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Fernsehduell Bush gegen Kerry: Debatte matt gesetzt

30.09.2004 ·  Die Regeln für die Fernsehdiskussionen zwischen Bush und Kerry, die an diesem Donnerstag beginnen: Studiotemperatur, Schuhsohlen, Stehpulte, Anrede, Auswahl des Publikums - alles ist festgelegt.

Von Matthias Rüb
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Die Kandidaten haben sich seit dem Wochenende intensiv vorbereitet und ihre Wahlkampfauftritte auf ein Minimum reduziert. Man darf sicher sein, daß seit Tagen fleißig geprobt wird: Präsident George W. Bush setzt sich dabei mit Senator Judd Gregg aus New Hampshire auseinander, während es Herausforderer John Kerry mit dem Washingtoner Anwalt Greg Craig zu tun hat. Gregg und Craig fällt die Rolle zu, beim Probieren die Widersacher von Bush und Kerry, also Kerry und Bush, zu spielen, damit die wirklichen Bush und Kerry für den großen Showdown vor den Fernsehkameras gewappnet sind.

An diesem Donnerstag, abends um neun Uhr Ostküstenzeit, findet an der Universität von Miami in Coral Gables die erste von insgesamt drei Fernsehdebatten statt; Themen sind die Außenpolitik und der Heimatschutz. Bei der letzten Debatte in Tempe (Arizona) am 13. Oktober soll es vor allem um wirtschaftliche Fragen und Innenpolitik gehen. Die zweite Debatte der Präsidentschaftskandidaten am 8. Oktober in St. Louis (Missouri) und die einzige Debatte der "running mates" Dick Cheney und John Edwards in Cleveland (Ohio) ist thematisch nicht festgelegt und soll außen- wie innenpolitische Fragen gleichermaßen abdecken.

32 Seiten starkes Memorandum

Die Wahlkampfteams des Amtsinhabers und des Herausforderers hatten sich nach wochenlangen zähen Verhandlungen auf ein 32 Seiten starkes Memorandum geeinigt, in welchem Ablauf und Regelwerk für die jeweils anderthalbstündigen Fernsehdebatten bis in jede Einzelheit festgelegt sind. Ursprünglich hatten die Wahlkamfstäbe darauf bestanden, daß auch die vier Moderatoren der einzelnen Debatten sowie ein Vertreter der unabhängigen Kommission für die Präsidentendebatten das Dokument unterzeichnen, gaben sich aber dann mit deren mündlicher Zustimmung zu dem Memorandum zufrieden. Zumal die Kommission, die 1987 gegründet wurde und seither die Kandidatendebatten ausrichtet, hatte Sorge, mit der Unterzeichnung eines Dokuments einen Präzedenzfall zu schaffen und damit die Kontrolle über das Verfahren an die Wahlkampfteams abzutreten.

In dem Schriftstück wird unter anderem festgelegt, daß die beiden Kandidaten nicht hinter ihrem Stehpult hervortreten und auch keine direkten Fragen an ihre Gegner richten dürfen - nur rhetorische Fragen sind erlaubt. Es wird keine Stellungnahme zu Beginn, dafür ein zweiminütiges Schlußwort jedes Kandidaten geben. Es sind keine Notizen, Dokumente oder gar Schaubilder erlaubt, es dürfen aber Aufzeichnungen während der Debatte gemacht werden. Personen im Publikum dürfen nicht direkt angesprochen oder befragt werden. Film- und Tonaufnahmen von den Debatten, die zur besten Sendezeit direkt von den wichtigsten Sendern übertragen werden, dürfen nicht für Wahlkampfzwecke eingesetzt werden. Wer die erste Frage beantworten und wer als letzter seine Schlußbemerkung machen darf, wird durch das Los entschieden.

Gleichbleibende Temperatur

Der Veranstalter hat dafür Sorge zu tragen, daß in der Halle die Temperaturen trotz Scheinwerferlichts in etwa konstant bleiben, damit den Kandidaten nicht der Schweiß auf die Stirne tritt oder gar sichtbar das Oberhemd färbt. Zwei Tage vor der Debatte wird dem Moderator mitgeteilt, welche Anrede die beiden Kandidaten bevorzugen - vermutlich "Herr Präsident" für Bush und "Senator Kerry" für den Herausforderer. Der Moderator hat Sorge dafür zu tragen, daß beide Kandidaten in etwa die gleiche Redezeit bekommen, und er hat den Kandidaten darauf hinzuweisen, daß seine Redezeit - in der Regel zwei Minuten pro Antwort - abgelaufen ist. Zusätzlich erhalten die Kandidaten Lichtzeichen, die auch für die Fernsehzuschauer erkennbar sind, wenn ihre Redezeit abgelaufen ist. Bei der Debatte vom 8. Oktober, bei der Fragen aus dem Publikum zugelassen sind, müssen diese Fragen zuvor schriftlich eingereicht werden. Das Publikum hat dabei zu gleichen Teilen aus Sympathisanten beider Kandidaten zu bestehen; für deren Auswahl ist das Meinungsforschungsinstitut Gallup verantwortlich.

Die Stehpulte, hinter welchen die Kandidaten während der Debatte stehen, haben die gleiche Höhe und tragen keine Aufschrift. Keiner der Kandidaten darf Schuhe mit besonders hohen Sohlen tragen oder sonstwie, etwa mittels eines Hockers, größer erscheinen, als er tatsächlich gewachsen ist. Auf den Hintergrund und die Farbe der Bühnendekoration einigen sich die Teams mindestens eine Woche vor der Debatte. Ebenso ist festgelegt, daß das Publikum nicht gefilmt werden darf und daß die Kandidaten in jeweils der gleichen Einstellung von den Kameras aufgenommen werden.

Schlecht rasiert und schwitzend

Die Vorbereitungen sind mit gutem Grund so akribisch. Denn in der mittlerweile mehr als vierzig Jahre währenden Geschichte der Fernsehdebatten gab es immer wieder Augenblicke, die für den weiteren Verlauf des Wahlkampfes und die Wahlen entscheidend waren. Richard Nixon war 1960 schlecht rasiert und transpirierte, was ihn im Vergleich zum jugendlichen und glattrasierten John F. Kennedy ins Hintertreffen brachte. Denkwürdig sind die Sentenzen, mit welchen Ronald Reagan seine Debatten 1980 und 1984 bestimmte: Gegen Jimmy Carter führte er den entscheidenden Schlag mit der Schlußfrage ans Fernsehpublikum: "Geht es Ihnen heute besser als vor vier Jahren?", gegen den Herausforderer Walter Mondale nahm er einer möglichen Kritik an seinem hohen Alter jede Kraft mit der ironischen Bemerkung, über die sogar Mondale lachen mußte: "Ich werde die Jugend und Unerfahrenheit meines Gegners nicht politisch ausschlachten."

Präsident Bush der Ältere wurde 1992 von der Kamera beim Blick auf seine Armbanduhr ertappt, was den Eindruck patrizischer Realitätsferne verstärkte und dem energischen Herausforderer Bill Clinton Vorteile brachte. Und der denkwürdigste Augenblick der Debatten zwischen Vizepräsident Al Gore und George W. Bush waren das ungeduldige Kopfschütteln und das vernehmliche Seufzen Gores angesichts der "dummen" Einlassungen des Herausforderers Bush - was das Bild vom "arroganten" Gore und vom "volksnahen" Bush festigte und mit zum Sieg des Wahl-Texaners beigetragen haben dürfte.

Höhere Erwartungen an Bush

Umfragen zeigen, daß Bush, der lange von dem Umstand profitierte, intellektuell unterschätzt zu werden, inzwischen gegenüber Kerry als der bessere Debattierer gilt. Deshalb sind die Erwartungen in ihn größer als an Kerry. Bush, der wie Kerry aus begüterter, mächtiger und privilegierter Familie stammt, bringt das Kunststück fertig, volksverbunden und sympathisch zu wirken. Bushs Redenschreiber und Stichwortgeber wissen das Talent des Präsidenten zu fördern, seine Überzeugungen in griffigen, kurzen Formulierungen zusammenzufassen, die im Gedächtnis des Publikums haftenbleiben.

Dagegen vermag Kerry seine Neigung zu langen, gewundenen Sätzen, in welchen das Für und Wider abgewogen wird und das Ende oft nicht mehr mit dem Anfang zusammenpassen will, nicht recht zu zügeln. Ob die "Erfindung" eines "neuen" John Kerry, der in den letzten Tagen mit heftiger Kritik am Irak-Krieg sein Profil zu schärfen versuchte, ein glücklicher Schachzug war, wird von vielen bezweifelt. Denn gerade auf dem Gebiet der Außen- und Sicherheitspolitik, beim Krieg gegen den Terrorismus sowie beim Heimatschutz gilt Bush als der kompetentere, konsequentere und vertrauenswürdigere politische Führer, während an Kerry das Etikett des Wankelmütigen und Wetterwendischen hartnäckig haftenbleibt. Man darf sicher sein, daß Bush in der Debatte an die angeblichen oder tatsächlichen Positionswechsel und auf das Abstimmungsverhalten Kerrys im Senat bei "Kriegsfragen" erinnern wird.

Die erste Debatte ist die wichtigste

Traditionell ist die erste Debatte die wichtigste und wird von den meisten Fernsehzuschauern verfolgt. Es darf deshalb als ein Vorteil für Bush gelten, daß deren Thema die Außen- und Sicherheitspolitik ist. Dabei kann er "präsidentiell" wirken und als entschlossener politischer Führer auftreten, während Kerry auch präsidentiell und entschlossen wirken, zugleich aber entschieden angreifen muß. Bush kann, was im Fernsehen immer wichtig ist, getrost selbstbewußt lächeln, ohne arrogant zu wirken. Kerry muß verhindern, verbissen und besserwisserisch zu erscheinen, während zuviel Lächeln linkisch wirken könnte.

Die erste Debatte zwischen Al Gore und George W. Bush verfolgten vor vier Jahren 47 Millionen Fernsehzuschauer. Fast 81 Millionen waren beim Rededuell zwischen Ronald Reagan und Präsident Jimmy Carter im Jahre 1980 dabei. Die Zuschauerzahl am Donnerstag abend dürfte zwischen diesen Marken liegen. Und damit auf jeden Fall höher als bei den Nominierungsparteitagen der Demokraten und Republikaner, bei denen Kerry und Bush 24 beziehungsweise 28 Millionen Fernsehzuschauer hatten. George Bush senior übrigens mochte die Debatten nicht: Sie seien "gekünsteltes Showbusiness, artifiziell und ohne Spontaneität". Treffend beschrieben.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.09.2004, Nr. 228 / Seite 40
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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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