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Veröffentlicht: 06.06.2013, 11:44 Uhr

FDP-Intellektueller Karl-Heinz Paqué Wahrlich ein Denker unserer Zeit

Der Enquetebericht „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ ist 850 Seiten dick. Das liegt vor allem an dem FDP-Mann Karl-Heinz Paqué. Er hält Konsumverzicht für Freiheitsberaubung, Die liberalen Vordenker würden sich im Grabe umdrehen.

von Reinhard Loske
© Andrássy Universität Budapest Karl-Heinz Paqué fordert in seinem gleichnamigen Buch umstandlos „Wachstum!“ Alles andere ergibt sich dann.

Parteien und sie unterstützende Intellektuelle, das ist ein ganz schwieriges Kapitel in Deutschland. Parteiintellektueller will heute kaum noch jemand sein, ganz zu schweigen davon, sich direkt ins parteipolitische Geschirr zu legen. Trommeln wollen nur noch die wenigsten. Und wenn, dann ist das immer an der Grenze zum Heiklen.

Das war einmal anders, nicht nur bei der SPD und der CDU, die von Erhard Eppler bis Peter Glotz, von Kurt Biedenkopf bis Heiner Geißler veritable Denker vorzuweisen hatten, die zu ihren aktiven Zeiten öffentliche Debatten zu beeinflussen oder gar zu setzen vermochten, sondern auch bei Grünen und FDP, wo einem Namen wie Carl Amery oder Rudolf Bahro, Karl-Hermann Flach oder Ralf Dahrendorf einfallen. Weshalb diese Zeiten vorbei sind, darüber ließe sich trefflich streiten.

Richtig zu beklagen wäre das aktuelle Auseinanderdriften von Macht und Geist, Politik und Intellektuellen aber erst dann, wenn es in wechselseitige Verächtlichmachung umschlüge, wovon freilich wenig zu spüren ist. Man beobachtet sich nüchtern und illusionslos, hat eine Meinung übereinander, und wenn doch mal am selben Strang gezogen wird, dann weniger ideologie- als vielmehr themengetrieben: vom Urheberrecht über den Atomausstieg bis zum Umgang mit Menschenrechtsverletzungen in China.

Zweifel am Dauerwachstum

Vor diesem Hintergrund verwundert es doch sehr, dass nun ausgerechnet die vermeintlich „unideologische“ FDP einen Parteiintellektuellen neuen Typs hervorgebracht hat, der ihr Alltagshandeln und ihre Regierungspraxis mit höheren Weihen auszustatten versucht.

Aber nicht über „die Befreiung des Liberalismus aus seiner Klassengebundenheit“ (Flach), den „modernen sozialen Konflikt“ (Dahrendorf) oder „die richtige Balance von Freiheit und Sicherheit“ (Werner Maihofer) räsoniert der Vordenker, sein Feldzug - gepriesen von der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft - gilt den schändlichen Zweifeln am Sinn des immerwährenden Wirtschaftswachstums und des gesteigerten Konsums sowie der nach seiner Ansicht übertriebenen Betonung ökologischer Grenzen.

Die Rede ist von Karl-Heinz Paqué, ehedem selbst FDP-Politiker und Finanzminister in Sachsen-Anhalt, und nun wieder, wie zuvor schon, Professor der Volkswirtschaftslehre an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.

Wer wollte, konnte Paqués Wirken zum Lobe des Wachstums nun gut zwei Jahre in der Enquetekommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ des Deutschen Bundestages verfolgen, in die er auf Vorschlag der FDP als Sachverständiger berufen wurde. Auch die zahlreichen Interviews zur vermeintlichen Naivität der Wachstumskritik, die er parallel zur Kommissionsarbeit in überwiegend ihm wohlgesinnten Medien plaziert hat, bieten reichhaltiges Anschauungsmaterial zu seiner Weltsicht.

Normalerweise leben Enquetekommissionen des Bundestages davon, dass ihre Mitglieder - je zur Hälfte Abgeordnete und Wissenschaftler - ein Mindestmaß an Dialog- und Kompromissbereitschaft mitbringen, um zu gemeinsamen Empfehlungen zu gelangen, die dann auch politische Wirkung entfalten können.

Die erfolgreichen Kommissionen der Vergangenheit haben sich stets durch zwei Eigenschaften ausgezeichnet: diskursive statt positionale Herangehensweise an die zu behandelnden Fragen; Argumentieren in begründbaren Szenarien, auf deren Grundannahmen man sich zu einigen hatte, statt bloßes Postulieren von Positionen als vermeintlich unverrückbare Tatsachen.

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