11.05.2004 · Am 14. August 2004 fängt, wenn man so will, das Zeitalter des digitalen Sportfernsehens an. Denn mit Beginn der Olympischen Spiele werden ARD und ZDF vier Kanäle eigens für Athen freischalten.
Von Michael HanfeldWas Premiere kann, das können ARD und ZDF schon lange. Während der Bezahlsender dem Internationalen Olympischen Komittee (IOC) beim Wettbieten für die Spiele 2001 und 2012 ein angeblich zweihundert Millionen Euro schweres Angebot unterbreitet hat, das eine ganz umfassende Berichterstattung nicht nur für zahlende Kunden vorsieht, zeigen die öffentlich-rechtlichen Sender schon jetzt bei den Olympischen Spielen in Athen, was sie können.
Am 14. August 2004 fängt, wenn man so will, das Zeitalter des digitalen Sportfernsehens an. Denn mit Beginn der Wettkämpfe werden ARD und ZDF in ihren bereits seit Jahren vorhandenen digitalen Programmbouquets vier Kanäle eigens für Athen freischalten. Dafür werden die Angebote von Eins-Festival, Eins-Muxx, der ZDF-Dokukanal, der Theaterkanal und aus technischen Gründen der vom ZDF vetriebene Nachrichtensender Euro News "in die Sommerpause geschickt", wie die Leiterin des Digitalangebots ZDF-Vision, Simone Emmelius, und ihre Kollegin Brigitte Busch von der ARD gleichlautend sagen. Am 30. August werden die fünf angestammten Kanäle wieder zurückgeschaltet, während der drei Wochen dazwischen jedoch gibt es vierfach Sport, Sport und nochmal Sport, dreihundert Wettkämpfe, 1400 Sendestunden lang auf "Athen eins bis vier".
Sender nutzen Rechte besser aus
Damit, sagt der für die digitalen Kanäle bei der ARD zuständige Koordinator Michael Albrecht, "nutzen wir unsere Ressourcen in zweifacher Weise besser aus". Gemeint ist, daß ARD und ZDF die Rechte an den vielen Sportstunden, die sie jetzt dank der digitalen Übertragungsmöglichkeiten zeigen können, längst bezahlt haben. 578 Millionen Dollar hat sich die Europäische Rundfunkunion (EBU) die Sommerspiele in Athen und die darauf folgenden Winterspiele 2006 in Turin kosten lassen, die darauf wiederum folgenden Sommerspiele in Peking 2008 sollen mit rund 450 Millionen Euro zu Buche schlagen. Für Athen allein liegt die Rechtekaufsumme der EBU bei knapp vierhundert Millionen Dollar. Fünfzehn bis zwanzig Prozent der Kosten davon entfallen auf ARD und ZDF. Mit an die hundert Millionen Euro darf man also rechnen.
Doch die Sender nutzen nicht nur die teuren Senderechte besser aus, für die sie schon immer gezahlt haben, sie beschäftigen mit den Berichten in den beiden Hauptprogrammen und den vier zusätzlichen Digitalkanälen auch ihre Journalisten mehr denn je. 82 Reporter, Regisseure und Techniker schickt das ZDF nach Athen, der entsprechende Trupp der ARD ist 104 Köpfe stark.
Olympia-Bilder nonstop
Zusätzlich fürs digitale Fernsehen werden dabei vom ZDF nur drei und von der ARD sieben Mitarbeiter beschäftigt. Alle anderen kommentieren und bearbeiten die Berichte für das analoge wie für das digital übertragene Sportfernsehen, was nicht zuletzt dadurch möglich wird, daß sich ARD und ZDF bei der Olympia-Berichterstattung auf ihren Hauptkanälen abwechseln. Jetzt aber dürfte in Athen niemand mehr eine freie Minute haben, was nach Ansicht von Eberhard Figgemeier von der ZDF-Sportredaktion aber gar keine "so wuchtige Mehrarbeit" sein muß. Schließlich beobachteten die Kollegen in Athen die Spiele die ganze Zeit über, auch wenn sie gerade nicht berichteten oder kommentierten. Nun läuft die Sache also nonstop, wenn nicht im Ersten oder Zweiten, so auf "Athen eins bis vier" von neun Uhr früh bis elf Uhr abends, nachts gibt es Wiederholungen.
Noch nicht ganz entschieden ist, in welcher Form die vier digitalen Sportkanäle thematisch gruppiert werden - etwa mit Ballsportarten auf dem einen, Leichtatheltik auf dem zweiten oder Wassersport auf dem dritten Kanal.
Die gute alte D-Box genügt
Noch sind es schätzungsweise nur 3,5 bis 3,8 Millionen Fernsehhaushalte, die im August, so sie wollten, in den olympischen Fernsehsport von ARD und ZDF einsteigen können. Auf zehn bis fünfzehn Prozent aller Haushalte mit Rundfunkempfang wird die Zahl der Digital-Seher derzeit geschätzt. Doch werden es, wie Michael Albrecht sagt, monatlich mehr. Zur Fußballweltmeisterschaft 2006, so schätzen Experten, wird die Hälfte aller Zuschauer in Deutschland digitales Fernsehen empfangen, sei es über Kabel oder Satellit. Besonders von der Verbreitung des digitalen terrestrischen Empfangs, den es Ende dieses Monats nach Berlin-Brandenburg und dem Rhein-Main-Gebiet auch in Nordrhein-Westfalen gibt, wird eine neue Gewichtung des Fernsehmarkts abhängen.
Um die Programme "Athen eins bis vier" von ARD und ZDF empfangen zu können, braucht man übrigens zwar einen Decoder, nicht aber unbedingt einen mit der von den beiden Sendern bevorzugten MHP-Technik, über deren Verwendung man so lange mit dem Kabelanbieter Kabel Deutschland gestritten hat. Auch mit der guten alten D-Box von Leo Kirch sind die Olympischen Spiele digital zu empfangen, allerdings nicht, wie Simone Emmelius erklärt, mit allen "interaktiven" Feinheiten, mit denen ARD und ZDF ihr Sonderangebot ausstaffieren, wie Programmübersicht, Medaillenspiegel oder Nachrichtenticker.
TV-Sport "in einer neuen Dimension"
Als Fingerzeig oder Vorgriff auf einen öffentlich-rechtlichen Sportkanal, der immer mal wieder, vor allem von Sportfunktionären gefordert wird, will der ARD-Koordinator Albrecht das Olympia-Programm jedoch nicht verstanden wissen. Doch sei es durchaus Sport im Fernsehen "in einer neuen Dimension". Auch seien diejenigen Sender, die bereits jetzt ein digitales Programmbouquet anbieten könnten, bei sportlichen Großereignissen künftig "in der Vorhand".
Das Internationale Olympische Komitee, das derzeit noch berät, wer von denen, die um die Rechte an den Olympischen Spielen 2010 und 2012 bieten, sie denn bekommen soll, wird den Testlauf von ARD und ZDF mit Interesse verfolgen. Gibt er dem Sport doch eine bis dato nicht dagewesene Verbreitung. Fehlt nur noch der enstprechend erhöhte Erlös. Für die amerikanischen Fernsehrechte an den Spielen 2010 und 2012 hat die Senderkette NBC rund zwei Milliarden Dollar bezahlt, rechnet man dies auf die Größe des europäischen Marktes um und die zuletzt gezahlten Summen (578 Millionen Dollar) hoch, dürfte für das IOC wohl ein Geldsegen von nicht weniger als einer dreiviertel Milliarde Dollar zu erwarten sein. Die Spiele sind eröffnet.