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FAZ.NET-Frühkritik „Hinterher wird der Patient vermurkst“

 ·  Ärztepfusch, wohin man blickt. Verkeimte Kliniken, versaute Schönheitsoperationen. Ist es da nicht Zeit, ein Exempel zu statuieren? Der unskandalöse Skandalabend bei Anne Will.

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Dass die Menschen ein gesundes Verhältnis zur Institution Krankenhaus haben, dass sie Nutzen und Risiken eines medizinischen Großbetriebs einigermaßen ausgewogen wahrnehmen könnten, ist so ein Gerücht, das zu widerlegen der Mühe erst gar nicht wert ist. Das muss sich die Redaktion der Nachttalkerin Anne Will gedacht haben, als sie den Titel für diese Sendung formulierte: „Eingeliefert, ausgeliefert: Wenn das Krankenhaus zum Risiko wird.“ Tatsächlich ist Angst ein Aspekt, vielleicht sogar der wichtigste zurzeit, der dieses Verhältnis ausmacht. Erst recht nach dem neuerlichen Hygiene-Skandal um tote Frühchen im Klinikum Bremen-Mitte und dem Brustimplantate-Skandal.

Ein Exempel statuieren

Ist es also nur gerecht und richtig, wenn ein so erfahrener Gesundheitspolitiker wie der Obermediziner der Sozialdemokraten, Karl Lauterbach, an diesem Abend sagt: „Erst werden die Leute bei uns für zehntausende Euro operiert, und dann wird der Patient hinterher vermurkst?“ Natürlich hat Lauterbach recht, und nicht mal sein politischer Gegner Jens Spahn von der christdemokratischen Bundestagsfraktion hatte auch nur den geringsten Anlass, der Forderung Lauterbachs zu widersprechen, in Bremen müsse „ein Exempel statuiert werden“.

Die Verkeimung der Krankenhäuser wegen mangelnder Hygiene ist ja in der Tat schon zu einer Art Dauerskandal geworden. Kaum etwas muss die Behörden derzeit mehr beschäftigen als antibiotikaresistente Keime, die hierzulande in einer Zahl zu Blutvergiftungen und Tod führen, die – verglichen etwa mit den viel restriktiveren Niederlanden – auch in der großen Mehrheit der Ärzteschaft als untragbar bezeichnet wird.

Versager auf allen Ebenen

Insofern war der Anlass und der Anfang der Anne-Will-Sendung eine mehr als gerechtfertigte Skandalisierung des medizinischen „Normalbetriebs“. In diesen Kontext passte auch der Fall des Reporters Dagobert Lindlau, der nach einem Infarkt seit ein paar Jahren mit einer teuren Herzschrittmachersonde lebt, die aus einer nachgewiesenermaßen fehleranfälligen Charge eines Medizinprodukteherstellers stammt. Was tun? Rausoperieren, klagen, drin lassen? Verdammte Versager schreit da der gesunde Menschenverstand. Und wer wollte bestreiten, dass die Versager auf allen Ebenen unterwegs sind, uns jeden Tag begegnen könnten im Medizinbetrieb?

Caroline Beil, die Moderatorin und Schauspielerin, brachte dafür ein alltagstaugliches Exempel: Die Unfähigkeit des Hausarztes ihres krebskranken Vaters, der es monatelang versäumte, die für einen schwer hustenden, rauchenden und älteren Patienten offenkundigen Untersuchungen vorzunehmen – aus Sparsamkeit, aus Unfähigkeit? Und wie anders als katastrophal ist es zu bewerten, wenn der Klinikarzt schließlich, der ihrem Vater die schlimme Diagnose fortgeschrittener Lungenkrebs zu überbringen hatte, sich vor einer Aufklärung drückt und der Familie einen Arztbrief mit dem üblichen unverständlichen Fachchinesisch in die Hände drückt?

Mit einem Wort: Im Medizinbetrieb ist nicht nur ein Wurm drin. Da wimmelt es von pfuschenden Ärzten. Nur warum, fragt man sich, führen Behandlungsfehler und Missstände , wie die in der Sendung sorgfältig ausgewählten, nicht dazu, dass die Leute einen großen Bogen um Krankenhäuser machen? Dass wir im Gegenteil sogar Weltmeister darin sind, den Arzt – und am Wochenende die nächste Klinik – aufzusuchen? Keiner von uns geht ins Krankenhaus, um krank zu werden. Trotzdem ist es deutscher Alltag, dass halbwegs gesunde Menschen oder jedenfalls Patienten, die noch einigermaßen weit vom krankenhausreifen Zustand entfernt sind, in Scharen in die Kliniken pilgern und sich dann wundern, wenn sie malade wieder rauskommen.

Es passiert wenig

Da können Gesundheitspolitiker wie Spahn und Lauterbach sich noch so wählergerecht echauffieren und für ihr neues – aber wie bei Anne Will schön deutlich wurde, zahnloses – Patientenrechtegesetz die Trommel rühren. Unter dem Strich reicht das Erregungspotential solcher Medizinskandale wie in Bremen-Mitte oder die Brustimplantate-Affäre offensichtlich nicht aus, die Probleme aus der Welt zu schaffen. Das Hygiene-Versagen in Deutschlands Kliniken ist nicht erst seit den toten Bremer Frühchen bekannt. Und trotzdem passiert wenig in den Krankenhäusern – zu wenig, politisch wie administrativ. Und warum? Weil es dem Politiker vielleicht gar nicht anders geht als dem Zuschauer, der am Ende der Sendung irritiert aber mehrheitlich sicher erleichtert zu hören bekommt, dass in Deutschland „jeder, wirklich jeder, Patient jede mögliche Behandlung bekommt“ und „die Versorgung hierzulande weltweit einmalig ist“.

Wenn solche Sätze aus dem Mund einer medizinischen Koryphäe wie dem Berliner Herzchirurgen Roland Hetzer kommen und unwidersprochen bleiben, dann weiß man: die Welt der weißen Götter ist noch in Ordnung, und sie wird es wohl auch bleiben, Skandal hin oder her. Und man darf sicher sein, die Krankenhäuser werden sicher nicht verwaisen.

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Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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