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Feiertage für Briefkästen : Sprengsperrung

Briefkästen sind eine feine Erfindung. Ist das Postamt geschlossen, stehen die gelben Kästen jedem Schreibwütigen offen. Zum Jahresbeginn machte man in Leipzig eine Ausnahme.

          Gibt es eine größere Bankrotterklärung der Deutschen Post als das Aussehen der 3-Cent-Ergänzungsmarken, die man erwerben kann, um das neue Briefporto von 58 Cent noch mit alten Postwertzeichen zu bestreiten? Ja, die gibt es. Aber erst zur Ergänzungsmarke. Sie zeigt eine wie mit einem Nadeldrucker der achtziger Jahre gepixelte graue „3“. Und das war’s. Als man in den späten vierziger Jahren auf jeden westdeutschen Brief das „Notopfer Berlin“ in Höhe von zwei Pfennig, die der blockierten Stadt zugutekamen, aufkleben musste, hat man in wirklich elenden Zeiten mehr Sorgfalt auf die Gestaltung von Postwertzeichen verwendet.

          Aber außerhalb Deutschlands sieht ja niemand dieses ästhetische Debakel, weil man für Post ins Ausland siebzig Cent braucht. Und im Inland hat man sich bei der Post zumindest in Leipzig zum Jahres- und Portowechsel offenbar derart geschämt, dass sämtliche öffentlichen Briefkästen verrammelt wurden. Dachten wir. Wohin man am 29. Dezember auch kam, überall waren die Einwurfschlitze durch Blechriegel verschlossen, und eine Aufschrift verkündete: „Vorübergehend gesperrt“.

          Zum Schutz vor Feuerwerkskörpern

          Wann die Sperrung begonnen hatte, wann man gedachte, sie zu beenden - es war nicht herauszubekommen. Da stand man mit seinen Postsendungen zum ästhetisch unbeeinträchtigten Altjahrestarif, doch man wurde sie nicht los. Auf Nachfrage am Silvestermorgen (nachdem man am Sonntag entlegene Briefkästen auf Brachflächen ebenso erfolglos aufgesucht hatte wie solche an den belebtesten Stellen) ward von der nächsten Postfiliale Auskunft erteilt.

          Es handele sich mitnichten um eine - durchaus verständliche - vorzeitige Aktion zur Verhinderung des Einsatzes der neuen Ergänzungsmarke und auch nicht um - durchaus vorstellbare - Geldschinderei, um die Kunden von heute zu zwingen, nach Wiedereröffnung der Kästen den erhöhten Tarif von morgen zu bezahlen. Nein, mit dem Verschluss solle Vandalismus mit Feuerwerkskörpern vorgebeugt werden. Nach Neujahr dürfe man wieder mit offenen Briefkästen rechnen.

          Seufzend klebten wir die Ergänzungsschande auf unsere Briefumschläge, um am Morgen des 2. Januar abermals vor noch verriegelten Briefkästen zu stehen. Wir warfen unsere Korrespondenz in Frankfurt am Main ein, wo niemand auf solch eine abstruse Idee gekommen zu sein scheint. Aber die macht sicher Schule. Wir werden deshalb am Ende dieses Jahres auf E-Mails statt Briefpost setzen. Das dadurch eingesparte Porto investieren wir in Explosionsstoffe, um die Briefkästen nach Neujahr wieder freizusprengen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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          Quelle: F.A.Z.

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