Home
http://www.faz.net/-gqz-6xxjg
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

FAZ.NET-Frühkritik: Beckmann Drohanrufe zur Einstimmung

24.02.2012 ·  Bei Reinhold Beckmann ging es um die Frage, wie gefährlich die Neonazis sind. Folgt man einer Verfassungsschutz-Sprecherin, könnte man denken: alles halb so wild. Doch das ist ein Trugschluss.

Von Michael Hanfeld
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (13)

An dem Tag, an dem in Berlin der Opfer der rechtsextremen Terrorzelle NSU gedacht wurde, lag es nahe, dass Reinhold Beckmann sich in seiner Sendung mit ebenjenem Thema beschäftigte. Und es lag auch nahe, sich der Frage zu widmen, wie die extreme Rechte auf die Gesellschaft einwirkt, wie sie arbeitet, sich vernetzt und den ideologischen Hass sät, der Täter wie das Terrortrio, dem zehn Morde zur Last gelegt werden, beseelt. Und so bat Reinhold Beckmann nicht zu einem politischen Schlagabtausch, sondern wollte einfach einmal wissen: „Wie gefährlich ist der Rechtsextremismus?“

Dass er gefährlicher ist, als man über die Jahre gedacht hat, hat die Mordserie an Einwanderern und einer Polizistin vor Augen geführt. Und noch immer fragt man sich, wie die Täter so lange unentdeckt bleiben konnten. Die Ausflüchte, die Maren Brandenburger, Sprecherin des niedersächsischen Verfassungsschutzes, bei Beckmann vortrug, konnten einem eine Ahnung davon geben. Denn nach ihren Worten war eigentlich – fast – alles im Lot bei den Ermittlungen gegen die NSU, es seien eine Menge „Maßnahmen gefahren“ worden, doch habe man aus der unentdeckten Terrorzelle die Lehre gezogen, nicht mehr, wie bislang, „organisationsbezogen“, sondern „personenbezogen“ zu fahnden.

Die Verfassungsschützer „fahren Maßnahmen“

Wenn das erst jetzt die Erkenntnis der Verfassungsschützer ist, fragt man sich nicht mehr, warum ihnen und der Polizei drei rechtsextreme Gewalttäter so lange entgehen konnten. Die föderalistisch zersplitterte Sicherheitsbürokratie ist sich augenscheinlich selbst genug. Wer einmal mit Sicherheitsleuten aus anderen Ländern gesprochen hat, bekommt das bestätigt. In Deutschland weiß ein Landeskriminalamt nicht, was das nächste tut, von den Verfassungsschutzämtern ganz zu schweigen, ein Paradies für organisierte Kriminalität und organisierten Extremismus.

Es ist ein bisschen schade, dass Reinhold Beckmann die Frau vom Verfassungsschutz so glimpflich davonkommen ließ und auch den SPD-Politiker Sebastian Edathy, der den Untersuchungsausschuss des Bundestages zu den Neonazi-Morden leitet, nicht etwas kraftvoller in die Zange nahm. Warum braucht man in der Sache gleich drei Ausschüsse? Das wissen wir immer noch nicht so genau. Die Damen und Herren aus den Bundesländern und Berlin treffen sich jedoch demnächst, um einander kennenzulernen. Wenn die parlamentarische Durchleuchtung des Themas ebenso verlaufen sollte wie die Ermittlungen der Sicherheitsbehörden, hat die rechte Szene wohl wenig zu befürchten.

Wie diese Jugendliche rekrutiert werden, das schilderten bei Beckmann ein junger Mann, der ausgestiegen ist. Ingo Hasselbach, der in den neunziger Jahren erst eine Galionsfigur, dann, nach seiner Lossagung, einer der meist gehassten und von den einstigen Kameraden zum Abschuss freigegebenen Männer der rechtsextremen Szene war; die Mutter eines Jungen, der von einer Lehrerin für die NPD angeworben worden war; Bernd Wagner, der die Organisation „Exit“ leitet und die Journalistin Andrea Röpke.

Ihre Beschreibungen deckten sich: Es beginnt mit einem Appell an die Gefühlswelt und das Gemeinschaftsbedürfnis junger Leute, nimmt Formen an über Musik und deren Texte, die Rechten spielen sich als „Kümmerer“ und Wohltäter auf, was ihnen besonders dort gut gelingt, wo der Staat wenig präsent ist. Schließlich nimmt die „Mission“ Formen an. Die Mission, die zu Mord und Totschlag führen kann. Gewalt, sagte Ingo Hasselbach, sei schon zu seiner Zeit in der rechten Szene immer eine Option gewesen, ebenso sich in Zellen zu organisieren und in den Untergrund zu gehen.

Das „Kommando Uwe Böhnhardt“

Am Tag der Sendung meldete sich bei der Beckmann-Redaktion übrigens ein Anrufer, dessen Ansage man nur beim ersten Mal für eine schlechten Scherz hätte halten können. Beim dritten Mal dann nicht mehr: „Hier spricht das Kommando Uwe Böhnhardt, dafür werdet Ihr bezahlen, Ihr Judenschweine, heute Abend seid Ihr alle dran.“

Uwe Böhnhardt ist einer der beiden NSU-Täter, von deren Unterstützerszene sich die Sicherheitsbehörden und auch die Medien bislang wohl noch keine richtige Vorstellung gemacht haben.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

Jüngste Beiträge

Wieder federführend

Von Sandra Kegel

Immer mehr Menschen schwärmen für das Schreiben mit spitzer Feder, Füllhalter-Produzenten und Versandhändler verzeichnen eine Verdopplung der Nachfrage. Was ist zu halten von der neuen Liebe zur Tinte? Mehr 1 3