großstädter aus L.A. und New York bei ihren Trips von Küste zu Küste immer nur hinwegfliegen und das in das festgefügte Supermachtzerrbild mancher Europäer überhaupt nicht paßt.
Kann eine Nation tiefer sinken?
In dieses brechen - um einen harten Schnitt zu machen und vom lieblichen Radio auf etwas ganz anderes, nämlich unser tägliches TV zu kommen - in wesentlich prosaischerer Weise in der Fernsehshow "The Simple Life" nun zwei Kunstwesen ein, die zwar fortwährend gackern und giggeln, beim Anblick eines vor dem Abendessen noch zu rupfenden Hühnchens aber in Ohmacht fallen und bereits beim Anblick einer Stubenfliege oder einer fliegenden Mini-Kakerlake tief durchatmen müssen.
Paris Hilton, mit angeborenem Schlafzimmerblick, und Nicole Richie, mit ewig offenem Schmollmund, sollen in Altus, Arkansas, das Leben auf dem Lande kennenlernen, das in Amerika immer noch viel bequemer als anderswo ausfällt. Aber auch dort gibt es Häuser, die nur ein Badezimmer haben. Man kann die Familie Leding, bei der die beiden Luxusmädchen absteigen, nur bedauern - oder soll man ihre Langmut bewundern?
Wer solche Gäste hat, braucht keinen Wirbelsturm. Wem Argumente zur sofortigen Neunundneunzigprozentbesteuerung der Superreichen in der ganzen Welt fehlen, der wird sie hier finden. Und auch jene, die den Untergang des amerikanischen Imperiums für die nähere Zukunft erwarten, sollten dieses Programm nicht verpassen. Man muß sich nur einmal vorstellen, daß diesen beiden Nixen, die schon das Nichtstun malerisch erschöpft und die vor jedweder Alltagsverrichtung kapitulieren, in Amerika mehr Menschen zusehen wollten als dem Präsidenten, der gerade die Ergreifung Saddam Husseins mitteilte.
Kann eine Nation tiefer sinken? Sie kann es durchaus, wenn wir in den Container von "Big Brother" bei Köln oder auf die demnächst bei RTL startende Show "Fear Factor" schauen. Unterhaltung ist zwar, wenn man trotzdem lacht und sich unter Niveau auf die Schenkel klopft. Doch war uns da das "Schwarzwaldhaus 1902" des Südwestrundfunks mit der Familie Boro nicht nur räumlich näher. Da verstummte wahrscheinlich selbst Garrison Keillor.