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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

FAZ.NET-Frühkritik „Warum braucht Wulff so viele Wochen?“

 ·  Auch Sandra Maischberger und ihrer Gäste diskutierten wieder über das Thema Wulff. Und verwiesen die Frage, warum die Debatte solange dauert, zurück an den Verantwortlichen.

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Die vergangenen vier Wochen sind etwas unglücklich gelaufen für den „Stern“-Journalisten Hans-Ulrich Jörges. Jahrelang hatte er sich warmgesessen, in den Sesseln der deutschen Talkshows, und als er endlich gebraucht worden wäre, um wenigstens die schlimmsten Fehler einer skandalösen Medienkampagne geradezurücken, waren all seine notorischen Gastgeber im Urlaub: Anne Will, Frank Plasberg, Sandra Maischberger. Am 14. Dezember immerhin konnte er sich noch noch kurz bei „Anne Will“ für Christian Wulff ins Zeug legen, dann war Sendepause. Seiner Öffentlichkeit beraubt, musste Jörges mitansehen, wie die deutschen Zeitungen im Gleichschritt das Schloß Bellevue stürmten, und wurde selbst durch den unglücklichen Umstand marginalisiert, dass er seine Kollegenschelte nur noch im Minderheitenmagazin „Stern“ und auf dem Spartesender N24 verbreiten konnte. Erst gestern abend kehrte er wieder in die den öffentlich-rechtlichen Deutungszirkus zurück, als einer der „Menschen bei Maischberger“.

Direktionen und Dissidenten

Es dauerte dann aber eine Weile, bis Jörges seine Medienkritik loswerden konnte. Immerhin kam er überhaupt dazu, schließlich werde „darüber üblicherweise in Talkshows nicht geredet“. Nach etwas fünfzig Minuten endlich konnte er vor der „Medienrepublik in Reinform“ warnen, in der gleichgerichtete Medien die öffentliche Diskussion bestimmen, ohne dass es noch „gravierende Meinungsunterschiede“ gäbe. Außer vielleicht ein paar tapfere Dissidenten wie Jörges, aber die zählen irgendwie nicht, zumindest für Jörges; die „Medien“, das sind schließliche immer die anderen.

So laufen Sie also dem „Medienoberhaupt“ Kai Diekmann hinterher und der „Direktionsrolle der ‚Bild‘-Zeitung“, ohne darauf hinzuweisen, warum diese „das so gemacht hat“. Was in der Tat eine sehr interessante Frage ist. Umso bedauerlicher, dass auch Jörges die Antwort nicht verriet. Wenigstens konnte er noch einmal auf die Rufmordkampagne gegen Bettina Wulff hinweisen, auf das „bösartige Gerücht“, welches mindestens „in zwei Zeitungen gestanden“ hatte und bei „Günter Jauch“ vor einem Millionenpublikum thematisiert wurde, und dank Jörges nun auch noch vor ein paar Zuschauern mehr.

Wie lange hält die Immunität?

Wer aber mittlerweile wirklich der elenden Debatte überdrüssig ist; wer glaubte, es wäre alles schon gesagt, außer bei Sandra Maischberger (und natürlich von Christian Wulff), der durfte miterleben, dass es auch Menschen gibt, deren Empörung vier Wochen nach der Enthüllung des Privatkredits der Frau von Herrn Geerkens nicht geringer geworden ist; eher im Gegenteil. Die Zumutung (wenn nicht das größte Skandalon), darauf wies etwa die Politikberaterin Gertrud Höhler hin (die Maischberger als „Wulffs schärfste Kritikerin“ vorstellte), ist nämlich nicht die Hartnäckigkeit der Medien, sondern die Geduld, die ein schweigender Bundespräsident der Öffentlichkeit abverlangt: „Wir wissen, es war alles schon deshalb nicht in Ordnung, weil wir jetzt seit Wochen damit beschäftigt sind, Verfehlungen so zu diskutieren als seien das Bündel von Fragen, die bislang nur ungeschickt beantwortet wurden.“ Man könne ja alles aufklären, sagte auch Michel Friedmann, nur müsse Wulff irgendwann mal damit anfangen: „Warum braucht er so viele Wochen?“ Das ist es eben, was niemand versteht: Warum dauert das solange? Man darf nur nicht vergessen, dass nicht die Medien der Adressat dieser Frage sind.

Es war die gleiche Frage, die der zugeschaltete Staatsrechtler Hans Herbert von Arnim sinngemäß der Staatsanwaltschaft Hannover stellte, welche seiner Einschätzung nach längst mit strafrechtlichen Ermittlungen gegen Wulff beginnen hätte müssen. Nach Ansicht Arnims hat Wulff gegen den § 331 des Strafgesetzbuches verstoßen indem er Egon Geerken auf verschiedene Dienstreisen mitgenommen hatte. Ob dies den Tatbestand einer „Vorteilsnahme im Amt“ erfüllt, habe die Staatsanwaltschaft zu prüfen, so Arnim. Dass es sich bei solchen Reisen um keine „Kaffefahrt“ handle, wie Wulffs Schulfreund Joachim Kellermann von Schele erklärte, spiele dabei keine Rolle. Es käme nicht auf den tatsächlichen Vorteil an, nur darauf, „ob es eine Amtshandlung“ war. Dafür, so Arnim, spräche allein die „Fülle von verheimlichungsintensiven Akten“. Am Ende könne zwar theoretisch selbst ein Strafverfahren dem Bundespräsidenten nichts anhaben („rechtlich wird man ihn nicht los“), doch selbst ein erfolgloser Antrag auf Aufhebung der Immunität würde Wulff wohl politisch sein Amt kosten.

Privatleben und Horror Show

Wie schon bei Günther Jauch kämpfte (mit Wulffs Segen) auch gestern ein persönlicher Freund für den Bundespräsidenten: CDU-Mitglied Kellermann versuchte tapfer, die Zuschauer von der charakterlichen Integrität Wulffs zu überzeugen. Dem „Phänomen Wulff“ werde die mediale Darstellung nicht gerecht, er präsentierte gewissermaßen einen Wulff für Kenner, der mit dem „Tunnelblick auf Details“ nur schlecht erkennbar sei. Dass Journalisten, um nun auch einmal „die Medien“ zu kritisieren, so oft dazu neigen, es würde irgendeiner Sache dienen, wenn man weiß, wie jemand „wirklich“ ist, „als Mensch“, das ist leider in dieser Sache ein besonders kontraproduktiver Unsinn. Ob Christian Wulff „im Kern anders ist“ ist, im Gegensatz zu vielen seiner Freundschaften, nun wirklich seine Privatsache. Hilfreich wäre, er wäre im Amt anders. Dass Journalisten nun aber wissen wollen müssen, mit wem der Bundespräsident persönlichen Umgang hat und wo er Urlaub macht, liegt leider nicht nur an der Lust am Boulevard. „Diese Melodie hat er geschrieben“, sagte Höhler. Dass einige Journalisten nicht mehr auseinanderhalten könne, wo das Politische beginnt, und das Private aufhört, ist ausnahmsweise nicht ihr Problem.

Die schweigende Mehrheit aber, die so gerne herbeizitiert wird, um die Kampagnenvorwürfe zu erhärten, die artikulierte sich kürzlich so: Als er vor ein paar Tagen in Oberhausen auf der Bühne stand, erzählte der Schauspieler Sky Dumont, und dort vor 3500 Leuten etwas von einem „Mann von einger Überzeugungskraft aber sehr geringer Moral“ sprach, da rief jemand aus dem Publikum zurück: „Wie Christian Wulff“. Und alle anderen jubeln.

Auch Dumont hat dabei freilich eine Kleinigkeit verschwiegen: Das Stück, um das es geht, heißt „Rocky Horror Picture Show“.

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Jahrgang 1970, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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