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FAZ.NET-Frühkritik „Anne Will“ Gebt dem Wunder Zunder

02.02.2012 ·  In Deutschland sinkt mitten in der Krise die Zahl der Arbeitslosen. Wem ist das zu verdanken? Und was müssen wir fürchten? Bei Anne Will gab es zwar keine Antworten darauf, aber reichlich weitere Arbeit für Welterklärer.

Von Andreas Platthaus
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So sieht eine televisionäre Arbeitsbeschaffungsmaßnahme aus: Gestern am Spätabend begrüßte Anne Will in ihrer Talkshow gleich sechs Gäste, um mit Ihnen über ein Phänomen zu diskutieren, das als deutsches Jobwunder bezeichnet wird. In der Tat, wir hören allenthalben von der Krise, von einem schwierigen Jahr, das der Wirtschaft bevorstehe, von Rezession und Sparprogrammen, und doch gab es nie mehr Beschäftigte in Deutschland als heute, war der Dezember 2011 dank der Zunahme an Beschäftigten der steuerstärkste Monat, den der Staat bislang erleben durfte, und während nahezu überall sonst in den Industrieländern die Arbeitslosigkeit wächst, nimmt sie bei uns ab. Juhu, juhu, juhu!

Doch wären wir keine ernstzunehmenden Deutschen, wenn wir nicht noch in den schönsten Nachrichten einen Wermutstropfen, ach was: eine Wermutsflut finden würden. Niedriglöhne, kaschierte Verelendung, Wohlstandsschere und dergleichen mehr sollen die Nebenfolgen der gepriesenen Entwicklung sein. Buhu, buhu, buhu!

Also gar kein rechter Grund zur Freude? Oder doch? Darüber stritt bei Anne Will jenes erwähnte halbe Dutzend Fernseh-Nachtschichtler, bestehend aus der ehemaligen SPD-Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin, der Betriebsrätin der insolventen Schlecker-Ladengruppe, Mona Frias, dem Einzelhandelslobbyisten Nils Busch-Petersen, dem Publizisten, Kabarettisten und Kapitalismuskritiker Peter Zudeick, dem Mittelstandspropagandisten Oswald Metzger (CDU, ehedem Grüne) und aus Michael Hüther, dem Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft. Wenn man die Stellenbeschreibungen der sechs Teilnehmer richtig interpretierte, dufte man ein zahlenmäßiges Patt in der Sendung erwarten.

Alle arbeiten wie Tiere, aber keiner wird gut bezahlt

Argumentativ indes konnte von Gleichstand keine Rede sein. „Unten schuften, oben kassieren“ – so lautete der Obertitel der Runde, und erstaunlicherweise hatte es nicht einmal für ein einschränkendes Fragezeichen gelangt. Aber wenn man eine Malocherin wie Mona Frias in der Sendung hat, die stark berlinernd für die Schlecker-Belegschaft in den Filialen der Hauptstadt kämpft, dann ist das Schuften schon mal schön anschaulich gemacht. Allerdings war der Schwung von Frau Frias nach einer Viertelstunde verloren. Auch ein Teilzeitmodell.

Zum Kassieren wollte sich in der Runde keiner offen bekennen. Das ist ja das Verblüffende in Deutschland: Alle arbeiten wie Tiere, aber keiner wird gut bezahlt. Zumindest muss man diese Folgerung ziehen, wenn man die Menschen reden hört. Und erstaunlicherweise sind die meisten auch noch stolz darauf. Und neidisch auf die anderen. Das zeigte der Szenenapplaus des Publikums während der Sendung. Obwohl man den gar nicht ernst nehmen sollte, denn auch die „Einspieler“, jene talkshowtypischen Häppchenfilmchen (anders als im verdoppelten Diminutiv kann man es gar nicht ausdrücken), wurden im Saal beklatscht, als wären es ästhetische oder argumentative Offenbarungen.

Kaum Ansprüche ans Niveau

Die Ansprüche ans Niveau sind eben nicht hoch. Als Michael Hüther der Entwicklung am Arbeitsmarkt bescheinigte, dass sie „unterwegs“ sei, war das entlarvend: Welche Entwicklung wäre denn statisch? Aber eine Tautologie macht sich immer gut. Und wurde von den anderen fünf Gästen auch gar nicht bemerkt. Genauso wenig wie die angeblich „dreißig Nasen“, wie Hüther die gut verdienenden Dax-Vorstände nonchalant abqualifizierte (um sie damit als nicht repräsentativ für die Einkommensentwicklung zu erklären). Weiß niemand, wie viele Dax-Unternehmen es gibt? Ja, dreißig. Und wie viele Vorstandmitglieder jedes dieser Unternehmen hat? Nein, nicht nur eines.

Ein „mittelprächtiges Wunder“ nannte Oswald Metzger die aktuelle Beschäftigungslage in Deutschland, aber es seien nur vier bis fünf Millionen Deutsche, die für sechzig Prozent der Einkommensteuer aufkämen. Deren Lob werde viel zu selten gesungen, „oben“ schufte man nämlich auch. Aber ist, wer viel Einkommen zu versteuern hat, tatsächlich notwendig „oben“? Ist denn die kleine Bevölkerungsgruppe, die den größten Teil des Vermögens besitzt, identisch mit der, die den größten Teil der Einkommensteuer bezahlt?

Interessant auch Metzgers Meinung, dass Beamte nicht produktiv tätig wären und also ihre eigenen Gehälter gar nicht erwirtschaften könnten. Und Politiker, Lobbyisten, Gelehrte, also all die Metzgers im Lande? Stehen die abends an der Werkbank, oder sitzen sie nicht doch im Fernsehstudio? Erwirtschaften die Unternehmer Geld, oder sind es ihre Angestellten? Und könnten Erstere wie Letztere das überhaupt, wenn ihnen nicht von anderen das abgenommen würde, was ansonsten ihre Arbeitszeit kosten würde? Lehrer etwa die Ausbildung ihrer Kinder. Polizisten den Schutz ihrer Häuser. Amtsleiter die Organisation ihrer Kommunen. Unsere Gesellschaft ist arbeitsteilig orientiert, und darin gibt es keine überflüssigen Tätigkeiten, sonst würden sie gar nicht nachgefragt. So viel kann man dem Markt schon zutrauen.

Bewunderung für unternehmerische Fehler

Vom Allgemeinen kam die Debatte immer wieder auf den Einzelfall Schlecker zurück. Vor kurzer Zeit von „Forbes“ noch auf mehr als drei Milliarden geschätzt, soll jetzt beim Eigentümer nichts mehr an Vermögen da sein. Dass diese Fehlschätzung auch etwas über Ratings sagt, bemerkte niemand. Stattdessen forderte Anne Will Hochachtung für den Unternehmer Schlecker ein, weil der mit seinem Privatvermögen hafte und nicht vorher einfach verkauft habe. Also Bewunderung für gleich zwei unternehmerische Fehler, die nun Lieferanten und Angestellte ausbaden dürfen.

Und Metzger schwärzte gleich noch einen Unternehmer an, der über die Schlecker-Insolvenz geschimpft hatte: Bei dem solle man auch mal genau hinschauen. Ein Grund für diese üble Nachrede in aller Öffentlichkeit wurde nicht genannt.

Aber warum sollte Anne Will auch nachhaken, wenn sie sechs wortgewaltige Menschen schön regelmäßig zu Wort kommen lassen will? Und das größte deutsche Jobwunder ja ohnehin gerade vor ihren Kameras stattfindet. Denn das größte deutsche Jobwunder ist die Fülle an Talkshows und deren Gästen, die dadurch im Gespräch und auf ihren Positionen gehalten werden.

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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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