09.01.2012 · Christian Wulff findet kaum noch Fürsprecher, es gibt in der von ihm geschaffenen Lage keine guten Argumente mehr. Das musste auch Bernhard Vogel bei Günther Jauch erfahren.
Von Nils MinkmarChristian Wulff ist nicht mehr zu verteidigen. Darum verlor am Sonntag Abend die Sendung von Günther Jauch zum Thema, die zweite in kurzer Zeit, bald an Spannung.
Bernhard Vogel war pro Wulff gekommen. Vogel ist Kult. Er hat alles und das Gegenteil davon erlebt und beweist doch immer gute Laune, steht entweder kurz vor einem kolossalen Lachanfall oder ist gerade mittendrin. So war seine Verteidigung Wulffs von großer, philosophischer Gelassenheit geprägt. Er amüsierte sich über die Nervosität der anderen Teilnehmer der Runde, insbesondere Nikolaus Blomes von der „Bild“ und Georg Mascolos vom „Spiegel“.
Vogels Versuch war grundsympathisch und ehrenwert, weil er sich nicht drücken wollte, wenn nun, zu einem von ihm gewählten Mann, Reklamationen kommen. Aber er hatte bald keine Argumente mehr, weil er die zentrale Frage, ob der Bundespräsident in seinem Interview gelogen hat, nicht beurteilen kann, mangels Textkenntnis. Wulff macht es seinen Anhängern unmöglich, für ihn zu kämpfen: Solange der Bundespräsident den Text der Mailbox-Ansage nicht veröffentlicht, kann der Vorwurf gegen ihn nicht entkräftet werden. So bleibt die Frage von „Bild“-Mann Blome im Raum: Warum riskiert ein Bundespräsident so viel, spricht minutenlang auf das Band eines Journalisten, droht und lockt, wenn es ihm nur um die Verschiebung der Veröffentlichung eines Artikels um einen Tag geht? Hierzu reicht gewöhnlich ein Fax, wenn nicht eine Kurzmitteilung.
Vogel konnte dazu nichts sagen, weil er, wie die Mehrheit der Bundesbürger, die Ansage nicht hören darf. Als später noch die skurrilen Details der Kreditverträge zur Sprache kamen, sagte Vogel den Satz, der seine Verteidigungsstrategie zusammenfasste: „Es gibt die merkwürdigsten Sachen!“ Man spürte, bei allem Wohlwollen, eine große Distanz zwischen dem Weltverständnis Vogels und dem von Wulff praktizierten Herumfuchteln mit rollierenden Geldmarktkrediten zur Hausfinanzierung. Aber auch der, der nicht mehr zu verteidigen ist und sich selber am wenigsten zu verteidigen versteht, hat einen verdient, der etwas Nettes über ihn sagt und an die Milde erinnert, die hienieden walten sollte, wenn allzumal fehlbare Geschöpfe übereinander richten. Es ist eine schöne und menschliche, allerdings auch die letztmögliche Verteidigung, die man wählt, wenn zur Sache nichts Gutes oder Erhellendes mehr zu sagen ist.
Der Profi für solche Fragen war in der Runde der Berliner Strafverteidiger und Bestsellerautor Ferdinand von Schirach. In seinen Büchern geht es, wie in seinem Beruf, um Menschen, denen, wie Vogel sagte, „der Gaul durchgeht“, die sich im Gestrüpp verfangen und den Faden verlieren. Doch Schirach sprach nicht, wie zu erwarten gewesen wäre, als Verteidiger, wohl aber als Jurist, indem er auf einen Punkt aufmerksam machte, der bislang kaum eine Rolle spielte: Die Drohungen Wulffs am Telefon könnten als versuchte Nötigung gewertet werden, und wenn sie ein so hoher Repräsentant des Staates ausspricht, ist es noch schlimmer. Der Bundespräsident hätte sich möglicherweise strafbar gemacht. Schirach ist kein Scharfmacher, in seinen Büchern geht es immer um die Kontingenz von Schuld und Recht; darum, wie leicht die Grenze zwischen Verfehlung und Verbrechen verwischt wird. Wer Schirach gelesen hat, weiß, dass die armen Teufel, die vor deutschen Strafkammern landen, selten so viel Nachsicht, Geduld und Menschlichkeit erfahren, wie sie der Bundespräsident wiederholt einfordert. Darum wies er die Zumutung Wulffs zurück, der „Abbild, nicht Vorbild“ der Gesellschaft sein möchte.
In der Sache selbst gab es an diesem Sonntag nicht viel Neues. Georg Mascolo klärte die Lage mit seinem ersten Statement: Dass alles so lange dauert, dass also weder die Weihnachtspause mit der ihr vorangegangenen Erklärung noch das große Fernsehinterview zu einem Ende der Debatte führte, habe damit zu tun, dass der Bundespräsident nicht „die Kraft aufbringt, alles zu erklären“. Stattdessen tauchten dauernd neue Fragen, neue Probleme auf, so dass nichts mehr zueinander passe. Mascolo wies auf das Singuläre des Falls hin: Wulff habe in einer besonders massiven Art gegen die ihm ungünstig erscheinende Veröffentlichung interveniert, das sei absolut unüblich; und er habe Vorteile und Begünstigungen akzeptiert, die andere Spitzenpolitiker nie und nimmer angenommen hätten. Man könne Wulff also nicht damit entschuldigen, dass das alle machten, es immer so gewesen und eh nichts dran zu ändern sei. Wulff, so folgerte man nach Mascolos Ausführungen, ist ein ganz eigenes Kaliber.
Zu Bernhard Vogel gesellte sich später eine alte Freundin von Wulff, Angela Solaro, bei der er mal auf Norderney Ferien gemacht hatte. Das war aber nun nicht Gegenstand des Skandals. Man fragte sich, warum statt ihrer keiner der reichen Freunde Wulffs den Weg ins Studio gefunden hatte, Carsten Maschmeyer etwa, oder zumindest Egon Geerkens, um nochmal zu erklären, warum alles so unproblematisch ist.
Es ist mit diesem Skandal wie in einer Fernsehserie von David Lynch: Mit jeder Episode rückt die Lösung des Rätsels ferner. Mittlerweile wird gefragt, ob Egon und Edith Geerkens wirklich die Geldgeber für die aufgrund des anonymen Schecks gezogene Summe waren. Belege darüber gibt es nicht, nur die Beteuerungen von Wulff und Egon Geerkens. Es wird gefragt, ob das Geld wirklich nur geliehen und nicht doch geschenkt war? Belege über eine Tilgung wurden bislang nicht veröffentlicht. Es wird, um Vogel zu zitieren, zunehmend „merkwürdiger“.
Und das in einem Amt, das die Leute nicht, wie es immer so vornehm heißt, respektieren oder würdigen: Es ist ein Amt, das die Deutschen lieben. Wer mit einem Bundespräsidenten unterwegs ist, erlebt die Fülle des dutschen Vereinslebens, hört dauernd Blaskapellen, sieht, wie Torten und Blumensträuße überreicht werden, und erlebt Menschen, die aufgeregt sind, die sich freuen und viele, viele Fotos machen.
Bundespräsident, das ist der Teil des Staates, der allen, nicht den Parteien gehört, an den sich jeder wenden kann, der die schönen und manchmal auch die traurigen Tage begleitet. Wer es bekleidet, muss den höchsten Ansprüchen genügen, nicht den geringsten. Christian Wulff findet kaum noch Fürsprecher, es gibt in der von ihm geschaffenen Lage keine guten Argumente mehr. Er ist auf sich selbst zurückgeworfen, seine eigene Einmannbewegung: Occupy Bellevue.
Entschleunigung bitte
Hans Torberg (hanstorberg)
- 10.01.2012, 09:55 Uhr
Presselandschaft in Deutschland
Konstantinos Dafalias (ruamzuzler)
- 10.01.2012, 08:34 Uhr
Wellnesspräsident Wulff
Konstantin Schneider (bundesboy)
- 09.01.2012, 22:56 Uhr
Danke "Herr Doring" naturlich spielen die Medienblatter ein
mieses Prasidentenspiel ...
Peter Slater (Wales-Rhondda)
- 09.01.2012, 21:08 Uhr
"Herr Jauch" Sie haben sich der offentlichen Allgemeinheit
angeschlossen ohne stichhaltige ...
Peter Slater (Wales-Rhondda)
- 09.01.2012, 20:09 Uhr