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FAZ.NET-Frühkritik „Maybritt Illner“ : Die Daumenschrauben

  • -Aktualisiert am

Maybritt Illner Bild: dapd

Eigentlich wollte Maybrit Illner über den griechischen Beinahe-Volksentscheid diskutieren. Oder über China. Statt dessen erinnerte Kurt Biedenkopf an das Versagen der europäischen Staaten vor der Krise.

          Die Krise, in der wir uns befinden, ist auch eine Krise der politischen Kommunikation. Das ist kein Geheimnis. Man merkt es jeder Protestkundgebung an, die dem Frust und Ohnmachtsgefühl der „99 Prozent“ entspringt, jeder durchgeschliffenen Pressemitteilung der Parteien, Verbände und Institute, und erst recht jeder der politischen Talkshows, in denen sich die Gäste an ihren ausgefransten Schlagwortkatalogen festklammern, als bliebe ihnen im medialen Temporausch nichts anderes übrig. Von den Denkverboten gar nicht erst zu reden.

          Insofern war es erfreulich, dass sich zumindest die Aufregung um die griechische Volksabstimmungsidee in den Stunden vor Sendebeginn von „Maybrit Illner“ gelegt hatte. So wurde möglich, was in diesem Rahmen selten möglich wird: ein vergleichsweise ruhiges und ausgewogenes Gespräch.

          Zwar verführte die Leitfrage der Sendung – unter den atemberaubenden Vorzeichen „Gefährdet Demokratie unseren Wohlstand?“ dachte die Redaktion je nach Laune zwischen Griechenland, China und dem Protest auf den Straßen hin und herschalten zu können – die Moderatorin noch immer zu hochtourigen Formulierungen wie jener, mit denen sie die Zuschauer des „heute-journals“ herüberlocken wollte: „Eine große Frage stellt sich plötzlich: Können wir uns Demokratie noch leisten?“ Sie sprach auch von „Daumenschrauben“, die Europa den Griechen angelegt habe.

          „Staatsschulden gefährden die Demokratie“

          Gleichwohl entwickelte sich schon angesichts der chaotischen und sensiblen Lage in Athen ein angenehm zurückhaltender Gedankenaustausch zum Stand der europäischen Dinge, aufgehängt an der Beobachtung der Attac-Aktivistin Jutta Sundermann, die Politik lasse sich von den Finanzmärkten treiben – fort von der Demokratie.

          BDI-Präsident Hans-Peter Keitel
          BDI-Präsident Hans-Peter Keitel : Bild: dapd

          Sicher, es fehlte auch diesem Austausch an einer Moderation, die einhakte und nachsetzte und irritierte, wie so oft. Das Gespräch aber lief, und dies war vor allem einem Herrn zu verdanken, der elf Jahre jünger ist als Helmut Schmidt und trotzdem abendfüllend dozieren kann. Deutlicher und verständlicher als die meisten Politiker, die jünger sind in den letzten Monaten über die Krise sprachen, erinnerte der mittlerweile 81 Jahre alte CDU-Mann Kurt Biedenkopf an die offenen politischen Baustellen einer alternden Gesellschaft und die Ratlosigkeit kommender Generationen und sagte: „Was die Demokratie gefährdet, ist die Bereitschaft der Staaten, sich zu überschulden.“ Nur überschuldete Staaten könnten von den Finanzmärkten getrieben und erpresst werden, nur Händler spekulieren, denen Geld im Überfluss zur Verfügung stehe. „Die Geldschwemme ist eine Konsequenz staatlichen Handels.“

          Auch Griechenlands Probleme, sagte Biedenkopf, gingen letztlich auf politische Entscheidungen zurück. Griechenland sei dabei von den wachstumsvernarrten Staaten Europas ohne Rücksicht auf seine kurze demokratische Erfahrung „in ein System gepackt worden, in dem Geld sehr billig war.“ Umso wichtiger sei es, dem Land nun langfristig zu helfen, einen „business plan“ aufzustellen und zugleich auch den eigenen Kurs zu korrigieren.

          Der reiche Onkel aus China

          Womit wir, da die Runde den großpolitischen Tabubruch des Tages nicht schärfer zu kommentieren wagte, bei China wären. Denn theoretisch, das ist klar, könnte die europäischen „Business-Pläne“ der nächsten Jahre auch darin bestehen, im Bedarfsfall beim reichen neuen Onkel im Fernen Osten anzurufen. „Nie war Europa so billig wie jetzt“ kicherte ein Einspielfilmchen der Redaktion. Als müssten wir bald alle Glückskekse essen, und zwar mit Stäbchen.

          Kurt Biedenkopf
          Kurt Biedenkopf : Bild: AP

          Die Gäste hatten trotzdem keine Lust, an einem Tag wie diesem erregt über Chinas Niedrigstlöhne, Politikverständnis und Großmachtpolitik zu diskutieren. Nicht, dass diese Dinge heruntergespielt worden wären. BDI-Präsident Hans-Peter Keitel aber mimte nicht noch einmal so dezidiert den Mahner wie neulich in der Presse, der Journalist Felix Lee und Martin Richenhagen, ein in Amerika als Manager arbeitender Deutscher, wiesen auf das nüchterne chinesische Interesse an einer guten Geldanlage und Gesundung Europas hin: „Noch blickt man dort mit Bewunderung nach Westen.“

          Kurt Biedenkopf riet dazu, die mit China verbundenen Chancen zu sehen: „Typisch, dass ein wohlhabendes alterndes Volk jede Art von Veränderung erst mal als Bedrohung wahrnimmt.“ Und Frau Sundermann sagte, es gäbe derzeit eine Reihe anderer Herausforderungen, denen man sich stellen müsse – in Europa.

          Vermutlich haben Sie recht, alle miteinander.

          Quelle: FAZ.NET

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