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Ferienziel Kreuzfahrtschiff Zum Dinner? Da muss ich mich ja umziehen!

02.08.2011 ·  Von wegen nur etwas für Reiche: Jeder Dritte würde heute am liebsten eine Kreuzfahrt machen. Die neuen Schiffe sind Ferieninseln, auf denen die Passagiere mit straffen Unterhaltungsprogrammen in Atem gehalten werden - ein wahrhaft klassenloses Vergnügen.

Von Brigitte Scherer
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Sie ist die idealtypische Destination jeglichen Reisens. Weg und Ziel zugleich. Auf Kreuzfahrt ist man unterwegs und doch daheim, an einem Sehnsuchtsort, weit weg von der Wirklichkeit an Land. Verzieht sich die alternde Gesellschaft ins schwimmende Altersheim? Deutschland wird von einem Kreuzfahrtboom überrascht, den bis vor kurzem niemand für möglich gehalten hätte. Mehr Rentner, mehr Kreuzfahrt, das passt. Nur leider ist es falsch. Die Kreuzfahrer werden immer jünger.

Was Vorurteile angeht, sind Kreuzfahrt und Deutsche ein Kapitel für sich. Einerseits herrscht Begeisterung: Traumschiffe auf allen Fernsehkanälen, in Hofberichtsmanier wird noch der billigste Dampfer zum Luxusliner stilisiert. Sogar mit Harald Schmidt an Bord kann man am Fernseher exotische Länder ansteuern. Schiffstaufen werden mit Feuerwerk und Lasershow als Großevents zelebriert wie ein Konzert der Rolling Stones. Und wenn ein neuer Megaliner aus der Papenburger Werft den engen Wasserweg über die Ems bugsiert wird, halten Schaulustige tagelang in Zelt und Campingwagen die Stellung. Die Kreuzfahrt hat keine Kunden, die Kreuzfahrt hat Fans.

Zwischen Faszination und Verachtung

Andererseits macht man sich über sie lustig. Völlig überzogen ist der Sturm im Wasserglas um den Erlebnisbericht im etwas beleidigten Abiturzeitungston, mit dem Christoph Maria Herbst (“Stromberg“) einstweilige Verfügungen, geschwärzte Passagen und süffisante Artikel zum Thema „Mumienschlepper“ hervorrief. Und das alles wohl nur, weil sich der Autor bei Dreharbeiten zum „Traumschiff“ unter seiner Würde besetzt fühlte, wie man beim Lesen zu ahnen beginnt.

So oszilliert ein ambivalentes Verhältnis zwischen Faszination und Verachtung. Allerdings: Dies gewisse intellektuelle Lebensgefühl, das einem Toskana-Urlauber zugerechnet wird, bleibt dem Kreuzfahrer meistens versagt. Plastik oder Pomp, Neureiche im Dinnerjackett oder Proleten im Muscle-Shirt, das ist nun mal der Ruf.

Eine Ferienlandschaft über drei Decks

Und jetzt das: die Kreuzfahrt als Superstar. Die idealtypische Destination jeglichen Reisens. Weg und Ziel zugleich. Auf Kreuzfahrt ist man unterwegs und doch daheim, an einem Sehnsuchtsort, weit weg von der Wirklichkeit an Land. So schwärmen Kulturkritik und Wissenschaft - Intellektuelle, die sonst kein gutes Wort übrighatten für die Vergnügungsreise auf dem Wasser. Bei der restlichen Bevölkerung drückt sich die neue Liebe zur Kreuzfahrt in den Ergebnissen der Marktforschung aus: Für jeden dritten ist sie die beliebteste Form des Reisens.

Alles begann in Ostdeutschland. Bevor die erste „Aida“ im Jahr 1996 in Rostock als schwimmender Ferienclub mit Selbstbedienung am Buffet statt Galadiners zu ihrer Jungfernfahrt in See stach, galten Kreuzfahrten als altmodisch, langweilig und teuer. „Da muss ich mich ja umziehen“, lautete der deutsche Angstschrei, der die Seeklientel unverhältnismäßig klein hielt. Erst das Schiff mit dem Kussmund am Bug revolutionierte Image und Inhalt der deutschen Seereise und zog damit neues Publikum an. Das Schiff verblüffte mit einer Ferienlandschaft über drei Decks an Bord, samt Palmeninseln, Strandkörben und einem Fitness-Parcours vor einer verglasten Wand zum Meer. Zum ersten Mal in Deutschland war das Schiff selbst Ferienziel.

Wachstumsrate von mehr als zehn Prozent

Heute verbringt fast die Hälfte der deutschen Kreuzfahrer ihren Urlaub auf einem Aida-Schiff, Marktführer Aida Cruises wächst doppelt so schnell wie der Markt. Das klingt ein wenig nach Hollywood, ist aber die Geschichte einer Unternehmenskarriere aus der Pionierzeit der Privatisierung in Mecklenburg-Vorpommern. Aida Cruises ging aus der Deutschen Seereederei in Rostock hervor, vor der Wende war sie nach der Sowjetflotte die zweitgrößte Schifffahrtsgesellschaft der Welt.

Die Sonderkonjunktur auf dem Meer hält schon einige Zeit an. Mehr als eineinhalb Millionen deutsche Urlauber sind im vergangenem Jahr in See gestochen, weit mehr als zehn Prozent betrug in letzter Zeit die kontinuierliche Wachstumsrate, durch alle Krisen hindurch. Und während der Urlauber an Land All-inclusive-Urlaub fordert, gibt er auf hoher See freigiebig Geld für die teuren Extras von Landausflug bis Wellness an Bord aus. Aber es kommt noch besser: Deutschland ist ein maritimes Entwicklungsland. Nur etwa jeder hundertste Deutsche unternimmt eine Seereise, in den Vereinigten Staaten sind es hingegen vier von hundert. Das bedeutet: unausgeschöpftes Marktpotential, großartige Zukunft. So sieht man das auch in Amerika. Der größte Teil der deutschen Kreuzfahrt ist in amerikanischer Hand: Aida gehört zur Reederei Carnival aus Miami, mit fast hundert Schiffen ist sie der größte Kreuzfahrtmulti der Welt. Und Tui-Cruises ist ein Joint Venture mit der Reederei Royal Caribbean, die Nummer zwei.

Der Mythos ist lebendiger als je zuvor

Micky Arison, der Chef von Carnival Cruises und damit König der Ozeane, kaufte auch die britische Traditionsreederei Cunard, nur um seinem Traum von der Wiedergeburt des legendären Atlantikliners „Queen Mary 2“ das adäquate Ambiente zu verleihen. Das Schiff sollte seinem Kreuzfahrtimperium Glanz verleihen und war viel teurer als die ganze Firma Cunard.

Meisterhaft wird seitdem der Mythos der Atlantikliner an Bord der „Queen Mary 2“ präsentiert, Marketingmantra und ihr philosophisches Rückgrat. Bücher zum Thema, vom Prachtbildband bis zur ausführlichen wissenschaftlichen Abhandlung, Filme und Videos halten in Buchladen und Bibliothek die Erinnerung an die Familiensaga aus dem Hochadel der britischen Atlantikschifffahrt wach. Denn der Mythos der Oceanliner ist lebendiger als je zuvor, was auch an der unglückseligen Geschichte der „Titanic“ liegt. Am liebsten lassen sich die Passagiere vor einer Leinwand mit deren aufgemalten Treppenhaus in Originalgröße zum Erinnerungsfoto postieren, die der Bordfotograf jeden Abend nahe dem Eingang zum Restaurant aufspannt. Denn seit die „Titanic“ auf ihrer Jungfernfahrt Richtung New York am 15. April 1912 nach dem Zusammenstoß mit einem Eisberg in die dunklen Tiefen des Atlantiks hinabglitt, erschüttert ihr Schicksal die Herzen, und die Sehnsucht nach ihrem verlorenen Glanz nährt bis heute die Kreuzfahrtindustrie.

Schwimmende Städte

Die „Queen Mary 2“ fährt geladen mit unseren Traditionen und Träumen über den Atlantik. Niemand braucht mehr ein Schiff, um übers Meer zu gelangen. Die sich selbst genügende Welt des Müßiggangs auf dem Wasser von damals, jetzt wirklich zweckfrei, feiert heute auf immer größeren „Fun-Ships“ ein Comeback. Mit jedem neuen Exemplar wächst die Zahl der See-Urlauber. Noch befindet sich die deutsche Kreuzfahrt im Stadium der Goldgräberzeit. Neue Schiffe gibt es jedes Jahr mindestens zehn, nämlich Hochhausburgen mit zwei- bis fünftausend Betten je Stück und plattem Hinterteil. Kabinen, nicht Freiflächen bringen den Reedereien Geld. Es geht um Effektivität im Massenmarkt. Unterschiedliches Dekor und stets neue Attraktionen verdecken, dass es sich um Plattformstrategie und austauschbare Schiffsmodelle handelt. Wasserfälle, Gärten mit künstlichen Blumen, Kletterwand, Boxring, Eislaufplatz, ein Pool für Surfer, ein Ferrari-Bolide. Eine kasperltheaterbunte Promenade unter rosa und lila Lichtkaskaden zählt zum Standard-Repertoire. Wer hervorstechen will, muss deshalb schon einen Stadtpark mit Bäumen, echtem Rasen oder Sandstrand, eine Seilbahn, eine Bierbrauerei oder ein riesiges Amphitheater am Heck aufbieten.

Zwar treiben die Giganten des industriellen Tourismus den Boom an. Doch ist die Variationsbreite der Kreuzfahrtschiffe größer, als man denkt. Da sind Winzlinge für höchstens sechzig Passagiere wie die Viermastmark „Sea Cloud“, eine echte Antiquität. Es gibt elegante Yachten für zweihundert Menschen, aber auch noch etwas kleinere Expeditionsschiffe; man kann in einem schwimmenden Spitzenhotel wie der „Europa“ mit vierhundert Passagieren reisen oder mit zweitausend wie bei „Mein Schiff“ oder Aida. Das sind kleine Schiffe im Vergleich zu den international von Passagieren bevorzugten Drei- bis Viertausend-Betten-Monstern. Die beiden amerikanischen Kreuzfahrt-Superlative mit Namen „Oasis“ und „Allure“ beherbergen mehr als fünftausend Passagiere, das wäre selbst ohne Crew an Land schon eine Kleinstadt. Überwachungskameras hinter den Bildschirmen halten den Fluss der Menschenmenge in Gang. Droht irgendwo ein Stau, wird es an einer Stelle gefährlich eng, lenkt eine Einladung zur Happy Hour in Bild und Ton den Menschenstrom wie eine Ampelschaltung zu einer entfernten Bar um.

Bildungsbürgerliche Kritik an den Lustbarkeiten der Nicht-Elite

Kreuzfahrt bleibt auch sonst eine Urlaubsform mit Eigenheiten. Warum benimmt sich das Ferienziel Schiff wie ein Bus? Jeden Morgen wird ein neuer Hafen angelaufen, alle dreitausend Passagiere raus zum Landausflug, alle wieder rein. Warum segeln Segelschiffe nicht, wie es der Wind ihnen vorgibt, sondern nach Fahrplan und deshalb mit Motorkraft? Die Hauptkritik an der Kreuzfahrt aber ist die bildungsbürgerliche Kritik an den Lustbarkeiten der Nicht-Elite, ob neureich oder proletenhaft.

Dabei kommt es darauf an, welches Schiff zufällig zum Observationsobjekt eines Kritikers wird. Das Kultbuch von David Foster Wallace, „Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich“, wäre ebenso lustig, aber anders ausgefallen, hätte er Marlene Dietrich und Ernest Hemingway bei ihrer Überfahrt nach Amerika an Bord des Art-Deco-Schaustücks „Normandie“ beschrieben, sie ganz Grande Dame im Pelz und mit riesiger Kroko-Handtasche. Das Kreuzfahrtschiff stellt nur die Kulisse, in der dann das Publikum die Atmosphäre bestimmt. Der wissenschaftliche Kongress der Universität Tromsö auf einem Schiff der Hurtigrouten, im Begleitprogramm Amundsenforscher und Walfangexperten; die Reise auf der „Aidadiva“ mit Zubin Mehta und den Wiener Philharmonikern, im Publikum Spitzen der Wiener Gesellschaft: Sie ändern alles.

Mobiles Fantasy Resort mit Meerblickgarantie

Eine Kreuzfahrt kann wunderbar sein. Es kommt nur darauf an, was man daraus macht. Immer größer und „mit immer mehr Freizeitblendwerk ausgestattet“, wandeln sich Schiffe zum lauten Rummelplatz, der die Kreuzfahrtverweigerer erst recht abschreckt, heißt es lebenspraktisch in der Studie „Travel Trends“ vom Zukunftsinstitut Wien. Die richtigen Fragen sind: Gibt es auf dem Schiff einen Ort für den intellektuellen Austausch? Einen Ort, an dem man seine Gedanken sammelt? Warum fehlen meist richtige Bibliotheken an Bord? Eine schwimmende Stadt hat Platz für Bedürfnisse aller Art. Nur in einem Punkt ist jeder Mensch eigen: Wir alle reisen am liebsten unter unseresgleichen. Dabei sind nationale Unterschiede weniger gravierend als Klasse, Bildung und Lebensstil. Aber das ist ein Tabu. Vor allem deutsche Schiffe bemühen sich darum, jeden Anschein von Separierung, politisch überkorrekt, zu vermeiden.

Sonst bieten sie alles. Kein Kreuzfahrtschiff ist nur noch ein Schiff, sondern: Ferienresort, Wellnesstempel, Kinderhort, Volkshochschule, Unterhaltungszentrum, Shoppingmall und Wasserbus. Kochkurse mit Starköchen, Themenkreuzfahrten, Gartenreisen, Weinauktionen, Charity. Golfreisen, Landrover-Safaris, Musical-Premieren, Konzerte. Alles im Programm. Als traue man der Anziehungskraft einer Seereise allein noch immer nicht.

Längst ist die Kreuzfahrt ein modernes Lifestyle-Produkt, der Konkurrent des Pauschalurlaubs im Strandhotel. Viele sagen sogar: Die Kreuzfahrt ist die bessere Pauschalreise, jedes Schiff ein mobiles Fantasy Resort mit Meerblickgarantie. In der Ferienzeit bevölkern Hunderte von Kindern gleichzeitig die großen Kreuzfahrtschiffe. Oft werden sie von Eltern und Großeltern gemeinsam begleitet. Und alle können an Bord unterwegs sein und dabei doch immer auch zu Hause bleiben. Umfangen von einem Mutterschiff, das den Anspruch auf heile Welt an jedem Ort der Welt erfüllt. Urlaub auf Nummer Neckermann, Sicherheit, das war schon in der Pionierzeit des Pauschaltourismus das Geheimnis seines Erfolgs. Jetzt ist es das Geheimnis des Kreuzfahrtbooms.

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Jahrgang 1943, freie Autorin im „Reiseblatt“.

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