Home
http://www.faz.net/-gqz-72wob
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

FAZ.NET-Frühkritik: Günther Jauch Am liebsten einen Bio-Händel

Als Vorgeschmack auf den kommenden Wahlkampf diskutiert man bei Günther Jauch über Für und Wider der biologischen Landwirtschaft. Eine wort- und gefühlsreiche Fernsehköchin macht die Sendung zu ihrer großen Show.

© Schoepal, Edgar Der Massenhaltung entronnen: von Tierschützern befreite Hühner in vorbildlich artgerechter Haltung

Das Publikum im Studio macht den Blindtest mit Boskop-Äpfeln. Sarah Wiener aber, dem quirligsten und gesprächigsten Gast dieser Talkshow, ist das viel zu banal. Sie rutscht auf ihrem Stuhl nach links und rechts und laviert lang herum, bevor sie sich auf eine Antwort festlegen will, die man dann nicht mehr genau mitbekommt. Welcher Apfel also war der gute? Das Publikum jedenfalls beweist ein todsicheres Gespür: 53 Prozent erkennen am Geschmack, dass der Bio-Apfel der Bio-Apfel ist, und der Rest irrt.

Jan Grossarth Folgen:

Die kurzweilige Günther Jauch-Sendung vom Sonntagabend, zu deren Beginn der Moderator mit zwei Hähnchen herumfuchtelt, knüpft bei der offenbar neuen Erkenntnis an, dass heutzutage selbst ein Bio-Huhn in „Massentierhaltung“ lebe. Deshalb fragt Jauch: „Ist Bio also nur ein großer Schwindel?“

Wieso bloß eine Köchin?

Die Gesprächsrunde wird zu großen Sarah-Wiener-Show (man fragt sich eingangs kurz, wieso angesichts des Themas nicht zum Beispiel ein Demeter-Bauer an ihrer Stelle eingeladen wurde, sondern eine Fernsehköchin). Streng beäugt diese schon am Anfang ihren Nebenmann Heinrich Graf zu Bassewitz, der zwar ein Bio-Bauer ist, aber einer, der tausende Hühner in einem Stall hält, die zu erschwinglichen Preisen auch in Supermärkten zu kaufen sind - und der somit wohl nicht zu den edelsten Mondlicht-Bio-Bauern zu zählen ist und wohl auch nicht an Sarah Wieners Edelrestaurants liefert.

Wiener also schaut streng. Sie im türkisgrünen Kleid, Graf von Bassewitz im olivgrünem Wollsakko – wer ist der bessere Grüne? Wiener gibt sich besorgt über die verkommenden Esssitten unserer Zeit und den Umgang der Landwirte mit Mutter Erde: „Wir glauben, wir müssen Krieg gegen die Natur führen“.

Artgerechte und umweltverträgliche Tierhaltung bei Eifrisch © dpa Vergrößern Auch das nennt sich artgerechte und umweltverträgliche Tierhaltung

Dann werden wieder die unschönen Bilder von federlosen Hühnern aus Biohaltung gezeigt, die vor einer Woche tragendes Material für eine skandalisierende ARD-Dokumentation gewesen waren. Bassewitz - dessen Hofgemeinschaft darin angeklagt war - entgegnet, die Tiere seien schlicht in der Mauser gewesen. Solche Bilder könne man in jedem kleinen Hühnerstall machen. Und, oha: Sarah Wiener, die selbst 50 Hühner (die jeweils „wesentlich mehr“ als 10 Euro kosteten) ihr eigen nennt, bestätigt das dem verdutzten Jauch: „Ja, in der Mauser schon“, da sähen auch ihre Hühner so aus.

„Hendl“, wienert Wiener, wenn sie von Hähnchen spricht. „Darf man Händel, sagen?“, scherzt Günther Jauch. „Händel ist doch der Komponist.“

Der Fluss muss es zahlen

Sarah Wiener aber schmunzelt nur kurz, das Thema der Sendung ist ihr sehr ernst. Bald weiß man, warum die Köchin eingeladen wurde. Sie repräsentiert die typische besserverdienende Bio-Kundin, die überzeugt ist, dass die reine Bio-Welt eine gute wäre: Würde „niemals beim Discounter“ einkaufen, möchte „keine Medikamente in ihrem Essen“ und „keine Chemie“, will hier offensichtlich auch nicht Boskop-Äpfel probeessen zur Unterhaltung der Spießer am Bildschirm. Sondern darüber diskutieren, dass „wir“ zu viel Boden, Wasser und „Tier“ verbrauchen. Den Preis für unsere günstigen Lebensmittel würde morgen der „Fluss zahlen“ oder die „Tiere zahlen“ oder das „Klima zahlen“. Sie bekennt sich zu „alten Tierzuchtrassen“ und sagt: „Wir möchten das Gute und das Richtige essen, und das ist heute einfach nicht mehr so.“ Vielleicht aber gäbe es dann das Gute am Ende gar nicht mehr, wenn man es einfach äße.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Der Lokaltermin Pulled Pork und Gurken-Suppe

Bodenständige Bio-Regio-Küche wird seit einigen Monaten im Ecklokal Beste Freunde im Gallusviertel angeboten. Ein Klassiker nicht nur für die Bio-Fans ist der Pulled-Pork-Burger - natürlich mit selbstgebackenen Brötchen. Der Lokaltermin. Mehr Von Peter Badenhop

29.08.2015, 14:03 Uhr | Rhein-Main
Landwirtschaft Hier trifft Nachhaltigkeit auf Gentechnik

Uruguay hat zwar nur etwas mehr als drei Millionen Einwohner, will binnen zehn Jahren aber genug Nahrung für 50 Millionen Menschen produzieren - mit Hilfe von nachhaltiger Landwirtschaft, genveränderten Pflanzen und anderen Techniken. Mehr

03.04.2015, 15:18 Uhr | Wirtschaft
TV-Dokudrama zu Uli Hoeneß Der Angeklagte behält das letzte Wort

Uli Hoeneß hatte alles im Leben. Er war Nationalspieler und Boss des FC Bayern. Dann kam sein Steuerbetrug heraus. Er ging ins Gefängnis. Warum gibt er immer noch den Sieger? Das ZDF findet es heraus. Mehr Von Christoph Becker

27.08.2015, 19:02 Uhr | Feuilleton
Mehr als 100 gestrandete Tiere Delfindrama in Japan

Mehr als hundert der Meeressäuger sind am Freitag nördlich von Tokio an den Strand gespült worden. Helfer versuchten, die teilweise vom Wasserentzug geschwächten Tiere zu retten. Mehr

10.04.2015, 12:30 Uhr | Gesellschaft
Revolution Essen aus dem 3D-Drucker

Science-Fiction zum Essen: Lebensmittel aus dem Drucker sind eine Revolution – auch wenn es sich für zu Hause noch nicht lohnt, eine Anschaffung ist für Restaurants oder Altersheime attraktiv. Mehr Von Jörg Oberwittler

24.08.2015, 10:48 Uhr | Stil

Veröffentlicht: 17.09.2012, 06:57 Uhr

Glosse

Neunzig Millionen für „Sonstiges“

Von Andreas Kilb

Es war eine Gelegenheit, bei der die Hauptstadt mal wieder richtig Hauptstadt sein durfte: Bei der Eröffnung des Wettbewerbs für ein Museum der Moderne in Berlin sorgt die Kostenaufstellung für Lacher. Mehr 10 33