In „Rocky V“ aus dem Jahr 1990 hält Sylvester Stallone alias Rocky eine Ansprache an seinen Sohn, gespielt von Stallones eigenem Sohn. Im Zentrum der Ansprache steht ein Satz, in dem die gesamte Rocky-Saga und vielleicht ein ganzes – in eben diesem Moment endendes – Zeitalter aufgehoben ist: „Aber der Punkt ist nicht der, wie hart einer zuschlagen kann, es zählt bloß, wie viele Schläge er einstecken kann und ob er trotzdem weitermacht.“ So war das damals: Die Geschichte ein langer Kampf zwischen Licht und Dunkel, und der größte Dulder würde siegen. Ein John Rambo war dagegen nur Verpuffung überschüssiger Energie.
Auch auf Stallones Leben trifft der Satz mit dem Einstecken zu. Über Nacht wurde er 1976 zum Superstar und blieb es ein gutes Jahrzehnt. Dann sank sein Stern, gerade „Rocky V“ galt als kläglich gescheitert. Noch einmal hat er sich hochgeboxt, der „Rocky“-Film von 2006 war ein Achtungserfolg. Aber schließlich, vor wenigen Wochen, erfolgte ein Schlag, der stärker war als alles Auf und Ab des Ruhms, ein Schlag, den kaum einer aushält: der Tod des eigenen Kindes, eben des Sohnes, dem Stallone die Ansprache gehalten hatte. Und dieser Mann, der eigentlich immer ein Dennoch-Schauspieler war, der sich selbst spielte, steht immer noch. Das nötigt schon Respekt ab.
Rocky-Poster in Jungszimmern
Jetzt also war Sylvester Stallone zu Gast in Reinhold Beckmanns Sendung, und zwar gemeinsam mit den Klitschko-Brüdern, die Stallone/Rocky geradezu als Urfaust verehren: Ohne ihn wären sie nicht in den Ring gestiegen. In ihren Zimmern hingen – wie auch in fast allen Jungs-Zimmern der westlichen Welt – die ikonisch gewordenen Rocky-Poster: Nur hier, hinter dem Vorhang, noch etwas mehr für bare Münze genommen, die sich schließlich auszahlte.
Die außerdem noch anwesende ehemalige deutsche Biathletin Magdalena Neuner war so etwas wie das schlechte Gewissen der Runde: nicht weil sie einer anderen Generation angehört oder weil sie nett lächelnd schlichte Einsichten über die Probleme des Berühmtseins verkündete (schlichte Einsichten sind geradezu das Metier Stallones; und er darf das!), sondern weil sie, die mit Mitte zwanzig soeben ihre außergewöhnlich erfolgreiche Biathlon-Karriere beendet hat, viel von den Nachteilen des Berühmtseins und vom Aufhören redete. Natürlich hatte sie in allem recht, und doch will man zu gern glauben, dass Helden bis zum Untergang an ihrer Bestimmung festhalten.
Die drei männlichen Gäste sind übrigens nicht einfach so gekommen. Sie hatten etwas zu bewerben, nämlich das am Sonntag in Hamburg startende, gemeinsam verantwortete „Rocky“-Musical. Heutzutage dürfen kulturelle Mythen schließlich nicht mehr einfach friedlich verblassen, wenn ihre Zeit vorbei ist: Sie müssen mit billigem Pomp und letzter Geldherauspresserei in einem Musical bestattet werden, siehe Queen, Udo Lindenberg, „Dirty Dancing“ oder gar „Der Schuh des Manitu“. Ein würdeloses Ende.
Nun also Rocky, der faustreckende Antiheld der Siebziger und Achtziger. Muss das wirklich sein? Dass dieser Durchbeißer einmal zur großen Identifikationsfigur wurde, erklärt sich schließlich nur vor dem Hintergrund der Herrschaft eines gnostischen Weltbilds, in dem Licht und Dunkel klar getrennt waren. Wie unwahrscheinlich das von heute aus wirken muss, wurde sehr schön deutlich, als Magdalena Neuner darauf hinwies, dass die Berliner Mauer für sie völlig unvorstellbar sei. Kann man da den Kampf des Jahrhunderts verstehen? Den gegen Wenn-er-tot-ist-ist-er-tot-Ivan-Drago, den Iwan schlechthin?
Ende der Politik
Die Epoche, in der Rocky Balboa aufstieg, war wohl im Gegenzug auch die letzte, in der man in echter Emphase an den amerikanischen Traum glauben konnte, also daran, dass es jeder schaffen könne, der sich nur fest genug anstrenge, an Amerika glaube und genug einzustecken in der Lage sei. Schließlich gab es stets noch diese eine, letzte Gemeinsamkeit zwischen Armen und Reichen, Demokraten und Republikanern: Man war der Westen, und der Feind stand im Osten. Dass sich nach dem Untergang dieser schlichten Weltaufteilung auch mental grundlegend etwas geändert hat, deutete Stallone an, als er, der im Präsidentenwahlkampf wieder die Republikaner unterstützt hat, aber hier ganz auf Ausgleich bedacht war, zur ideologischen Spaltung Amerikas Stellung nahm: Jeder sei heute nur noch auf sich bedacht.
Beckmann war fix, setzte treffend nach und wollte wissen, ob das denn nicht das Ende des amerikanischen Traums bedeute. Stallone, der sich nicht ganz zu unrecht als Verkörperung desselben sieht, stellte etwas trotzig fest, dieser Traum könne immer noch geträumt werden. Auch das Selbstbewusstsein sei Amerika nicht abhanden gekommen. Ein Fossil, das so spricht, aber wie enttäuschend wäre es gewesen, wenn selbst er das nicht mehr täte.
Die Klitschko-Brüder indes sind eine sichere Bank für jeden Anlass, vielleicht ein bisschen zu sicher: Sie starten auf Knopfdruck die Klitschko-Show, erzählen, wie der jüngere Bruder dem älteren nacheiferte, wie Vitali Klitschko in Amerika seine erste Coca Cola trank und dem regimetreuen Vater begeistert von diesem Land vorschwärmte – alles höchst charmant, aber auch schon vielfach gehört, ausführlich zuletzt im Dokumentarfilm „Klitschko“.
Auch die politischen Stellungnahmen Vitali Klitschkos, der demnächst mit seiner Udar-Partei als drittstärkste Fraktion in das ukrainische Parlament einziehen wird, gingen leider nicht sonderlich in die Tiefe: Demokratisch und ein Teil Europas soll die Ukraine nach dem Willen des Politikers Klitschko werden. Dabei wäre ein detailliertes Gespräch über den politischen Alltag und die spezifischen Probleme in der Ukraine weit spannender gewesen als darüber, was Magdalena Neuner das Stricken bedeutet (kann man gut in Hotels erledigen).
Rückzug Vitalis
Wirklich neu war es auch nicht, dass Vitali Klitschko andeutete, sich zugunsten der Politik vielleicht vom Boxen zurückzuziehen. Immerhin wurde er diesmal doch schon etwas konkreter: „Ich möchte keine Rekorde brechen als ältester Boxer der Welt und mit sechzig in den Ring steigen: Das möchte ich auf keinen Fall.“ Und auch: „Man muss realistisch bleiben und die biologischen Prozesse im Körper sehen, man wird nicht jünger.“ Details aber erfahre man erst auf einer Pressekonferenz vor dem 17. Dezember, dem ersten Zusammentreten des ukrainischen Parlaments.
Der Star des Abends aber war ganz klar Sylvester Stallone, auch wenn er nach der Hälfte der Sendung auch schon wieder verschwand: Mehr Zeit ist ihm eine deutsche Talkshow wohl doch nicht wert. Dennoch lag mit Stallone eine undefinierbare Nostalgie in der Luft. Es war wie ein Besuch aus einer anderen Ära, aus unserer eigenen Kindheit, und er hat all diese herrlich komplexitätsreduzierenden Sätze immer noch drauf: „Das Leben ist schwer, ob du arm bis oder nicht, es ist ein Kampf.“
Rockys Rache
Die Rocky-Saga, gerade die ersten Folgen, seien sehr autobiographisch gewesen, sagte Stallone. Er sei ja ebenso aus dem Nichts gekommen. Anders als Magdalena Neuner bedrückte ihn der Ruhm aber keineswegs. Plötzlich standen die Leute an, um ihn zu sehen. Er genoss es, Macht zu haben. Er sei kein angenehmer Mensch gewesen, als der Erfolg begann. Und er könne alle verstehen, die an diesem Punkt abheben: „Wenn du schließlich erfolgreich bist, dann willst du Rache.“
Und auch für Anekdoten ist Rocky-Rambo-Stallone immer gut: Einmal haben ihn DDR-Grenzer aus einer Gruppe Touristen aussortiert. Er durfte als einziger nicht einreisen. Sein fast schon anerkennender Kommentar: „Die waren eisenhart damals.“ Und kannten offenbar seine Filme, was ihn bis heute freut. Noch lustiger stallonehaft ist die Formulierung, mit der er die Begeisterung angesichts des von Wladimir Klitschko ausgearbeiteten Musical-Projekts ausdrückt: „Ich dachte, mir fliegt das Gehirn aus dem Kopf.“ So liebt man ihn.
Und zudem ließ der Gast aus Hollywood einen Nebensatz fallen, der allein schon lohnte, diese Sendung hervorzuheben, weil damit ein großer Teil der öffentlich-rechtlichen Talkshows hinfällig würde: Über Politik zu reden, gar hier im Fernsehen, sei doch reine Zeitverschwendung. Dann lieber die Fäuste schwingen.
Illner hätte sich auch gelohnt, liebe FAZ.
Nadine Hoffmann (Raffz)
- 16.11.2012, 15:02 Uhr
Wie will man unfreiwillige Komik beim „Rocky“-Musical vermeiden?
Roland Magiera (Roland_M)
- 16.11.2012, 09:27 Uhr
Fehler.
Christopher Schwab (cschwab92)
- 16.11.2012, 08:10 Uhr