13.02.2012 · Bei Günther Jauch ging es abermals um Christian Wulff. Peter Hintze gibt seinen letzten Verteidiger. Hiltrud Schwetje, die ehemalige Frau des früheren Kanzlers Schröder, hält Wulffs Tage im Amt für gezählt.
Von Michael HanfeldAm 5. Dezember 1999 waren Peter Hintze und Christian Wulff zu Gast in einer Talkshow im ersten Programm. Gastgeberin war Sabine Christiansen und es ging um das Thema: „Politik – Ein Geschäft ohne Moral“ (vor dem Hintergrund eines Parteispendenskandals der Union). Glauben wir Günther Jauch und dessen Mannschaft, die für ihre Sendung am Sonntagabend einen Ausschnitt von damals aus dem Archiv holten, sagte Christian Wulff vor mehr als zwölf Jahren den entscheidenden Satz.
Bei Günther Jauch wurde jetzt nicht mit, sondern wieder einmal über Christian Wulff geredet, der nicht mehr Oppositionspolitiker und auch nicht mehr Ministerpräsident von Niedersachsen, sondern Bundespräsident ist. Peter Hintze ist auch längst nicht mehr Generalsekretär der CDU, doch er sieht immer noch so aus und - berät seinen Parteifreund Wulff. Und er geht zu Jauch und redet. Und wie. Er sprach für den Bundespräsidenten eine Verteidigungsrede, die sich gewaschen hatte, griff die „parasitäre Berichterstattung“ über das „kleine Eigenheim in Großburgwedel“ an (so dass man gleich an das alte Wort von den Journalisten als Schmeißfliegen denken musste) und behauptete, alles, was Wulff je vorgeworfen worden sei, sei inzwischen widerlegt worden, alle Sachverhalte seien geklärt.
Da müssen wir wohl angesichts der vielen Geld- und Reisegeschichten in bar irgendetwas nicht richtig mitbekommen haben. Die 500.000 Euro aus dem Hause Geerkens; die Umwandlung des sogenannten Kredits bei der BW-Bank; die Zuschüsse für die Werbung zu einem Wulff-Buch von Karsten Maschmeyer; die Finanzierung eines zweiten Wulff-Buchs durch den Filminvestor David Groenewold; die Hoteltour mit demselben, für die Wulff wiederum in bar aufgekommen sein will; das Einsammeln der Hotelbelege durch Groenewold – alles geklärt? Alles im Lot, alles in Butter, alles im Reinen, etwa angesichts der Nähe zwischen dem Politiker, der für Filmfonds warb, und dem Filmfondsmacher, der mit ihm um die Häuser zog?
Man kann in der Tat den Überblick verlieren, man kann sich durch die vierhundert Antworten wühlen, die Wulffs Anwälte auf die Fragen von Journalisten gegeben haben und wird in diesen die Wahrheit doch nur zwischen den Zeilen finden. Was wir glauben sollen, ist: Christian Wulff wusste von nichts, und zwar immer. Und er bezahlte immer, aber erst im Nachhinein und immer in bar. Und solange man uns das, bis zum gerichtsfesten Beweis des Gegenteils, glauben machen kann, wird Christian Wulff auch nicht zurücktreten. Mögen da noch so viele, wie an diesem Abend bei Jauch Gertrud Höhler, Klage führen, das Amt des Bundespräsidenten sinke im Ansehen rapide, weil der Amtsinhaber dieses durch sein Verhalten demontiere – zurücktreten wird Wulff deswegen noch lange nicht.
Wie schwierig es ist, ihn in dieser Lage zu verteidigen, zeigte an diesem Abend der Redeschwall von Peter Hintze, der mit der Addition von Kleinigkeiten den Blick aufs Ganze zu verstellen suchte. Hintze redet, wie der FC Bayern Fußball spielt – siebzig Prozent Ballbesitz und am Ende vielleicht doch eine Niederlage. Wobei Heide Simonis, die einstige Ministerpräsidentin, und der Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl, dessen Frau bekanntlich für die CSU Politik macht, auf dem Feld nicht weiter ins Gewicht fielen.
Und das tat auch nicht Hiltrud Schwetje, die frühere Frau des früheren Bundeskanzlers Gerhard Schröder. Sie betonte, dass es die Wulff unterstellte zu große Nähe zwischen Politik und Wirtschaft zu ihrer Zeit als First Lady Niedersachsens nicht gegeben habe. Auf die besondere Beziehung ihres Ex-Manns zu dem Finanzindustriellen Karsten Maschmeyer ging sie leider nicht genauer ein. Dabei hat Maschmeyer nicht nur eines von Wulffs Büchern mit 42.000 Euro unterstützt, sondern Gerhard Schröder seinerzeit die Rechte an dessen Memoiren für eine Million Euro abgekauft, nicht zu vergessen die zunächst anonyme Werbekampagne für Schröder im Wahlkampf 1998. Es sei klar, dass Wulff in einer, spätestens in zwei Wochen zurücktreten müsse, sagte Hiltrud Schwetje. Wir hätten gerne gewusst, was sie da so sicher macht.
Seiner Sache sicher war Günther Jauch. En passant flocht er ein, dass die Frage mit den 500.000 Euro noch genauso offen sei wie die nach den Gründen für die Entlassung von Wulffs Pressesprecher Olaf Glaeseker. Dass Angela Merkel vom Ansehensverlust des Bundespräsidenten derweil nachgerade zu profitieren scheint, war Jauch nicht entgangen.Und auch nicht, dass der Nicht-Rücktritt des Bundespräsidenten etwas mit der finanziellen Versorgung Christian Wulffs zu tun haben könnte, mit der Frage des Ehrensolds, den ein Präsident ja vielleicht nicht bekommt, wenn er aufgrund persönlicher Verfehlung aus dem Amt scheidet. Und was wäre dann? Eine Karriere als Anwalt, oder gäbe es einen Beratervertrag mit einem Unternehmen (nach dem Vorbild etwa Gerhard Schröders) für Christian Wulff? Wohl kaum. „Von dem würde niemand ein Stück Brot nehmen“, sagte Jauch. Auch das ist ein Grund, nicht zurückzutreten.
Peter Hintze zählt zu den Letzten, die man in Fernsehtalkshows als Verteidiger Christian Wulffs erleben kann. Doch was ist, wenn auch Hintze nicht mehr kommt? Dann wird über den abwesenden, aber amtierenden Bundespräsidenten weiter geredet, um den herum sich langsam ein Vakuum bildet, wie man bei seinem schlecht besuchten Berlinale-Empfang schon sehen konnte.
„Das einzige, was uns weiterhilft, ist rückhaltlose Aufklärung“, sagte Christian Wulff am 5. Dezember 1999 in der Talkshow von Sabine Christiansen im Ersten.
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