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FAZ.NET-Frühkritik : So weit ist es nun gekommen

Günther Jauch Bild: dpa

In der Sendung „Günther Jauch“, die an sich nicht schlecht war, wurde Günter Grass vom moralisch fragwürdigen, politisch rechthaberisch-blinden Verseschmied zum seriösen Leitartikler promoviert.

          Günter Grass hat, nachdem auch Wohlmeinende ihn für sein Gedicht kritisiert hatten, gesagt, er hätte, statt pauschal von Israel, seinem Staat und Volk, zu reden, lieber von der Regierung Netanjahu sprechen sollen. Wenn es noch eines Beweises für die Unaufrichtigkeit oder sagen wir gleich: Verlogenheit dieses Autors bedurft hätte – hiermit war er gegeben. Man überlege: Der Gestus des Gedichts ist: Jahrzehntelang habe ich mir auf die Zunge gebissen, weil man in Deutschland Israel ja nicht kritisieren darf; jetzt aber, wo der Weltfriede bedroht ist, und zwar durch Israel, kann ich nicht länger schweigen.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Ersetzte man also, getreu Grassens befremdlichem Korrekturvorschlag in eigener Sache, Israel durch „Regierung Netanjahu“, dann hätte sich der affektive, rhetorisch plump umkreiste Kern des Gedichts in nichts aufgelöst, und es hätte dann eben gar nichts gesagt werden müssen. Denn wer, der noch halbwegs bei Sinnen ist, würde es als Tabu bezeichnen, dass die Regierung Netanjahu auch von deutscher Warte aus kritisiert wird?

          Nun hatte Grass aber eben ganz eindeutig von Israel als solchem gesprochen, und kein Tintenkiller der Welt kann diesen Eindruck, den er in der lächerlichen, abgestandenen Pose eines Tabubrechers mit letzter Tinte erzielte, mehr tilgen. Die Ausrede verfängt also nicht – genauso wenig, wie sein bis heute viel zu wenig beanstandeter Selbstwiderspruch anno 2006 in der SS-Sache, diese sei ja einerseits bloß ein biographisches Detail, das ihm aber, „aus nachwachsender Scham“, sechzig Jahre lang die Sprache verschlagen habe.

          Man sollte also wissen, mit wem man es zu tun hat. Mittlerweile muss man aber annehmen, Grass hätte jüngst kein schlechtes, politisch dummes und moralisch fragwürdiges Gedicht geschrieben, sondern einen Leitartikel von beispielloser Erkenntnisklarheit, Wucht und Wirksamkeit. So konnte es einem zumindest beim Ansehen der Günther-Jauch-Sendung „Der Blechtrommler – Was ist dran an Günter Grass‘ Israel-Kritik?“ vorkommen.

          Intelligente Publizisten sehen alle mögliche Kriegsschuld bei Israel

          Am Moderator lag es nicht, der hielt sich angenehm zurück, ließ jeden ausreden und kann im übrigen nichts dafür, dass es Grass nun doch gelungen ist, dass inzwischen fast nur noch darüber gesprochen wird, ob man Israel nun kritisieren darf oder nicht. Man darf und tut es ja laufend, manchmal sogar aus guten Gründen, manchmal aus weniger guten. Alle können damit leben, Israels Existenz ist davon jedenfalls nicht bedroht. Bedroht könnte sie eher sein durch Meinungen, die Leute vom Schlage Jakob Augsteins oder des Nahost-Experten Michael Lüders verbreiten: Israel, behaupteten beide, sei ja gar nicht bedroht, zumindest nicht durch Iran, das gar keinen Krieg gegen es wolle und auch gar nicht die Mittel dazu hätte. Augstein versuchte sich hier genauso als außenpolitischer Militärexperte wie kürzlich seine Schwester Franziska, die bei Maybrit Illner ähnliches gesagt hatte.

          Was daran erstaunt, ist, dass hier intelligente Publizisten, die auch gerne meinungsbildend tätig sein wollen, alle mögliche Kriegsschuld bei Israel sehen und dabei so sehr zu Gunsten eines Holocaust-Leugners wie des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad argumentieren, in dem Grass ja bloß einen „Maulhelden“ sieht. Jakob Augsteins Strategie, die wiederholt von iranischer Seite ausgesprochene Vernichtungsandrohung gegenüber Israel mit vorgeblichen Übersetzungsfehlern zu entschärfen, verfing jedenfalls nicht. Aber so lange gewisse Leute so reden, so lange ist es eben nötig, daran zu erinnern, dass Israel der einzige Staat auf der Welt ist, dessen Existenzrecht in Zweifel gezogen wird, was einem sonst ja wahrscheinlich irgendwann zu dumm würde.

          Heide Simonis hielt bei der Lektüre des Gedichts die Luft an

          Es war auch Jauch zu danken, dass es in seiner Sendung eigentlich keine Rolle spielte, ob Grass nun ein Antisemit sei oder nicht. Niemand behauptete dergleichen, der eingeblendete „Blechtrommel“-Regisseur Volker Schlöndorff sowieso nicht; der mit bemerkenswert nüchternen, fast fatalistisch achselzuckenden, ausgesprochen abgeklärten Äußerungen zugeschaltete Marcel Reich-Ranicki nicht, der das Nötige neulich schon in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ gesagt hatte; aber auch alle anderen nicht: nicht der sehr klar und entschieden argumentierende Bundesentwicklungshilfeminister Dirk Niebel (FDP), der das von Israel einmal verhängte Einreiseverbot nach Gaza offenbar gar nicht persönlich nahm und nun ganz einfach sagte, es sei ja wohl noch das Recht Israels, einem ehemaligen SS-Mitglied die Einreise zu verbieten; und auch der Historiker Michael Wolffsohn sprach überzeugend und analytisch.

          Die ehemalige Ministerpräsidentin Heide Simonis (SPD) gab zu, bei Lektüre des Gedichts zunächst einmal die Luft angehalten zu haben; und der Schauspieler Michael Degen, der dem Holocaust entkam, brachte, zuweilen auf nicht unsympathische Weise konfus, vor, was man Entrüstung eben so von ihm kennt.

          Dies alles wäre schön und gut, richtig und vielleicht auch wichtig, wenn damit Günter Grass nicht die Ehre angetan würde, etwas geschrieben zu haben, das eine politische Debatte in Gang gesetzt hat, die man für notwendig hält. Doch das ist sie nicht. Um es klar zu sagen: Einen Zungenlöser wie Günter Grass, der, wie Niebel ganz richtig bemerkte, schon Ursache und Wirkung (Iran als Aggressor und Israels Selbstverteidigung) miteinander verwechselt, brauchen wir nicht.

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