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Fernsehen Alte, wollt ihr ewig leben?

Leider wirkt „2030 - Aufstand der Alten“ über weite Strecken wie ein Science-Fiction-Guido-Knopp aus der Zukunft. Dabei ist die Geschichte des Thrillers, den das ZDF heute abend zeigt, keineswegs absurd: Im Jahre 2030 zwingt die demographische Situation die Staaten dazu, sich der Alten kostensparend zu entledigen. Eine Analyse von Frank Schirrmacher.

© Britta Krehl Vergrößern Die Zukunft, wie sie „Aufstand der Alten” sieht: ein Asyl für obdachlose Rentner

Hinschauen und verzeihen, dass die Darsteller, dann, wenn’s spannend wird, einem zuzuraunen scheinen: „Übrigens bin ich nur ein Drehbuch“. Trotzdem weiterschauen. Vom Geburtsjahrgang 1950 an seine Lebenszeit mit der Zukunftszeit des Film in Beziehung setzen: 2017, 2020, 2030. Dann das Vorbestimmte daran erkennen: Alterung der Gesellschaft. Plus Renten- und Krankenkassen- und Pflegeversicherungszustand. Plus Staatsverschuldung. Minus Produktivitätssteigerung. Multipliziert mit eigenem Geburtsdatum. Das ergibt die Summe unseres Schicksals. Berechenbar. Wie weltweit fast alle Statistiker sagen – ohne jede große Fehlertoleranz. Das erkennen und in den nächsten dreißig Jahren auf die kartesianische Frage sich sagen: Ich bin nur ein Drehbuch. Eines, dessen Autoren wir nicht sind. Autonomie zu verlieren, abhängig zu werden – unter allen Ängsten ist diese Angst der alternden Gesellschaft die verbreitetste.

Frank Schirrmacher † Folgen:  

Im Jahre 1976, als die Männer noch Latzhosen trugen und die Frauen sich gerne „Momo“ nannten, wurde in den einschlägigen Milieus ein Aussteigerfilm sehr erfolgreich, der den Titel trug: „Jonas, der im Jahre 2000 fünfundzwanzig Jahre alt sein wird“. Das ZDF sendet an diesem Dienstag gewissermaßen die Fortsetzung. „Torben, der im Jahre 2030 siebzig Jahre alt sein wird“, könnte er heißen oder einfach nur „Harald, der im Jahre 2030 alt sein wird“. Man sollte hinschauen und das ZDF dafür loben, dass es sich eine ganze Woche lang dem Thema stellt, das für die heute unter Fünfzigjährigen zum Lebensthema schlechthin wird.

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Ein Science-Fiction-Guido-Knopp aus der Zukunft

Der Plot ist nicht gut gespielt, denn er ist nur gespielt. Was hätte Wolfgang Menge aus dem Thema gemacht! Die Schauspieler sind Schauspieler, ihre Sätze Drehbuchsätze. Dadurch wirkt „2030 – Aufstand der Alten“ leider über weite Strecken wie ein Science-Fiction-Guido-Knopp aus der Zukunft. Das freilich gibt umgekehrt den authentischen Einspielungen – von Norbert Blüm bis Angela Merkel – eine unerhörte Dramatik. Die Geschichte, deren Auflösung hier nicht verraten werden soll, ist keineswegs absurd: die demographische Situation im Jahre 2030 zwingt die Staaten dazu, sich der Alten kostensparend zu entledigen.

2030 - Aufstand der Alten schmal © [m] Pablo Bach/Liga 01 Computerf Vergrößern Recherche im Jahr 2030: Bettina Zimmermann als Journalistin Lena Bach in „Aufstand der Alten”

Eine Reporterin, gemimt von Bettina Zimmermann, kommt einem politischen Komplott auf die Spur, dessen Aufdeckung – ähnlich wie bei dem berühmten Thriller „Jahr 2022 . . . die überleben wollen“ („Soylent Green“) – hinter dem Staat ein mörderisches System enttarnt. Es wird im wirklichen Jahr 2030 vielleicht nicht so kriminell geschehen wie im Film. Wer bezweifelt, dass die aktuellen Debatten um Euthanasie und Sterbehilfe bereits im Zeichen der alternden Gesellschaft stehen, wird den Film für unrealistisch halten. Er wird aber damit seine eigene Wachsamkeit betäuben. Denn die Alterung unseres Landes bedeutet nicht geringeres als einen fundamentalen Wandel unserer Gesellschaft: in den Jahren 2009, 2015 und von 2020 an in demographischen Sprüngen, die unübersehbar sein werden.

Als Sozialutopie nicht unrealistisch

Der Film mag, wie James Vaupel sagt (siehe auch: Demographie-Experte Vaupel über „Aufstand der Alten“), als naturalistische Variante unserer Zukunft unrealistisch sein, als Sozialutopie ist er es nicht. Wir alle werden in einer Gesellschaft leben, in der erstmals mehr Ältere als Junge leben. Wir alle haben die großen Krisen der Vergangenheit – von den Kriegen bis zur Inflation – immer nur aus der Perspektive der Jüngeren gelesen. Wir, das friedens- und wohlstandsverwöhnteste Deutschland aller Zeiten, werden die Krise als Alte erleben. Von einem Tag X an, so Mark Steyn in seinem aktuellen Bestseller, wird sich die Bevölkerung der am meisten betroffenen Staaten ungefähr alle fünfunddreißig Jahre halbieren. Wir werden weniger sein. Das ist, wie der Demographiekritiker Albrecht Müller im Streitgespräch in der F.A.Z. einst feststellte, zunächst wirklich nicht schlimm (siehe auch: Ist Deutschland noch zu retten? Ein Streitgespräch von Herwig Birg und Albrecht Müller). Schlimm ist, dass diejenigen, die da sind, in der Mehrzahl älter als fünfzig Jahre und in der absoluten Minderheit jünger als fünfundzwanzig Jahre sein werden.

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