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Fernandel Ein Gesicht für alle Fälle, wo Worte nur stolpern

02.01.2006 ·  Als Philippe Halsmans dem Schauspieler Fernandel zufällig begegnete, sprach der Franzose kein englisch, wirkte aber so vertraut und mimisch beredt, daß der amerikanische Fotograf auf die Idee eines Interviews nur in Bildern kam.

Von Michael Jeismann
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Was machen wir denn heute für ein Gesicht? - Hängt ganz davon ab. - Haben Sie sich etwas vorgenommen, dieses Jahr? - Erinnern Sie mich nicht daran. So ungefähr können wir es heute, zwei Tage nach Silvester, in manchem Gesicht lesen. Um zu verstehen, was dort geschrieben steht, brauchen wir nicht ein Wort zu hören, keinen Ton. Alle Nuancen von Trauer, Wut, Überraschung bis hin zu Freude und Vorfreude drückt die Mimik aus.

Philippe Halsman, der von Albert Einstein über John F. Kennedy bis zu Elisabeth Taylor und Marlon Brando die öffentlichen Personen einer ganzen Epoche fotografiert hat, machte sich das Ausdrucksrepertoire des Gesichts zunutze, um als Fotograf mit dem französischen Schauspieler Fernandel ein Interview eigener Art zu führen, das er 1948 als kleines Buch herausbrachte. Im Vorwort zu „The Frenchman“ erzählt er, wie es dazu kam.

Wie ein alter Bekannter

Kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs traf er mit seiner Frau in einem Restaurant auf einen Mann „mit einem Achtundvierzigzähnelächeln“, der ihm völlig vertraut vorkam. Wie einen alten Bekannten begrüßte er also den französischen Schauspieler Fernandel, klopfte ihm auf die Schulter und fragte nach seinen Plänen. Fernandel erklärte ihm bereitwillig, daß er nur für einen Tag in New York sei, dann weiter nach Kanada fliege und auf der Rückreise wiederum einen Tag in New York verbringen werde.

Während Fernandel noch mit ihm plaudert, wird Philippe Halsman klar, daß er den Schauspieler nur von der Leinwand kennt und ihm noch keinmal begegnet ist. Halsmans Frau, Yvonne, überzeugt ihn beim Heimweg davon, daß er Fernandel fotografieren müsse. Auch die zwanzig Millionen Leser des „Life- Magazins“, für das Halsman arbeitete, könnten sich für dieses Gesicht interessieren.

Wie eine Geschichtsstunde in kultureller Differenz

Halsman entwickelt dann die Idee vom „fotografischen Interview“. Fernandel spricht nämlich kein Englisch, soll er doch einfach mit einem Gesicht die Fragen beantworten! Gesagt, getan. Fernandels Gesicht antwortete bei seiner Rückreise dann wirklich auf die Fragen, die Halsman ihm stellte. Das Ergebnis kann man sich in einer Neuausgabe dieses Interviews im Taschen Verlag anschauen. Das Frappierende an diesem Interview, wenn man es nach fast sechzig Jahren anschaut, ist sicher, wie die kulturelle Differenz - insbesondere im Umgang der Geschlechter miteinander - damals und heute wahrgenommen wird.

War sie in den vierziger Jahren - unbeschadet der französischen Großmachtnostalgie - eine hübsche Kuriosität, so ist sie heute entweder nicht mehr vorhanden (was wir nicht hoffen) oder eine ernste, grundsätzliche und trennende Sache. Als hätte Fernandel es geahnt, antwortet sein Gesicht auf die abschließende Frage, ob dieses Interview veröffentlicht werden dürfe - mit Entsetzen.

Philippe Halsman: „The Frenchman.“ Ein fotografisches Interview mit Fernandel. Übersetzt von Stefan Barmann. Taschen Verlag, Köln 2005. 108 S., Abb., geb., 14,99 [Euro].

Quelle: F.A.Z., 02.01.2006, Nr. 1 / Seite 37
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