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Fernost Das dreifache Feuer

23.04.2005 ·  In ganz Asien ist der Nationalismus überaus vital und scheint sich nicht besänftigen zu lassen. Daß die großen Konflikte unserer Zeit - Kaschmir, Taiwan, Korea - in Asien beheimatet sind, ist vor diesem Hintergrund kein gutes Omen.

Von Jochen Buchsteiner, Djakarta
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Mit der „tiefen Reue“, die der japanische Premierminister Koizumi am Freitag gegenüber der Geschichte seines Landes bekundete, ist der häßliche Streit zwischen Tokio und Peking vermutlich nicht beendet. Daß ein einziges - wenn auch lang ersehntes und in Anwesenheit des chinesischen Präsidenten vorgetragenes - Wort die Gemüter beider Völker besänftigen kann, mag man nicht glauben.

Denn das Feuer, von geschichtsklitternden Schulbüchern angefacht, konnte nur deshalb in einen Flächenbrand ausarten, weil es auf dem trockenen Reisigboden des Nationalismus entzündet wurde. Und dieser Boden erstreckt sich weit über die Grenzen der beiden Kontrahenten hinaus.

Groteske Demonstrationen

In ihrem (aus europäischer Sicht) befremdlichen Wir-Gefühl unterscheiden sich Chinesen und Japaner nicht von ihren Nachbarn. In ganz Asien ist der Nationalismus überaus vital und scheint sich auch vom Hineinwachsen in den globalen Prozeß nicht besänftigen zu lassen. Die Indonesier organisieren Demonstrationen im Namen der Nation, nur weil Malaysia ankündigt, ihre illegal arbeitenden Landsleute auszuweisen.

In Kambodscha gehen Fensterscheiben thailändischer Geschäfte zu Bruch, weil die Seifenoper-Schauspielerin Suvanant Kongying Angkor Wat den Thailändern „zurückgeben“ will. Selbst Indien und Pakistan, die derzeit ihren Friedensprozeß feiern, leisten sich eine groteske Demonstration nationaler Behauptung: Jeden Nachmittag versammeln sich an der Grenzstation Wagah Hunderte, manchmal Tausende Schaulustige zur Ablösung der Wachposten und brüllen sich über die Demarkationslinie aus Leibeskräften Parolen zu.

Interesse an der fremden Welt

Der asiatische Nationalismus unterscheidet sich vom europäischen in zwei wesentlichen Aspekten: Er klingt nicht ab, und er genießt einen guten Ruf. Während die europäische Spielart von der Unterwerfung fremder Länder angefeuert wurde, begann die asiatische mit der Rückeroberung der eigenen Hoheitsgebiete. Anders als in der alten Welt war er also mit einer „gerechten Idee“ verknüpft, und anders als in Europa hatten seine Erfolge Bestand. Kaum ein Land, das sich nach dem Zweiten Weltkrieg freikämpfte, mußte seither territoriale Einbußen hinnehmen, während den Staaten Europas nationalistische Abenteuer beträchtliche Gebietsverluste bescherten.

Bei den europäischen Kolonialherren war im achtzehnten Jahrhundert ein Bewußtsein dafür vorhanden, im Osten einen Raum mit Geschichte und Kultur erobert zu haben. Das Interesse an der fremden Welt, das wirtschaftliche Ausbeutung und politische Unterwerfung stets begleitete, schlug sich in zahlreichen Büchern und Studien nieder, die in den Salons Europas leidenschaftlich diskutiert wurden.

Wiederentdeckung kultureller Leistungen

Oft waren es die Kolonialbeamten selbst - der Brite Thomas Stamford Raffles gilt als herausragendes Beispiel -, die mit der einen Hand Haftbefehle ausstellten und mit der anderen feinsinnige Schriften über die neue Umgebung verfaßten. Selbst Königin Victoria lernte Hindi und ließ den deutschen Oxford-Indologen Max Müller regelmäßig in den Palast kommen. Das Interesse an der unterworfenen Welt zeitigte Erkenntnisse, die in Asien selbst verschüttet gewesen waren.

Die Indonesier erfuhren erst von den niederländischen Gelehrten Brandes, Kern und Krom, wie groß und mächtig das vergangene Majapahit-Reich auf Java tatsächlich gewesen war. Die Kambodschaner wiederum verdankten Archäologen der „Ecole Francaise d'Extreme-Orient“, daß die Tempelanlage von Angkor Wat - das heutige Identitätszentrum der Khmer - rekonstruiert wurde. Derartige Wiederentdeckungen kultureller Leistungen spielten keine geringe Rolle bei der Herausbildung nationaler Identitäten.

Ikonenhafte Verehrung

Stimuliert wurde das neue Wir-Gefühl jedoch nicht von den Errungenschaften, sondern von den Zumutungen der Kolonialherrschaft. Vom Sonderfall Japan abgesehen, das im neunzehnten Jahrhundert als imperiale Macht zu sich fand, war die nationale Idee fast überall auf dem Kontinent gegen die Unterdrückung durch Fremdherrscher gerichtet. Von Chinas Kuomintang über den indischen Nationalkongreß bis zur indonesischen Befreiungsbewegung triumphierte das Ziel der Selbstbestimmung.

In den früheren Kolonien Hollands waren es sozial bewegte Nationalisten, in Indochina nationalistische Kommunisten, die die europäischen Besatzer gewaltsam aus dem Land drängten und die Unabhängigkeit ausriefen. Bis heute werden in Indonesien oder Vietnam die Kriegshelden der vierziger und fünfziger Jahre ikonenhaft verehrt. In Indien, das seine Unabhängigkeit durch gewaltfreien Widerstand und Verhandlungen erreichte, schlug der Prozeß eine andere Richtung ein.

Zu neuen Kräften übergehen

Das neue, sozialistisch inspirierte Nationalbewußtsein richtete sich hier nicht nur gegen den Westen, sondern mehr noch gegen den muslimischen Bruderstaat Pakistan, der nach 1947 aus der Substanz des Subkontinents entstanden war. Im indischen Pantheon stehen daher Zivilisten wie Gandhi und Nehru neben jenen Generälen, die Kaschmir kurz nach der Teilung vor Islamabad gerettet haben. Auch die Pakistaner ehren ihre Schlachtenführer gegen Indien fast mit gleicher Inbrunst wie Staatsgründer Jinnah.

In den meisten Ländern Asiens sind die Streitkräfte zu den Haupträgern nationaler Identität geworden, nicht selten auch zu Volksschulen der Indoktrination. Ihre Funktionen reichen weit über das klassische Militärportfolio hinaus. In Thailand löste die Armee regelmäßig gewählte Regierungen ab, um das Land nach Übergangsphasen neuen Kräften zu übergeben. In Indonesien hielt die Armee den islamischen Fundamentalismus in Schach und bestimmte über lange Strecken die Politik.

Investitionen in die Wehrhaftigkeit

Einen nahezu totalitären Anspruch erheben die Militärs bis heute in Pakistan und Burma, wo sie bis in die letzten Winkel des Landes Kontrolle ausüben. Die Anmaßungen, die sich die Generäle im Laufe der Dekaden erlaubten, trugen nicht überall zu ihrem Ansehen bei. Und doch ist der Stolz der Asiaten nahezu ungebrochen, wenn sie ihre Soldaten an den Nationalfeiertagen über die Straßen der Hauptstädte paradieren sehen.

In weiten Teilen des Kontinents sind Nationalismus und Militarismus deshalb nicht auseinanderzuhalten. In Indien wirbt die Luftwaffe mit haushohen Plakaten, auf denen ein gutaussehender Flieger neben seinem Kampfjet steht, darunter die Zeile: „Sei ein Krieger, komm zur Indischen Luftwaffe.“ Neue Rüstungsimporte werden in den Zeitungen mit großen Schlagzeilen und stolzen Leitartikeln gewürdigt: Investitionen in die Wehrhaftigkeit gelten immer auch als Investition in die Zukunft des Volkes.

Eine stabile Sicherheitsarchitektur

Entsprechend viel läßt sich Asien sein Militär kosten. Während die Verteidigungsbudgets in Europa seit Jahren stagnieren, wachsen die Militäretats östlich des Hindukusch in der Regel überproportional zum (ohnehin höheren) Wachstum der Volkswirtschaften. Das Friedensforschungsinstitut in Stockholm berechnete für die Jahre 1993 bis 2002 einen weltweiten Anstieg der Rüstungsausgaben von drei Prozent - in Ostasien lag der Anteil in derselben Dekade bei durchschnittlich zweiundzwanzig Prozent.

Alle Nuklearmächte jüngeren Datums befinden sich auf asiatischem Boden. Während Europa die Atombombe als verblichene Währung begreift, mit der man in Zeiten des Kalten Krieges gehandelt hat, ist sie in Asien Ausdruck höchster militärischer Potenz. Nukleararsenale gelten nicht nur als Gewähr für steigendes internationales Ansehen, sie dienen auch als Ultima ratio in einem regionalen Umfeld, das keine stabile Sicherheitsarchitektur etabliert hat und sich eben nicht nur dynamisch, sondern auch unvorhersehbar entwickelt.

Spaltung eines Volkes

Die Konstellation in Asien erinnert in mancherlei Hinsicht an den europäischen Vorabend des Ersten Weltkriegs. Zwar gab es vor hundert Jahren keine überragende Weltmacht Amerika, auch waren die Länder Europas wirtschaftlich weniger stark voneinander abhängig, als dies in Asien der Fall ist. Aber wieder wird wettgerüstet, wieder ist ein Kontinent im Aufbruch, wieder verändert sich eine regionalpolitische Landkarte mit rasanter Geschwindigkeit. Staaten, die gestern noch uneinholbar schienen, fallen (wie Japan) zurück, andere setzen sich (wie China) an die Spitze und verschieben die Koordinaten.

In den Hauptstädten Asiens wird um regionalen Einfluß gerungen; Sonntags predigen die Regierungen den Multilateralismus, aber in der Woche betreiben sie interessengeleitete Machtpolitik. Daß die großen Konflikte unserer Zeit - Kaschmir, Taiwan, Korea - in Asien beheimatet sind, ist vor diesem Hintergrund kein gutes Omen. Was sie besonders bedrohlich macht, sind ihre Wurzeln. Alle drei entstanden aus einer nationalen Verletzung, aus der Spaltung eines Volkes.

Quelle: F.A.Z., 23.04.2005, Nr. 94 / Seite 39
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