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FAZ.NET-Frühkritik: Günther Jauch : Am liebsten einen Bio-Händel

Der Massenhaltung entronnen: von Tierschützern befreite Hühner in vorbildlich artgerechter Haltung Bild: Schoepal, Edgar

Als Vorgeschmack auf den kommenden Wahlkampf diskutiert man bei Günther Jauch über Für und Wider der biologischen Landwirtschaft. Eine wort- und gefühlsreiche Fernsehköchin macht die Sendung zu ihrer großen Show.

          Das Publikum im Studio macht den Blindtest mit Boskop-Äpfeln. Sarah Wiener aber, dem quirligsten und gesprächigsten Gast dieser Talkshow, ist das viel zu banal. Sie rutscht auf ihrem Stuhl nach links und rechts und laviert lang herum, bevor sie sich auf eine Antwort festlegen will, die man dann nicht mehr genau mitbekommt. Welcher Apfel also war der gute? Das Publikum jedenfalls beweist ein todsicheres Gespür: 53 Prozent erkennen am Geschmack, dass der Bio-Apfel der Bio-Apfel ist, und der Rest irrt.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Die kurzweilige Günther Jauch-Sendung vom Sonntagabend, zu deren Beginn der Moderator mit zwei Hähnchen herumfuchtelt, knüpft bei der offenbar neuen Erkenntnis an, dass heutzutage selbst ein Bio-Huhn in „Massentierhaltung“ lebe. Deshalb fragt Jauch: „Ist Bio also nur ein großer Schwindel?“

          Wieso bloß eine Köchin?

          Die Gesprächsrunde wird zu großen Sarah-Wiener-Show (man fragt sich eingangs kurz, wieso angesichts des Themas nicht zum Beispiel ein Demeter-Bauer an ihrer Stelle eingeladen wurde, sondern eine Fernsehköchin). Streng beäugt diese schon am Anfang ihren Nebenmann Heinrich Graf zu Bassewitz, der zwar ein Bio-Bauer ist, aber einer, der tausende Hühner in einem Stall hält, die zu erschwinglichen Preisen auch in Supermärkten zu kaufen sind - und der somit wohl nicht zu den edelsten Mondlicht-Bio-Bauern zu zählen ist und wohl auch nicht an Sarah Wieners Edelrestaurants liefert.

          Wiener also schaut streng. Sie im türkisgrünen Kleid, Graf von Bassewitz im olivgrünem Wollsakko – wer ist der bessere Grüne? Wiener gibt sich besorgt über die verkommenden Esssitten unserer Zeit und den Umgang der Landwirte mit Mutter Erde: „Wir glauben, wir müssen Krieg gegen die Natur führen“.

          Auch das nennt sich artgerechte und umweltverträgliche Tierhaltung
          Auch das nennt sich artgerechte und umweltverträgliche Tierhaltung : Bild: dpa

          Dann werden wieder die unschönen Bilder von federlosen Hühnern aus Biohaltung gezeigt, die vor einer Woche tragendes Material für eine skandalisierende ARD-Dokumentation gewesen waren. Bassewitz - dessen Hofgemeinschaft darin angeklagt war - entgegnet, die Tiere seien schlicht in der Mauser gewesen. Solche Bilder könne man in jedem kleinen Hühnerstall machen. Und, oha: Sarah Wiener, die selbst 50 Hühner (die jeweils „wesentlich mehr“ als 10 Euro kosteten) ihr eigen nennt, bestätigt das dem verdutzten Jauch: „Ja, in der Mauser schon“, da sähen auch ihre Hühner so aus.

          „Hendl“, wienert Wiener, wenn sie von Hähnchen spricht. „Darf man Händel, sagen?“, scherzt Günther Jauch. „Händel ist doch der Komponist.“

          Der Fluss muss es zahlen

          Sarah Wiener aber schmunzelt nur kurz, das Thema der Sendung ist ihr sehr ernst. Bald weiß man, warum die Köchin eingeladen wurde. Sie repräsentiert die typische besserverdienende Bio-Kundin, die überzeugt ist, dass die reine Bio-Welt eine gute wäre: Würde „niemals beim Discounter“ einkaufen, möchte „keine Medikamente in ihrem Essen“ und „keine Chemie“, will hier offensichtlich auch nicht Boskop-Äpfel probeessen zur Unterhaltung der Spießer am Bildschirm. Sondern darüber diskutieren, dass „wir“ zu viel Boden, Wasser und „Tier“ verbrauchen. Den Preis für unsere günstigen Lebensmittel würde morgen der „Fluss zahlen“ oder die „Tiere zahlen“ oder das „Klima zahlen“. Sie bekennt sich zu „alten Tierzuchtrassen“ und sagt: „Wir möchten das Gute und das Richtige essen, und das ist heute einfach nicht mehr so.“ Vielleicht aber gäbe es dann das Gute am Ende gar nicht mehr, wenn man es einfach äße.

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