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Feminismus : Die Schneekönigin lässt alles gefrieren

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Alice Schwarzer in der WDR-Talkshow „Je später der Abend“, 1975 Bild: dpa

Wie kommt es eigentlich, dass der Feminismus auch nach vierzig Jahren nur auf einen Namen hört? Das ist nicht allein die Schuld Alice Schwarzers. Ihren Nachfolgerinnen fehlt es an Ausdauer.

          Oft aber, eigentlich am meisten, redeten wir über die, die nach uns kämen. Wie sie wären. Ob sie uns noch kennten. Ob sie, was wir versäumt, nachholen würden, was wir falsch gemacht, verbessern“, lässt Christa Wolf Kassandra in der gleichnamigen Erzählung sagen. Kassandra beschreibt die Geschichte des Trojanischen Krieges aus weiblicher Perspektive und gehört zum feministischen Literaturkanon. Die kassandrahafte Nachdenklichkeit aber ist dem deutschen Feminismus schon vor langer Zeit abhandengekommen, weshalb er heute, mehr denn je, auf die Kassandra-Frage zurückgeworfen ist: die Frage nach den Nachgekommenen.

          „Wenn die Schwarzer mal nicht mehr sein sollte, weil sie sich nach Frankreich verdrückt hat oder in den Rhein gefallen ist, dann bleibt ihr Stuhl leer. Das ist nämlich der Stuhl von Alice“, hat Alice Schwarzer einmal in einem Interview gesagt. Wie fest die Alice in ihrem Stuhl sitzt, das hat sie kürzlich wieder deutlich gemacht: Es genügt, ihre altbekannte Forderung nach einem Prostitutions-Verbot mit einem neuen Buch und ein paar Promi-Unterschriften aufzufrischen, um eine breite öffentliche Debatte in Gang zu setzen. Das feministische Agenda-Setting in diesem Land bestimmt immer noch Alice Schwarzer. Schneeköniginnengleich lässt sie den „Frühling des deutschen Feminismus“, wie der „Spiegel“ vor kurzem die Femen-Frauen, Aufschreierinnen und bloggende Mädchenmannschaft nannte, gefrieren.

          Konservatismus mit feministischem Anstrich

          Woher aber kommt die ungebrochene Dominanz der Alice Schwarzer? Das Verführerische an ihrem Feminismus ist, dass er einfache Antworten auf eine immer komplexer werdende gesellschaftliche Wirklichkeit gibt. Schwarzer arbeitet sich nach wie vor an der vermeintlichen patriarchalischen Verschwörung ab. In ihrer Welt ist die Grenze zwischen Gut und Böse eindeutig definiert: Sie verläuft entlang der Geschlechter, Männer sind Täter, Frauen sind Opfer. So steht es schon in Schwarzers Werk „Der kleine Unterschied“ von 1975.

          Die Historikerin Miriam Gebhardt vertritt die These, Alice Schwarzer habe mit dem kleinen Unterschied – „ein hoch suggestives Pandämonium des Patriarchats“, so Gebhardt in dem Buch „Alice im Niemandsland“ – das Bild vom Feminismus in Deutschland geprägt. Hauptperson in diesem Bild sei die Frau als sexuelles Opfer des Mannes. An diesem Geschlechterverhältnis hält Schwarzer bis heute fest wie ihre aktuelle Anti-Prostitutionskampagne zeigt. So gesehen, ist sie eine der letzten Konservativen: In Zeiten, in denen selbst die CDU mehr gesellschaftspolitische Modernisiererin als Bewahrerin ist, erfüllt nun ausgerechnet Schwarzer die Sehnsucht nach Beständigkeit.

          Sie verkörpert den Feminismus in Deutschland bis heute: Alice Schwarzer

          Die Deutschen haben sich mit dem Schwarzer-Feminismus arrangiert, mehr noch, sie haben es sich in ihm bequem machen können, weil er nur scheinbar anstrengend ist. Tatsächlich erspart er ihnen einen differenzierten und geschlechterübergreifenden Diskurs, schließlich lässt der Schwarzer-Feminismus die weibliche Mehrheit, die ganz normalen Frauen außen vor: Sein Frauenbild ist ohne Grautöne – Hure oder Karrierefrau, Selbstbestimmung oder Mutterschaft, Matriarchat oder Opferdasein.

          Die Nachgekommenen haben immer wieder versucht, dem etwas entgegenzusetzen, „Die F-Klasse“, „Wir Alphamädchen“ oder „Neue deutsche Mädchen“ sind nur einige Beispiele für Ideen eines neuen Feminismus. Am Stuhl von Alice aber haben sie nicht sägen, in die breite, mediale Öffentlichkeit kaum vordringen können. Zumindest Letzteres ist den Initiatorinnen von „Aufschrei“ gelungen; die gewaltige Resonanz auf ihren Twitter-Hashtag schien tatsächlich wie ein Frühlingserwachen des deutschen Feminismus, getragen von einem neuen Medium und neuen Gesichtern.

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