28.11.2011 · Günther Jauch diskutierte am Sonntag über die „Generation doof“. So doof wie der Titel es vermuten ließ, war die Sendung zum Glück nicht. Sie endete mit einer verklausulierten Einladung.
Von Michael HanfeldTja, die letzte Frage konnte sich Günther Jauch einfach nicht verkneifen. Wenn er schon Monika Hohlmeier da sitzen hat, Tochter von Franz-Josef Strauß, ehemalige Kultusministerin und Europaabgeordnete der CSU, geht wohl kein Weg daran vorbei. Wie groß ist die Freude bei den Christsozialen über den sich zur Rückkehr anschickenden Karl-Theodor zu Guttenberg? Die Antwort war eine ausweichende: Sie persönlich freue sich, sagte Monika Hohlmeier, schließlich sei zu Guttenberg „eigentlich“ ein grundehrlicher Mensch und ein großes politisches Talent dazu. Und über seinen Fehler ärgere sich der ehemalige Minister bestimmt selbst am meisten.
Der Mann kann sich einiges herausnehmen, nach wie vor. Kaum ist er weg, ist er halb schon wieder da, obwohl er die Politik angeblich nicht braucht und vielleicht ja sogar auch nicht seine alte Partei, aber die wohl ihn. Und wenn nicht, könnte sie ja sehen, was sie von zu Guttenberg hätte, hätte der seinen eigenen Wahlverein. Schöne Aussichten.
Doch darum ging es am diesem Sonntag bei Jauch noch nicht, sondern um das zeitlos schöne Thema Bildung. Um die „Generation doof“ und um die Bildungsverlierer, von denen in der Sendung freilich nichts zu sehen war. Dafür wurden wir bekannt gemacht mit der vierzehnjährigen Jana Vijayakumaran, die schon ihren Ovid gelesen und Goethes „Faust“ auswendig gelernt hat und in zwei Jahren Abitur macht. Und mit der 72 Jahre alten Heide Steppke, die gerade ihr Abitur nachgeholt hat und mit achtzig ihr Studium beendet haben will. Wohl dem Bildungssystem, das solcherlei ermöglicht – ein perfekter zweiter Bildungsweg im dritten Lebensabschnitt. Die Rentnerbundesrepublik Deutschland geht jedenfalls nicht an Bildungsarmut zugrunde.
Oder doch? Der schon unzählige Male im Fernsehen vorgestellte Handwerksmeister, dessen Lehrlinge in spe nicht ausrechnen können, welche Fläche ein Tisch hat, der einen Meter breit und zweieinhalb Meter lang ist, legte es zumindest nahe. Die Grundschullehrerin Sabine Czerny aus Bayern und der Berliner Schuldirektor Michael Rudolph wiederum hielten auf ihre je eigene Weise dagegen. Sabine Czerny mit einem Plädoyer für individuelle Förderung und den Abbau des Notenterrors, der Leiter der Friedrich-Bergius-Schule mit grundlegenden disziplinarischen Maßnahmen. Pünktlichkeit, ja Anwesenheit im Unterricht generell war an seiner Schule das erste Lernziel.
Es ist kein Fehler, dass sich Jauch Praktiker in seine Sendung geladen hatte und nicht die üblichen Bildungsverweser, die sich in Nullkommanix in Sachzwangdiskussionen und OECD-Vergleichen ergehen. Mit diesen hatte es an diesem Abend an ehesten der Selfmade-Millionär Harald Christ, der in der SPD aktiv ist und von „Chancengleichheit“ und „Bildungsgerechtigkeit“ redete. Dafür sind alle, die Frage ist nur, was man darunter versteht und wie man die Ziele erreicht.
Und zu diesem Punkt führte die Debatte bei Jauch wiederum leider nicht. Es gibt Gründe für den Umstand, dass es Familien mit schulpflichtigen Kindern heute leichter fällt, ins Ausland zu gehen, als von einem Bundesland ins nächste zu wechseln. Die bildungspolitische Kleinstaaterei hat inzwischen ein Maß erreicht, das an die Zeiten der alten Fürstenherrlichkeit erinnert. Über Jahrzehnte gepflegte ideologische Kämpfe gepaart mit nicht enden wollendem technokratischem Strukturreformeifer haben das föderale Bildungssystem der Bundesrepublik ad absurdum geführt. Und wie Bildungspolitik realiter aussieht, jenseits der Fensterreden zu Wahlkampfzeiten, hat zum Beispiel die neue rot-grüne Landesregierung in Rheinland-Pfalz exerziert: Sie hat landesweit die Versorgung der Schulen mit Lehrerstellen gekürzt, was dazu führt, dass manche Fächer – da die entsprechenden Fachlehrer fehlen - nur noch halbjahresweise unterrichtet werden können. Die Bildungspolitiker wissen genau, dass in vier, fünf Jahren, wenn also wieder einmal gewählt wird, weniger Schüler als heute da sein werden. Da kann man schon mal vorausschauend sparen. Und das ist nur ein Beispiel.
Exerzierte man solche Fälle durch, käme man Lösungen vielleicht näher, hätte zumindest die Mechanismen und die Mechaniker beim Namen genannt. Und dann würden berechtigte Appelle wie jene der Lehrerin Sabine Czerny vielleicht nicht mehr wie fromme Wünsche klingen: Qualität des Unterrichts steigern, Schüler individuell fördern, Defizite, die manche Elternhäuser heute bedeuten, ausgleichen. „Wir schaffen es, dass die Kinder in kürzester Zeit die Lust am Lernen verlieren“, sagte die Lehrerin, die wegen ihrer „zu guten“ Notengebung Probleme mit dem Schulamt bekommen hat.
Felix Magath war an diesem Abend übrigens auch da. Einmal war er gefragt in seiner Eigenschaft als bekanntermaßen strenger Fußballtrainer, der dem jungen Spieler Julian Draxler bei Schalke seinerzeit geraten hatte, aufs Abitur ruhig zu verzichten und voll in den Profisport einzusteigen. Zum zweiten war Magath bei Jauch gefragt als sechsfacher Vater, dessen Familie mit Frau und Kindern seit Jahr und Tag bei München lebt, während er seine Arbeitgebervereine saisonweise wechselt. Felix Magath personifiziert also gewissermaßen die Misere. Viel dazu zu sagen hatte er aber leider nicht.
Günther Jauch tendiert generell leider dazu, populäre Gäste und vermeintlich ungewöhnliche Zeitgenossen ins Studio zu holen, die in der Addition aber nichts als ein Klischee-Panoptikum ergeben: die superschlaue Vierzehnjährige, die bildungsbeflissene Oma, die einfühlsame Lehrerin, der angeblich härteste Schuldirektor Berlins, die Bildungspolitikerin (die nebenbei auch noch studiert) und der Multimillionär von der SPD. Damit kriegt man sechzig Sendeminuten rum, bewegt aber sonst nicht viel.
Die Intendanten der ARD wollen heute und morgen angeblich darüber beraten, die Talkshow von Reinhold Beckmann vom Donnerstag zurück auf den späten Montagabend zu verlegen. Beckmanns Quoten sind seit der großen Talkshowreform, die in Wahrheit ein Überangebot ohne Inhalt ist, in den Keller gegangen. Den Kollegen Anne Will, Sandra Maischberger und Frank Plasberg geht es auch nicht viel besser. Die Sendergewaltigen aber haben Grund, ihr Talkshowprogramm von A bis Z auf den Prüfstand zu stellen.
Vorfreude auf den Lügenbaron
EinsZweiDrei Vierfünfsechs (HaDeTe40)
- 28.11.2011, 17:59 Uhr
Günther Jauchs Sendung, etwa "doof"?
Wilhelm Westerkamp (Ralf128)
- 28.11.2011, 15:09 Uhr
Zwei Minuten Hanfeld lesen ...
Hartmut Albrecht (Drahtfuchs)
- 28.11.2011, 12:45 Uhr
Keinen Biss
Marianne Spring (0915)
- 28.11.2011, 12:28 Uhr
Während der Sendung habe ich mich gefragt,
Eva M. (lynlyn)
- 28.11.2011, 12:22 Uhr