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Felicia Day auf Youtube Der Star, der aus der Höhle kommt

 ·  Google will auch Fernsehen machen und verspricht 100 neue Youtube-Kanäle. Einen der beliebtesten macht die Schauspielerin Felicia Day. Aber macht sie das schon zum Fernsehstar der Zukunft?

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© Screenshot F.A.Z. Wie man mit Witzen für fünf Leute dreihundertausend Fans findet: Felicia Day in ihrer neuen Youtube-Show „The Flog“

Die Zukunft des Fernsehens kann sehr alt aussehen. Sie wird bewohnt von Rittern und Magiern, von Zwergen und Trollen, von all jenen Gestalten also, die ungebrochen ihren seltsamen Reiz auf Menschen ausüben, die sich grundsätzlich für sehr modern halten. Natürlich, es gibt alles, in der Welt der Internetvideos, und von allem viel zu viel, es gibt die ewig unentdeckten Gesangstalente und zeitlos unlustige Komiker, es gibt Kinder, die nichts, und Katzen, die alles können, doch wenn es einen narrativen Grund gibt, auf dem die Welt der Geeks erbaut ist, dann liegt er wohl im Reich der sogenannten Fantasy, irgendwo zwischen den Höhlen von Dungeons & Dragons und den Wäldern von Westeros. Und wenn es stimmt, was momentan die Boten aus der virtuellen Welt berichten, bricht dort gerade eine neue Zeit an, die Zeit von Königin Felicia Day.

„Die Königin des Internets“ wird Day zurzeit gern genannt, was einerseits nicht viel mehr als ein fauler Ehrentitel ist; und andererseits noch dessen bescheidene Variante: Manche nennen sie auch die „Göttin der Geeks“. Mit ihrer Webserie „The Guild“, einer Art Chat-Sitcom über das Offline-Leben einer Gruppe von Computerspielern, hat sich Day in den vergangenen Jahren ganz oben in den Youtube-Charts festgesetzt. Insgesamt 150 Millionen Mal wurden die Episoden mittlerweile angeklickt, rund 290000 Abonnenten wollten keine Folge verpassen. Rentabel war die Show schon ab der zweiten Staffel, als sich Microsoft entschieden hatte, von Day die Erstausstrahlungsrechte zu kaufen - für die X-Box.

Das ist kein Fernsehen

Nein, mit Fernsehen im herkömmlichen Sinn hat das nicht viel zu tun. Aber spätestens seit Google im vergangenen Herbst verkündet hat, seine Videoplattform Youtube zur Konkurrenz für die klassischen Sender auszubauen, lassen sich Erfolgsgeschichten wie die von Felicia Day nicht mehr ganz so leichtfertig als kurzlebiges Internetphänomen ignorieren. 100 Kanäle voller selbstproduzierter Filme und Shows will Youtube online bringen, 100 Millionen Dollar, heißt es, sollen dafür direkt an die Produzenten gezahlt werden, eine davon ist Felicia Day.

Anfang April startete Day mit Geek & Sundry, einem Kanal mit täglichen Shows, ihre eigene Geek-Show „The Flog“ ist darunter, eine Science-Fiction- und Fantasy-Büchersendung und eine Brettspiel-Show, bei der man dem „Star Trek“-Kinderstar Wil Wheaton dabei zuschauen kann, wie er mit Freunden „Siedler von Catan“ spielt. Mit regelmäßig veröffentlichten Episoden und einer übersichtlicheren Benutzeroberfläche sollen die neuen Youtube-Kanäle ein bisschen tun, als wären sie Fernsehen - mit etwas, was man Programm nennen könnte, hat das Ganze trotzdem wenig Ähnlichkeit. Die Frage ist nur, ob das überhaupt jemand will.

Webshows auf Speed

Wohin es sich entwickeln wird, „das“ Fernsehen, ob es auch in ein paar Jahren noch verbindliche Erlebnisse schaffen kann, ob sich auch übermorgen noch ein Publikum für ein Programm interessiert, das einen Chef hat, der ein anderer ist als der Zuschauer selbst: das alles sind ja Fragen, die auch nicht erst seit gestern kursieren. Auf der Marketing-Messe Digital Content New Fronts stellten in den vergangenen zwei Wochen die Großkonzerne der digitalen Unterhaltungsbranche ihre Pläne für Werbekunden vor, darunter Hulu, AOL, Microsoft, Yahoo und Youtube. Dass sich die Zukunft des Fernsehens im Netz abspielt, deutete dabei eine aktuelle Studie an, die Youtube dort vorstellte und die ermittelt hat, dass Männer zwischen 18 und 34 schon heute mehr Zeit mit gestreamten Videos verbringen als mit den Sendungen des linearen Fernsehens. Und trotzdem muss diese Verschiebung nicht das Ende des alten Modells bedeuten. Wenn man in Zukunft das eine vom anderen noch unterscheiden kann, dann eher nicht an dem Gerät, auf dem das Programm abläuft, sondern höchstens noch an Zielgruppe und Zeitlichkeit: Die Fragmentierung des Publikums muss dabei nicht das Ende des Massenfernsehens bedeuten. Aber vermutlich wird es für die Monopolisten von gestern nicht einfacher werden, die Relevanz des eigenen Programms zu behaupten.

Ob das, was jemand wie Felicia Day veranstaltet, am Ende noch auf den Begriff „Fernsehen“ zu bringen ist, das ist so belanglos wie die Frage, ob sie am Anfang einer großen Karriere steht. „Wir versuchen nicht, Fernsehen zu machen“, erklärte Day dem Magazin „Wired“. „Wir versuchen Webshows auf Speed zu machen. Unsere Agenda ist es, eine Community aufzubauen.“ Das Interessante an einer Figur wie Day ist vor allem, dass dieses Konzept funktioniert; dass es nicht nur ein Publikum gibt, das ihrem Charme so sehr verfallen ist, dass es Woche für Woche einschaltet, um sich gegenseitig an Nutzlosigkeit überbietende Internetseiten vorstellen zu lassen, sondern dass Day von diesem Publikum auch ganz gut leben kann. Es ist die alte These von der Kraft der Nische, die ihr Erfolg zu belegen scheint, und auch wenn Youtube zunehmend versucht, sein Angebot mit handelsüblichen Superstars aufzumotzen, mit Jay-Z und Madonna, lautet die grundlegende Kalkulation: Lieber 100 Felicia Days als einen Thomas Gottschalk.

Freunde im Internet

Es ist nicht leicht zu sagen, was die Formel für diese sehr besondere Form von Popularität ist. Dass Day selbst ein überzeugter Geek ist, hat vermutlich genauso viel damit zu tun wie die Tatsache, dass sie so wenig wie einer wirkt. Sie ist eine begeisterte Gamerin, sie ist im Internet, seit sie tippen kann, mit 32 gehört sie, wenn man die entsprechende Ausstattung voraussetzt, zu den ersten Jahrgängen jener Generation, die man als Digital Natives bezeichnet. Und weil ihre Familie so oft umzog, dass sie zu Hause Unterricht bekam, statt zur Schule zu gehen, waren ihre ältesten und engsten Freunde schon immer jene, die sie online traf, in den Chat-Foren von Compuserve oder den Abgründen von Ultima Online.

Und trotzdem hätte sie fast im Fernsehen Karriere gemacht. In „Buffy“ spielte sie eine Vampirjägerin, auch im deutschen Fernsehen ist sie zurzeit in der Science-Fiction-Serie „Eureka“ zu sehen (Pro Sieben). Irgendwann aber hatten die Casting-Agenturen sie auf die Rolle der Sekretärin festgelegt, das war nicht unbedingt, was sich eine Frau erträumt, die sich online in eine blutrünstige Kriegerin verwandelt. Dort hätte sie sich fast verlaufen, zwei Jahre lang war sie besessen von „World of Warcraft“, bis sie entschied, lieber eine Serie über ihre Leidenschaft zu schreiben, als darin zu versumpfen.

Für Day hat diese Sozialisation nichts Schrulliges oder Abseitiges, trotzdem ist es eher ihre Abweichung vom Klischee, die sie zur perfekten Identifikationsfigur all ihrer Geek-Fans macht: Sie ist, wie die Avatare aus den virtuellen Welten, vor allem das, was ihre Zuschauer gern sein würden. Sie weiß genug über Jargon und Humor ihrer notorisch sonderbaren Zuschauer und erfüllt trotzdem, was Eigenschaften wie Witz, Charme und Attraktivität betrifft, allgemeingültige Standards. Sie ist damit eine sehr eigenartige Figur: Ein Geek. In Cool. Es ist eine alchemische Kraft, die von dieser Mischung ausgeht, ein Zauber, den man immer wieder erlebt, wenn sie auf komische Fragen komische Antworten gibt, als wundere sie sich darüber, dass deren Logik nicht für alle offensichtlich ist. Was sie an Computerspielen so faszinierend finde, wollte einmal jemand von ihr wissen, und statt sich in pseudokluge Rechtfertigungen zu flüchten, antwortete sie nur: „Ich mag es einfach, zu töten.“

I’m the one that’s cool

Zum Start ihres neuen Kanals hat sie ihrer Gemeinde eine Hymne geschenkt, die hilft, das Klischee vom Mamasohn mit Pizzaresten im Bart umzucodieren: „I’m the one that’s cool“ heißt der Song, in dem sie stellvertretend mit den Peinigern vom Schulhof abrechnet, die sie selbst zu ihrem Glück nie kennenlernte: „To all the ass-hat jocks who beat me up in school / Now I’m the one that’s cool / To all the prom queen bitches thinking they still rule / Now I’m the one that’s cool“.

Es kommt bei dieser Art von Selbstermächtigung weniger darauf an, ob die Diagnose stimmt, ob also die Geeks inzwischen tatsächlich an einem Punkt angekommen sind, von dem aus sie eine Art kulturelle Hegemonie beanspruchen können, ob sie, wenn man es also in die herrschende Logik der Unterhaltungsindustrie übersetzt, eine kritische Masse erreicht haben. Es ist vielmehr die Geste, die zählt, das Wir-Gefühl, welches das Internet heute eben auch Gruppen ermöglicht, die früher nicht im Traum auf die Idee gekommen wären, dass sie mit ihren schrägen Vorlieben nicht allein sind. Es sind nicht die Computernerds als Klientel, auf denen die Hoffnungen der digitalen Fernsehwelt ruhen, es ist die Art, wie Felicia Day sie anspricht. Interaktion spielt eine Rolle, und wer aber, wie man es zum Beispiel bei den Dialogsimulationen im deutschen Fernsehen beobachten kann, die Kommentare der Zuschauer eher als lästiges Beiwerk begreift, hat schon verloren. Für das Internetkind Day beruht das Bedürfnis nach Austausch auf Gegenseitigkeit, die direkte Resonanz des Publikums ist nicht nur Anerkennung, sondern auch konstante Inspiration.

Mehr Performance als Themen

Es geht aber auch, da unterscheidet sich so ein Videoblog gar nicht so sehr von der großen Samstagabendshow, eher um Performance als um Themen, eher um Unterhaltung als um Information. Nur dass es sich Day leisten kann, einen Witz zu machen, den nicht zehn Millionen Menschen verstehen, sondern nur zehn. Und vielleicht ist das Felicia Days großes Talent: dass sie es schafft, dass sich die anderen nicht ausgegrenzt fühlen, sondern sich einfach über ihr Lachen freuen. Womöglich ist das der Trick, wie man im Internet zum Star wird: Ein Mensch zu sein, den man gerne sieht. Wie unpraktisch, dass sich das auch in der digitalen Welt nicht einfach kopieren lässt.

Vor ein paar Monaten gelang Felicia Day der nächste Schritt zur Unsterblichkeit: Die Computerspielfirma Electronic Arts bat sie für die Fortsetzung des Rollenspiels „Dragon Age“ eine Webserie zu schreiben, eine Art Luxustrailer für das Spiel. Day erfand die Figur der Elfe Tallis und spielte sie selbst, was die Entwickler wiederum auf die Idee brachte, diese Figur auch in das Spiel zu integrieren. Im Motion-Capture-Studio nahm Day ein paar Bewegungen und Dialoge auf, und jetzt kann jeder mit ihr spielen. Man kann ihr aber auch einfach dabei zuschauen, wie sie es selbst tut, wie sie außer sich vor Glück ist, als sie mit ihrer Doppelgängerin die ersten Gegner niedermetzelt und dabei jubelt: „Oh boy, look at me!“

Andere Fernsehstars spielen sich selbst. Felicia Day spielt mit sich selbst. Vielleicht ist das schon der ganze Unterschied.

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Jahrgang 1970, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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