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FAZ.NET-Frühkritik Weicheier wie wir

 ·  Zwischen Härte und Verzärtelung: Wie erziehen wir unsere Kinder richtig? Frank Plasberg geht bei „Hart, aber fair“ als Oberlehrer der Nation in die Ferien.

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© dapd Bei Frank Plasberg geht es um Übervorsicht, Überängstlichkeit und Überversorgung

Wie wird man, der man ist? Durch Dialog oder Befehl, Einfühlung oder Ohrfeigen, gute oder schlechte Noten? All die Erziehungsstile, die bei „Hart, aber fair“ zur Sprache kamen, schienen dort wie physikalische Einflussgrößen aufgefasst zu werden, als lineare Kausalitäten im Sinne von: Man braucht nur die richtigen oder falschen Knöpfe zu drücken, dann kommt schon das entsprechende Ergebnis heraus.

Dass Biographien jedoch hochgradig vermittelte Unternehmen sind, deren Verlauf sich nicht nach dem Wenn-dann-Schema berechnen lässt, blamiert die Diplom-Pädagogen jeder Generation aufs Neue. Was wissen wir denn schon, auf welchen Charakter, auf welche Vorgeschichte, auf welche momentane Disposition die Einflüsse treffen, die bei Frank Plasberg am Montagabend zu einer „Generation Weichei“ führen sollten, zu einer Überbehütung vom Kreißsaal bis zum Hörsaal, wie es im grellen Titel der Sendung hieß?

Man sprach die ganze Zeit über dieses „Über“ – über Übervorsicht, Überängstlichkeit, Überversorgung --, ohne doch auf den Kern der allgegenwärtigen Kontrollsucht zu kommen: nämlich die Überschätzung von Einflüssen auf die Entwicklung eines Menschenlebens, für das Einflüsse eben keine Determinanten sind, sondern Bedingungen, die auf höchst verschiedene und jedenfalls nicht vorhersehbare Weisen angeeignet werden.

Ob die Kinder, die in dem heutigen Hochsicherheitstrakt namens öffentlicher Spielplatz sozialisiert werden, tatsächlich eine „synthetische Zukunft“ vor sich haben, in der sie verlernt haben werden, Erfahrungen zu machen – eine solche Prognose, die bei Plasberg ein Spielplatzdesigner abgab, ist eine schicke Spekulation, mehr nicht.

Genauso gut kann es sein, dass der behütete Zögling von seinem Behütetsein derart angewidert, um nicht zu sagen traumatisiert wird, dass er zum Draufgänger wird, der keine Gefahr auslässt. So etwas nennt man dann paradoxe Genese oder auch den Normalfall von Biographie, das Leben selbst.

„Schule in Deutschland ist Schule in einem Rechtsstaat“

Warum weiß es eine Diplom-Pädagogin immer besser? Wieso berechtigt sie ihr Diplom zu der Ansicht, der bessere Mensch entstehe durch äußeren Dialog, nicht durch inneren Monolog? Kommt das nicht im Gegenteil immer sehr darauf an (wie jemand gegessen und geschlafen hat, wie es ihm heute beim Schuhkauf ergangen ist, ob ihm gerade sein Dämon zusetzt oder ob er auf einen Geruch aus seiner Kindheit stößt)?

Die Bescheidwissergeste der die Diplom-Pädagogin spielenden Fernseh-Nanny Katharina Saalfrank nervt, zum Glück fand Plasberg in Josef Kraus einen Mann alten Schlages, der um die ewigen erzieherischen Wahrheiten kein langes Gewese macht. „Schule in Deutschland ist Schule in einem Rechtsstaat“, so Krauses Grundaxiom.

Der Präsident des Lehrerverbands ist so etwas wie die Stimme der verwaltenden Vernunft inmitten eines pädagogischen Babylon, in dem Eltern vor Gericht bessere Schulnoten einklagen und den Nachwuchs später am liebsten auch noch zum Vorstellungsgespräch begleiten wollen. An etlichen Unis gibt es inzwischen auch Elternabende, wie man in einem Einspielfilm erfuhr, der die Weichei-Diskussion „pfeilgerade“ (Plasberg), also Plasberg-gewohnt sprunghaft dann auch noch zur Hochschule führte.

Vielleicht sollte man die eigenen Kinder härter rannehmen

Da hielt man sich aber nicht länger auf als zuvor schon auf den Spielplätzen, Weicheier gibt es schließlich hier wie dort, dann ging es zurück zu Josef Kraus. Der warnte davor, den Menschen zu lange in Watte zu packen, ihn auf das Erreichen des Abiturs zu reduzieren und im übrigen immer nur „Empathie, Empathie“ zu fordern. Katharina Saalfrank blieb die Spucke weg, aber das wollte Josef Kraus ja gerade erreichen, Ungeduld sei mitunter ein gutes pädagogisches Mittel, erklärte er, erst recht für einen Studiendirektor wie ihn, der täglich mehrere hundert Schulstunden zu koordinieren habe.

Letzteres sei kein pädagogisches Argument, bemängelte Saalfrank, aber da hatte die über siebzigjährige Maren Heinzerling schon vom Nutzen der gelegentlichen Ohrfeige zu erzählen begonnen, einen Gedanken, den Josef Kraus nicht rundweg abzulehnen schien, als er entschlossen vor dem Überhandnehmen der „Erleichterungspädagogik“ warnte. Nun beginnt Plasbergs Sommerpause. Vielleicht sollte man die eigenen Kinder in den Ferien mal ein bisschen härter rannehmen.

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Jahrgang 1960, Redakteur im Feuilleton.

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