Dieser Frühling ist ein böser Frühling. Zumindest im Fernsehen, denn händeringend suchen Moderatoren auf ihren Sofas seit rund zwei Wochen nach Antworten auf die Frage, warum denn Menschen anderen Menschen so furchtbare Sachen antun. Warum ein Norweger 77 Menschen umbringt, warum Serienmörder kleine Kinder töten, warum ein Familienvater seine beiden Nichten ermordet? Im letzteren Fall von Krailling sollte doch die langjährige Ehefrau des gerade in München verurteilten Mörders vielleicht Antworten haben. Da kann man doch mal nachfragen: „Merkt man das nicht, dass sich da etwas anbahnt?“, wollte daher Sandra Maischberger Dienstagnacht von Ursula S. wissen? Und, Überraschung, Ursula S. hat nichts gemerkt.
Stattdessen durfte sie sich minutenlang darin ergehen, wie sehr sie doch betroffen ist von den Morden an ihren Nichten, dass sie „nächtelang geheult“ habe, dass ihr Mann ihr immer die EC-Karten weggenommen, den eigenen vier Kindern Backpfeifen verpasst habe und neben Habgier doch sicher noch ein anderes Motiv in Frage komme. „Da war zuviel Hass.“ Alles Dinge, die sicher das Gericht in der Beweisaufnahme auch interessiert hätten, dort allerdings hat Ursula S. von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch gemacht. Das hatte sie jedoch nicht daran gehindert, sich schon zuvor in Medien zu Mann und Morden zu äußern, was wiederum den Vorsitzenden Richter während der Verhandlung zu der Bemerkung veranlasst hatte: „Wahrscheinlich zahlen die besser als wir.“
All das erfuhr der Zuschauer aber nicht, stattdessen wunderte man sich nur darüber, warum Frau Maischberger sie mit „Ursula S.“ vorstellte und mit „Frau S.“ ansprach. Es durfte kein Name genannt werden, um ihre vier Kinder zu „schützen“, obwohl doch Frau S. gut erkennbar für jeden leibhaftig auf dem Sofa saß und bedrückt in die Kamera schaute.
Entmenschlichung der Opfer
Jedenfalls konnte auch Frau S. nicht erklären, wie ihr Mann zu diesen Taten fähig war, und so fragte Sandra Maischberger die Fachfrau: Das war an diesem Abend die forensische Psychiaterin Heidi Kastner aus Österreich, die schon Josef Fritzl exploriert hat. Frau Kastner sprach dann von der „Entmenschlichung“, dass Mörder ihre Opfer zu reinen Objekten eigener Machtbedürfnisse machen. Das hörte sich schon besser an als all die „da-ist-man-ja wirklich-fassungslos“-Ausrufe von Sandra Maischberger, doch viel näher an das Wesen des Verbrechens bringt das auch nicht. Wie sollte es auch.
Keiner der „Menschen bei Maischberger“ hatte eine Antwort auf die Frage nach dem Warum: nicht der Strafverteidiger Uwe Krechel, der schon viele Mörder verteidigt hat, ein Buch darüber schrieb, im Fernsehen in einer Gerichts-Soap mitspielt und froh ist über den demokratischen Rechtsstaat („Wir können nicht alle in Sicherungsverwahrung stecken, und das wollen wir ja auch nicht.“). Auch nicht Iris Pfeifer, die vor Jahren ihren seit langem prügelnden Mann im Schlaf erstochen hat - hier hätte die Moderatorin die Chance ergreifen und über Morde unterschiedlicher Qualität sprechen können, denn neben den Verbrechen, die in dieser Runde zur Sprache kamen, wirkte Pfeifers Tat zu Recht wie ein Ladendiebstahl. Stattdessen wurden weitere Untaten aufgefahren: Neben einer Mordverurteilten und der „Ex-Ehefrau eines Mörders“ war auch noch eine „Mutter eines Mörders“ geladen, die zwar ihren verurteilten Serienmörder-Sohn so schnell nicht wieder in Freiheit sehen will, aber auch keine Erklärung dafür hat, warum ihr Sohn vier Frauen tötete.
Unerklärt, aber besiegt
Dass das Böse am Ende nicht immer siegt, zeigte zumindest das einzige Opfer, das in dieser Sendung zu Wort kam. Bianca Scholz überlebte einen Mordversuch zweier Jugendlicher, die sie fast totgestochen hätten. Sie ist seitdem querschnittsgelähmt, doch ihrer Würde konnte die Tat nichts anhaben. Sie hat die Sendung am Ende davor gerettet, nicht nur als Talkshow des Grauens im Wortsinne in Erinnerung zu bleiben: Allein durch die Antwort auf die Frage, warum sie den Lebensmut nie verloren hat: „Als ich das erste Mal im Rollstuhl rausgefahren wurde, so mit Decke über den Beinen, da habe ich die Erde unter mir gesehen. Da dachte ich: ‚Da unter der Erde könntest Du jetzt auch liegen.’ Ich war froh, dass es nicht so ist.“
Warum die Täter sie umbringen wollten, obwohl sie ihnen ihr Geld und den Schlüssel zum Tresor des Fitnessstudios ihres Arbeitgebers gegeben hatte, will Sandra Maischberger wissen. Doch das ehemalige Opfer kommt nicht dazu, zu antworten, da der (an diesem Fall nicht beteiligte) Strafverteidiger die Antwort weiß: „Ganz klar aus Angst vor Entdeckung.“ Dass die Täter, die ihre Tat sorgfältig geplant hatten, sich auch hätten maskieren können, warf sie noch leise ein, doch das ging schon in der Abmoderation unter. So bleibt es im Verborgenen, das Böse, im tiefen schwarzen Schlund, und auch in dieser Talkrunde kann es keiner der Gäste ans Licht zerren und mit dem Finger drauf zeigen.
„Die forensische Psychiaterin Frau Kastner sprach dann von der
„Entmenschlichung“,
Birgit Zendel (BAZen)
- 26.04.2012, 03:36 Uhr
Die Tragik des Menschen
Raika Geng (Lailaps)
- 25.04.2012, 11:26 Uhr
Das Böse
axel greve (AGreve)
- 25.04.2012, 10:53 Uhr
Einspruch euer Ehren!
Klaus-Dieter Berger (kinnas)
- 25.04.2012, 10:17 Uhr
Prägnanter Artikel
Hajo Kling (brainentrainment)
- 25.04.2012, 09:26 Uhr