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FAZ.NET-Frühkritik Beckmann „Ich dachte, mir fliegt das Gehirn raus“

Drei Kämpfer-Generationen in einer erfrischenden Sendung: Magdalena Neuner reichte ein kurzer Triumphmarsch, bei den Klitschkos denkt Vitali ans Aufhören und Sylvester Stallone wird noch ewig kämpfen

© dapd Stallone (alias Rocky):, der faustreckende Antiheld der Siebziger und Achtziger

In „Rocky V“ aus dem Jahr 1990 hält Sylvester Stallone alias Rocky eine Ansprache an seinen Sohn, gespielt von Stallones eigenem Sohn. Im Zentrum der Ansprache steht ein Satz, in dem die gesamte Rocky-Saga und vielleicht ein ganzes – in eben diesem Moment endendes – Zeitalter aufgehoben ist: „Aber der Punkt ist nicht der, wie hart einer zuschlagen kann, es zählt bloß, wie viele Schläge er einstecken kann und ob er trotzdem weitermacht.“ So war das damals: Die Geschichte ein langer Kampf zwischen Licht und Dunkel, und der größte Dulder würde siegen. Ein John Rambo war dagegen nur Verpuffung überschüssiger Energie.

Auch auf Stallones Leben trifft der Satz mit dem Einstecken zu. Über Nacht wurde er 1976 zum Superstar und blieb es ein gutes Jahrzehnt. Dann sank sein Stern, gerade „Rocky V“ galt als kläglich gescheitert. Noch einmal hat er sich hochgeboxt, der „Rocky“-Film von 2006 war ein Achtungserfolg. Aber schließlich, vor wenigen Wochen, erfolgte ein Schlag, der stärker war als alles Auf und Ab des Ruhms, ein Schlag, den kaum einer aushält: der Tod des eigenen Kindes, eben des Sohnes, dem Stallone die Ansprache gehalten hatte. Und dieser Mann, der eigentlich immer ein Dennoch-Schauspieler war, der sich selbst spielte, steht immer noch. Das nötigt schon Respekt ab.

Rocky-Poster in Jungszimmern

Jetzt also war Sylvester Stallone zu Gast in Reinhold Beckmanns Sendung, und zwar gemeinsam mit den Klitschko-Brüdern, die Stallone/Rocky geradezu als Urfaust verehren: Ohne ihn wären sie nicht in den Ring gestiegen. In ihren Zimmern hingen – wie auch in fast allen Jungs-Zimmern der westlichen Welt – die ikonisch gewordenen Rocky-Poster: Nur hier, hinter dem Vorhang, noch etwas mehr für bare Münze genommen, die sich schließlich auszahlte.

Die außerdem noch anwesende ehemalige deutsche Biathletin Magdalena Neuner war so etwas wie das schlechte Gewissen der Runde: nicht weil sie einer anderen Generation angehört oder weil sie nett lächelnd schlichte Einsichten über die Probleme des Berühmtseins verkündete (schlichte Einsichten sind geradezu das Metier Stallones; und er darf das!), sondern weil sie, die mit Mitte zwanzig soeben ihre außergewöhnlich erfolgreiche Biathlon-Karriere beendet hat, viel von den Nachteilen des Berühmtseins und vom Aufhören redete. Natürlich hatte sie in allem recht, und doch will man zu gern glauben, dass Helden bis zum Untergang an ihrer Bestimmung festhalten.

ARD-Talkshow "Beckmann" © dapd Vergrößern Gruppenbild mit Dame:: Profiboxer Wladimir Klitschko, der amerikanische Schauspieler Sylvester Stallone, Biathletin Magdalena Neuner, Profiboxer Vitali Klitschko und Moderator Reinhold Beckmann

Die drei männlichen Gäste sind übrigens nicht einfach so gekommen. Sie hatten etwas zu bewerben, nämlich das am Sonntag in Hamburg startende, gemeinsam verantwortete „Rocky“-Musical. Heutzutage dürfen kulturelle Mythen schließlich nicht mehr einfach friedlich verblassen, wenn ihre Zeit vorbei ist: Sie müssen mit billigem Pomp und letzter Geldherauspresserei in einem Musical bestattet werden, siehe Queen, Udo Lindenberg, „Dirty Dancing“ oder gar „Der Schuh des Manitu“. Ein würdeloses Ende.

Nun also Rocky, der faustreckende Antiheld der Siebziger und Achtziger. Muss das wirklich sein? Dass dieser Durchbeißer einmal zur großen Identifikationsfigur wurde, erklärt sich schließlich nur vor dem Hintergrund der Herrschaft eines gnostischen Weltbilds, in dem Licht und Dunkel klar getrennt waren. Wie unwahrscheinlich das von heute aus wirken muss, wurde sehr schön deutlich, als Magdalena Neuner darauf hinwies, dass die Berliner Mauer für sie völlig unvorstellbar sei. Kann man da den Kampf des Jahrhunderts verstehen? Den gegen Wenn-er-tot-ist-ist-er-tot-Ivan-Drago, den Iwan schlechthin?

Ende der Politik

Die Epoche, in der Rocky Balboa aufstieg, war wohl im Gegenzug auch die letzte, in der man in echter Emphase an den amerikanischen Traum glauben konnte, also daran, dass es jeder schaffen könne, der sich nur fest genug anstrenge, an Amerika glaube und genug einzustecken in der Lage sei. Schließlich gab es stets noch diese eine, letzte Gemeinsamkeit zwischen Armen und Reichen, Demokraten und Republikanern: Man war der Westen, und der Feind stand im Osten. Dass sich nach dem Untergang dieser schlichten Weltaufteilung auch mental grundlegend etwas geändert hat, deutete Stallone an, als er, der im Präsidentenwahlkampf wieder die Republikaner unterstützt hat, aber hier ganz auf Ausgleich bedacht war, zur ideologischen Spaltung Amerikas Stellung nahm: Jeder sei heute nur noch auf sich bedacht.

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