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Feminismus Töchter einer Revolution

 ·  Die aktuelle Debatte dreht sich vor allem darum, wie Frauen möglichst zackig in den Kapitalismus installiert werden können. Von einem selbstbestimmten, freien Leben ist nicht die Rede.

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© dpa „Ohne die Arbeit, die Frauen umsonst leisten, würde jede westliche Ökonomie innerhalb weniger Tage kollabieren“, schreibt Laurie Penny am Ende ihrer hundertseitigen Schrift „Fleischmarkt“

Ich wünschte, mein Mann wäre so reich, dass ich nicht arbeiten müsste und zu Hause bleiben könnte, wo ich, in ganz langsamer Arbeit, Bücher schreiben würde, von denen ich nicht leben kann. Denn wie viel plausibler ist es, sich in die Abhängigkeit desjenigen Mannes zu begeben, den man liebt und dem man bis auf weiteres vertraut, als in die Abhängigkeit eines viel größeren Mannes, eines unendlich hungrigen Monster-Mann-Betriebes zu begeben, der subjektlos und also nicht zur Verantwortung zu ziehen ist und der bereit ist, mich, das heißt meine Arbeitskraft, bis zum letzten bisschen auszusaugen und zu verkaufen und in den zweiwöchigen Erholungsurlaub zu schicken, um mich dann: weiter auszusaugen.

Wie viel leichtsinniger, lebensgefährlicher, ja kopfverdrehter ist es, den eigenen Kopf an eine fremde Firma zu verkaufen, die ihn, über kurz oder lang, zu einem passenden Firmenwürfel deformiert, als einfach zu Hause zu bleiben. Es wäre so schön, würden die feministischen Schwestern und die über ihre Würfel-Förmigkeit erbitterten einem diesen Wunsch nicht zum Vorwurf machen. Zu Hause könnte ich (Akademikerin, gebärfähig, kinderlos) mir auch vorstellen, Kinder zu bekommen, die ich mit viel Liebe zu Akademikern erziehen würde. Denn wie viel leichtsinniger, lebensgefährlicher, ja kopfverdrehter wäre es, würde ich, wie es weithin für richtig gehalten wird, meinen Kopf an eine Firma verkaufen UND ein Kind bekommen? Das arme Kind! Von einer gestressten Würfel-Mutter und dem dazugehörigen Würfel-Vater unausgesetzt wegrationalisiert zu werden, möchte ich ihm nicht zumuten.

Alice Schwarzer als diensthabende Feministin

Ich sehe die Frauen, die Kinder und Karriere unter den sogenannten einen Hut zu bekommen versuchen: ihre müde Haut und der darauf abgedruckte Terminkalender. Ich sehe das und möchte in die „Komfort-Zone“ desertieren, wie Bascha Mika es in ihrem vor fast zwei Jahren erschienenen Pamphlet „Die Feigheit der Frauen“ nannte, wenngleich der Wille zum Flüchten ein Wunsch bleibt, denn irgendwoher muss ja das bescheuerte Geld kommen, und irgendwie muss man sich ja erhalten. Auch und besonders von außen, das heißt: Kleider, Cremes und Schuhe kaufen. Als Entschädigung und um den Zwang einzurichten, der das Weitermachen garantiert. Das wirkt jetzt natürlich komplett unfeministisch, aber das ist es nicht, im Gegenteil. Die Erkenntnis, unfrei zu sein, entsteht nur an einem anderen Ort: nicht zu Hause, sondern am Arbeitsplatz. Das Bedürfnis ist das gleiche: autonom sein wollen.

Verfolgt man die tägliche Berichterstattung zu Themen wie Kitaplätzen, Betreuungsgeld und der Quotendebatte, gewinnt man den Eindruck, der deutsche Feminismusdiskurs beschränke sich auf nur ein Thema: Wie können Frauen möglichst zackig in die Wirtschaft reinstalliert werden und wie vereinbart man das mit den Kindern, von denen wir nun mal stetig Nachschub brauchen. Man kann jede Woche mindestens fünfundzwanzig Porträts weiblicher Führungskräfte lesen und wie sie das alles schaffen: Karriere, Kinderfrauen und Kinder. Nicht, dass es unwichtig wäre, darüber nachzudenken, nicht, dass die dazugehörigen Fragen nicht beantwortet werden müssten. Aber sie klammern so unendlich viele Dinge aus. Anders gesagt: Das ist nicht mein Feminismus, denn dieser Wirtschaftsfeminismus führt nur in eine neue Abhängigkeit und sicher nicht zu einem selbstbestimmten, freien Leben. Klar ist aber auch: Viele andere Frauen sehen das anders, und das ist legitim. Und trotzdem könnte man öffentlich über die Schädlichkeit unserer ökonomischen Verfasstheit unter feministischen Gesichtspunkten diskutieren.

Und über viel, viel mehr. Miriam Gebhardt hat vor kurzem das Buch „Alice im Niemandsland - Wie die deutsche Frauenbewegung die Frauen verlor“ veröffentlicht. Sie beklagt darin, dass Alice Schwarzer nicht aufhören könne, so zu tun, als sei sie die Stimme der deutschen Frauenbewegung, von der, wie sie feststellt, nur noch „ein trauriger Rest“ übrig sei. Junge Frauen, schreibt sie, wollten sich nicht Feministin nennen, weil sie nicht mit Alice Schwarzer identifiziert werden möchten. In der öffentlichen Wahrnehmung ist es wohl so, dass Alice Schwarzer als die diensthabende Feministin akzeptiert wird, was daran liegt, dass sie prominent ist, in Talkshows sitzt und mit der „Bild“-Zeitung befreundet und eigentlich die „Bild“-Zeitung geworden ist. Junge Frauen sehen das und rennen weg, das stimmt.

Nichts anderes als das verzweifelte Imitieren von Pornos

Es stimmt aber nicht, dass es nur noch einen „traurigen Rest“ gibt. Der „Rest“ ist sehr aktiv und sympathisch, was man auf der Website „maedchenmannschaft.net“ oder im „Missy Magazine“ sehen kann. Dennoch bestimmen die Themen dieses sogenannten Rests eben nicht die öffentliche Diskussion. Möglicherweise hängt die Beschränktheit der öffentlich sichtbaren Feminismusdebatten auf Alice Schwarzer und Wirtschaftsfragen aber auch damit zusammen, dass feministische Anliegen heute viel feiner und schwieriger zu formulieren sind und von sich selbst gar nicht wissen, dass sie etwas mit Feminismus zu tun haben, was bestimmt auch mit der jahrelangen Ablehnung des Schwarzer-Feminismus zu tun hat.

Nun aber ist das superfeministische Buch „Fleischmarkt“ der 26-jährigen Engländerin Laurie Penny auf Deutsch erschienen, und es zeigt radikal und ansteckend, um wie viel mehr es gehen kann. Für Penny sind Frauen im 21. Jahrhundert noch immer das unterdrückte Geschlecht, und sie meint damit keine Musliminnen oder Steinigungsopfer, sie meint: uns, die westliche Welt, den „kannibalistischen Kapitalismus“. Die Unterdrückung erzählt sie entlang der Zurichtung und dem Missbrauch des weiblichen Körpers.

In vier Kapiteln befasst sie sich mit Sex, Schönheits- und Schlankheitswahn, Geschlechtskapital und, ja, tatsächlich: mit Hausarbeit. Der Frauenkörper, so Penny, ist im Spätkapitalismus ununterbrochen damit befasst, erotisches Kapital anzuhäufen, das heißt: Kleider, Cremes und Schuhe zu kaufen. Rasieren, Sport machen, schminken und somit ganz erheblich die Wirtschaft ankurbeln. Sie unterscheidet zwischen der durch Medien vermittelten Erotik und der eigentlichen Sexualität und sagt: Wenn es zu „sexuellen Transaktionen“ komme, dann wären diese nichts anderes als das verzweifelte Imitieren von Pornos.

Die Pflicht, sich irgendwie zu Sex zu verhalten

Frauen, glaubt sie, hätten heute, konditioniert durch einen immerfort präsenten Konsumimperativ, überhaupt keinen Zugang mehr zu ihrer Sexualität. Sie sollten stetige Verfügbarkeit suggerieren, gleichzeitig aber niemals verfügbar sein, denn das Schlimmste sei es, immer noch, als eine Nutte zu gelten. Penny betrachtet das sexuelle Funktionieren von Frauen als Arbeitsleistung, womit sie das Kaufen, Schminken, Körperpflegen und die, nach kapitalistischen Porno-Maßstäben, abschließende Performance meint. Man kann vieles einwenden, man kann dieser radikalen Sichtweise aber auch eine Menge abgewinnen, und sei es, dass man sie als Folie benutzt, um Themen zu diskutieren. Bemerkenswert ist, dass die Autorin sich inhaltlich jenen Schwerpunkten zuwendet, die auch Alice Schwarzer (Hausarbeit, Sex, Pornos, Schönheitszwang) bearbeitet hat, und damit können sich, glaubt man Miriam Gebhardt, junge Frauen nicht identifizieren. Das Vokabular von Penny erinnert auch an Schwarzer, oder wenigstens an die 68er-Rhetorik (Kapitalismus, Patriarchat, die Frau als Unterdrückte). Und dennoch fühlt man sich bei der Lektüre des Buches weder beengt noch bevormundet, sondern zum Reden und Denken und Widersprechen angeregt.

Über Sex als Performance zum Beispiel. Ich erinnere mich, dass ich mit zwanzig nichts komplizierter und verstörender fand als die Pflicht, sich irgendwie zu Sex zu verhalten. Bei nur einmal Sex haben, entdeckte ich mindestens vier Mal so viele Widersprüche: Man soll selbstbewusst sein, gleichzeitig war der im Internet vorgemachte Sex überhaupt nicht gut für das Selbstbewusstsein, sondern erniedrigend. Man soll lustvoll, unverklemmt und willig sein, aber man muss sich auch ein bisschen zieren. Woher aber soll man die Unverklemmtheit nehmen, wenn man noch keine Erfahrung hat? Andererseits: Wenn man zu viel Erfahrung hat, gilt man als Schlampe.

Und dann, oh Gott, wie geht man mit dem schlechten Gewissen um, das man hat, wenn es einem unglaublichen Spaß macht, einzukaufen und sich hübsch zu machen, um Männern zu gefallen? Ist man dann eine schlechte Frau? Das habe ich mich damals schon gefragt, und ich würde es heute gerne Laurie Penny fragen, und außerdem würde ich gerne wissen: Woher weiß man, was der eigene Menschenwunsch und was der eingeflüsterte Geschlechts-Performanz-Wunsch ist?

Passiv-aggressive Nachkommen mit Schuldgefühlen

Vermutlich muss man das immer wieder neu entscheiden, und mit Sicherheit geht es heute für junge Frauen vor allem darum, die inneren Widersprüche auszuhalten. Es gibt aber auch Widersprüche, die nicht zum Aushalten sind, etwa, wenn man sich immer für tipptopp-emanzipiert gehalten hat, zu Hause aber alleine die dumme Hausarbeit erledigen muss, statt schlaue Bücher zu lesen oder ein Bild zu malen. Damit befasst sich Penny in ihrem letzten Kapitel: „Ein Jahrhundert nach dem Aufkommen des Feminismus verrichten Frauen noch immer den Löwenanteil der Betreuung, der Nahrungszubereitung und des Saubermachens, und zwar unentgeltlich.“ Das stimmt, zumindest gewinnt man diesen Eindruck, wenn man den Frauen zuhört, die das auch eher hinter vorgehaltener Hand erzählen. Zum einen, weil es peinlich ist, sich über eine Lächerlichkeit wie den Haushalt aufzuregen, zum anderen, weil es peinlich ist einen Mann zu haben, der nicht kapiert, dass er mitmachen muss, und zuletzt, weil es peinlich ist, ein dreckiges Haus zu haben. Und dann macht man die Arbeit eben selber, und dann wird man passiv-aggressiv, erzieht später seine Töchter zu passiv-aggressiven Menschen mit Schuldgefühlen, die ebenfalls passiv-aggressive Nachkommen mit Schuldgefühlen haben werden.

Die zum bloßen Erhalt des Zusammenlebens verrichtete Arbeit, die Arbeit, mit der man keinen Preis gewinnt, die aber getan werden muss, damit andere Preise gewinnen können, machen immer noch größtenteils Frauen. Und es sind Frauen, die vornehmlich ihre Töchter adressieren, wenn es um Belange des Zusammenlebens und das Erzeugen eines schlechten Gewissens geht, und dieser Gewissensterror setzt sich fort, immer weiter und in noch viel größeren Dimensionen.

Am Ende ihrer hundertseitigen Schrift fordert Laurie Penny ihre Leserinnen, ach was, DIE Frauen dann auf, sich zu verweigern: „Ohne die Arbeit, die Frauen umsonst leisten, würde jede westliche Ökonomie innerhalb weniger Tage kollabieren.“

Phantastisch! Eine Katastrophe!

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Jahrgang 1985. Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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