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FAZ.NET-Frühkritik: Anne Will : Selbstbestimmt beschneiden

  • -Aktualisiert am

Bild: dapd

Ein Gericht hat die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen für strafbar erklärt. Bei Anne Will hätte ein leiser, zwischendurch gesprochener Satz eines Strafrechtsprofessors, Ansatz für eine gute Diskussion sein können. Aber niemand griff den Gedanken auf.

          „Wir wollen selbstbestimmte Kinder erziehen, die nicht dem Diktat der Eltern unterworfen sind.“ Es war aber keine späte Lobrede auf die Kinderladenbewegung oder die antiautoritäre Erziehung, die als „Rechtsanwältin und Frauenrechtlerin“ vorgestellte Seyran Ates plädierte gegen Traditionen in der religiösen Erziehung. Auch wenn sie vorgab nicht zu wissen, wie sie über die Beschneidung entscheiden würde, wenn sie Jungs zur Welt gebracht hätte, strafte ihre entschlossenen Attacken gegen die konservativen Juden und Muslime ihre Worte Lügen. Auf eine der wenigen Nachfragen der ewig lächelnden Moderatorin Anne Will unterstrich sie denn auch, dass allenfalls ihre Sorge, nicht beschnittene Jungs könnten in der muslimischen Community zu Außenseitern werden, sie überhaupt über Beschneidungen nachdenken ließ.

          Kein Wunder, dass Frau Ates, die auch keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegen das Kopftuch und gegen andere überkommene religiöse Zeichen und Gebräuche machte, in der Sendung vorzugsweise mit der Kopftuch tragenden muslimischen Journalistin Khola Maryam Hübsch aneinander geriet. Hübsch stritt wortgewandt und mit einer für die gediegenen Talkshows selten gewordenen Munterkeit für die Beschneidung. En passant führte sie dabei noch eine scharfe Attacke gegen die Erziehung in Kinderkrippen, die ihrer Meinung nach weitaus gravierendere negative Folgen für die Kinder hätte, als eine rituelle Beschneidung.

          Anne Will glaubt offenbar nicht an eine ordnende Kraft der Moderation

          In ihren nicht seltenen Wortduellen mit Ates zogen stets die Zuschauer den kürzeren, weil sie die überlagernden Frauenstimmen nicht mehr auseinander halten konnten. Will ließ die beiden dennoch meistens gewähren, weil sie offenbar an eine ordnende Kraft der Moderation nicht glauben will – und vielleicht auch, weil sie annahm, dass es dem Publikum in diesem Streit ohnehin weniger auf die Bedeutung der Worte ankäme als auf die Vehemenz des Engagements.

          Wäre das so, dann hätte der Strafrechtsprofessor Holm Putzke sich den Zuschauerpreis verdient. Der Jurist, der vor vier Jahren seinen ersten großen Aufsatz über die Strafbarkeit der Beschneidung beim Knaben in einer Festschrift veröffentlicht hat, erschien bei Will als der eigentliche Missionar, nur dass seine Botschaft nicht der Glaube an Gott ist, sondern die feste Überzeugung, dass die Vorhautbeschneidung beim Jungen ein schwerer, nicht zu rechtfertigender Eingriff in die Integrität des Jungen ist, der nicht selten gravierende Folgen nach sich zieht und der vor allem völlig unnötig ist, weil seiner Auffassung nach auch Islam und selbst das Judentum andere Wege beschreiten könnten, als nicht einwilligungsfähige Jungs beschneiden zu lassen.

          Wie Frau Ates und die Sat1-Fernsehmoderatorin Angelika Kallwas, der wir eine „Personal-Help-Show“ verdanken und die wir hier als wenig verständnissinnige Atheistin kennenlernten, brach auch Holm Putzke seine Lanzen für das Recht auf Selbstbestimmung. Frau Hübsch, die mit Stellungnahmen der Weltgesundheitsorganisation und den medizinisch positiven Effekten der Vorhautbeschneidung argumentierte, hielt er denn kurz und knapp entgegen: „Warum überlassen Sie dem Kind denn nicht die Entscheidung, ob er die Gefahr, Frauen mit Gebärmutterhalskrebs zu infizieren, ob er dieses Risiko schaffen will. Überlassen Sie es doch den Kindern das selber zu entscheiden.“ Weil die Entscheidung des Landgerichts Köln nach Auffassung Putzkes das Selbstbestimmungsrecht des Kindes stärkt, dient sie in seinen Augen auch der Religionsfreiheit, nämlich der des Kindes. Dass damit die religiöse Erziehung überhaupt in Frage gestellt wird, weil jede Form von Unterweisung dann ebenfalls bis zur Religionsmündigkeit fragwürdig und danach erst recht nicht zu vertreten wäre, dürfte Putzke wenig stören.

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