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FAZ.NET-Frühkritik: Günther Jauch : Vater Revoluzzer, Sohn Investmentbanker

Kleine Runde: Daniel Cohn-Bendit, Günther Jauch und Josef Ackermann Bild: ARD

Bei Günther Jauch trafen Daniel Cohn-Bendit und Josef Ackermann in einer etwas plakativen Diskussion über die Sünden der Banken aufeinander. Intellektuelle Gewinnprogonose: Mittelgut.

          Wer Dany Cohn-Bendit über einige Jahrzehnte beobachtet hat, weiß, dass er oft ein guter Gradmesser für das ist, was zu sagen gerade noch erlaubt ist. Der Versailler Vertrag war falsch, sagt er bei Jauch; man habe Deutschland in die Knie zwingen wollen, das habe zum Faschismus geführt. Und er weist auf die rechtsradikalen Parteien in Griechenland hin, die an Boden gewinnen, weil, wie er glaubt, der Fehler von Versailles soeben (unter deutscher Führung) wieder gemacht werde. Man weiß nicht recht, welche Kausalitäten vielleicht demnächst noch in der Grünen-Fraktion des Europäischen Parlaments wieder ins Gespräch gebracht werden. Aber vermutlich hat das Argument gar keinen strategischen, sondern nur einen taktischen Sinn: Denn auch das ist für Cohn-Bendit sehr charakteristisch.

          Lorenz Jäger

          Redakteur im Feuilleton.

          Ansonsten hatte ihm die Tagesschau um acht Uhr den Ball schon zugepielt, und Jauch ließ sich am Ende die Pointe nicht entgehen: Cohn-Bendit nämlich hatte die Proteste des Pariser Mai angeführt (heute leitet er die Fraktion der „Grünen“ im Europäischen Parlament), und nun sah man Leute mit Che-Plakaten (und zum Teil direkt kostümiert wie der Guerillero) unter roten Fahnen gegen den Mann auf die Straße gehen, den sie vermutlich mehrheitlich gewählt hatten: den Präsidenten Hollande.

          Auftritt: Ein Mephisto des Kapitals

          Es war eine plakative Konfrontation, die Jauch mit seinen Gästen inszenieren wollte; neben Cohn-Bendit (Jahrgang 1945) war Josef Ackermann (Jahrgang 1948) der einzige. Als „Revoluzzer“ stellte also der Moderator Cohn-Bendit vor. Und der gab, nicht ungeschickt, zurück: Wenn man ihn so nenne, könne man ähnlich abwertend auch von den Bankern als „Abzockern“ sprechen. In der Augenblicksrhetorik war Cohn-Bendit wie immer unschlagbar; der ruhigere Ackermann konnte naturgemäß weniger Studiobeifall für sich verbuchen. Dany nannte den Bankier „das warme teuflische Gesicht des Kapitalismus“ und meinte: Mephisto. Ein sympathischer Mann an der Verantwortungsspitze eines unsympatischen, ja unsittlichen Handelns.

          Laut Daniel Cohn-Bendit ist er „das warme teuflische Gesicht des Kapitalismus“: Josef Ackermann
          Laut Daniel Cohn-Bendit ist er „das warme teuflische Gesicht des Kapitalismus“: Josef Ackermann : Bild: ARD

          Tatsächlich waren sich der Bankier und der Revoluzzer in vielem einig. Die leidige Frage der überhöhten Boni für die Bankleute schien bald einvernehmlich geregelt, indem auch Ackermann zugestand, man müsse die so hoch Bezahlten auch mit Obligationen am Risiko beteiligen. Aber der Wettbewerb um die rar gesäten Talente sei international nun einmal hart, da bleibe kein großer Spielraum.

          Cohn-Bendit aber begann nun wirklich eine kleine Neid-Debatte, als er auch noch die hohen Summen für Fußballer ins Spiel brachte. Ein Monatseinkommen, das zehn- oder auch zwanzigmal so hoch sei wie das einer Krankenschwester, lasse er sich gefallen, aber vierhundertmal? Nein und abermals nein.

           Daniel Cohn-Bendits Sohn will Investmentbanker werden.
          Daniel Cohn-Bendits Sohn will Investmentbanker werden. : Bild: ARD

          In diesem Moment hätte Jauch eigentlich die Lacher auf seiner Seite haben müssen, als er ein biographisches Detail über Cohn-Bendit mitteilte: Dessen Sohn nämlich will was werden? Revoluzzer? Nein: Investmentbanker. Drei Sekunden Verlegenheit beim roten Dany, und keiner im Publikum lacht, dann redet der Grüne munter weiter über die „Parallel-Gesellschaft“ dieser Großverdiener, die streng beobachtet und reguliert werden müsse.

          Warum Josef Ackermann nicht mehr grün ist

          Ackermann sprach viel über die deutsche Führungsrolle in Europa, sie sei notwendig, obwohl paradoxerweise gerade von den Deutschen selbst nur zögernd eingegangen. Im nationalstaatlichen Rahmen könne man den anderen Wirtschaftsgroßräumen - er sagte: „Blöcken“ - nicht ebenbürtig begegnen. Cohn-Bendit sprach von einem „postnationalen“ Europa, in dem der Eindruck einer deutschen Vorherrschaft sich schädlich auszuwirken beginne, die Bundesregierung säe „Hass“, so glaubt er.

          Insgesamt ist der Erkenntiswert solcher Streitgespräche nicht allzu hoch zu veranschlagen. Am Schluss gab Ackermann dann wirklich einmal den Mephisto, und das wahr sehr klug und sehr gut. Jauch fragte ihn, mit welcher Partei er denn am meisten sympathisiere. Antwort: In seiner Jugend wären es vermutlich die Grünen gewesen, heute aber mehr die bürgerlicheren Kräfte. Cohn-Bendits pikiertes Gesicht in diesem Augenblick zu sehen, war es wert, die Stunde bei Jauch verbracht zu haben.

          Quelle: FAZ.NET

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