Home
http://www.faz.net/-gqz-6x5yn
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

FAZ.NET-Frühkritik: Anne Will Das ist doch alles großer Blödsinn

26.01.2012 ·  Friedrich der Große als Vorbild? Richard von Weizsäcker kennt niemanden, der ihm nacheifert. Zu Christian Wulff schweigt der Altbundespräsident bei „Anne Will“. 

Von Patrick Bahners
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (33)

Da war nichts Diplomatisches mehr, kein gespieltes Entgegenkommen, keine Höflichkeit aus Herablassung. Einen ungehaltenen Ton hielt der greise Ehrengast durch, mit verletzender Schroffheit gab er auf jede Frage von Anne Will zu verstehen, dass er das Thema der Sendung für falsch gestellt hielt. Das war fast schon nicht mehr Richard von Weizsäcker, der da in der weißen Sofaecke melancholische Grimassen schnitt, das war fast schon Helmut Schmidt: mit Stock, mit eingestreuten englischen Floskeln („the hard way“), nur ohne Tabak.

Anne Will fragte nach den preußischen Tugenden und meinte Christian Wulff. Um zu seinem Amtsnachfolger nichts sagen zu müssen, bestritt Weizsäcker der Prämisse der Veranstaltung, dem Gedanken, dass aus der Geschichte etwas zu lernen sei, rundheraus die Geltung – jedenfalls der vulgärhumanistischen, sentimentalen Version des Konzepts der „historia magistra vitae“, die auf die persönliche Moralität des Akteurs abhebt. „Das ist doch alles großer Blödsinn.“ Ob Friedrich der Große für ihn ein Vorbild sei? „Ein Vorbild war er für niemanden, den ich je kennengelernt habe.“

Absage an die Gedenkroutine

Kurios an dieser apodiktischen Aussage: Am Tag vorher hatte Weizsäcker – der Fotobeweis war eingeblendet worden – im Berliner Konzerthaus der Gedenkfeier zum dreihundertsten Geburtstag Friedrichs II. beigewohnt und gehört, wie der erste Festredner des Staates den Monarchen als „Vorbild und Trugbild“ bezeichnet hatte. Wie ist dann der Satz zu deuten, Weizsäcker habe noch nie jemanden kennengelernt, der sich Friedrich zum Vorbild genommen hätte? Wohl schwerlich als noble Einkleidung des Vorwurfs, Wulff sei ein Lügner. Eher schon wird man den zehnten Bundespräsidenten als jemanden ansehen, den der sechste nicht zu kennen behauptet.

Eine Absage an die Formeln des erbaulichen Gedenkens formulierte Weizsäcker – und damit zugleich auch an die Konventionen der öffentlichen Rede. Der ethische Realismus, der in seinen Kreisen gepflegt wird, hält die Pädagogik der Nachahmung für albern und naiv. In dieser zur Schau gestellten Verachtung des Exemplarischen, der Ablehnung jeder Entlastung des Gewissens, könnte man nun allerdings doch Reflex und Übersteigerung jener preußischen Tugenden sehen, deren Existenz Weizsäcker abstritt. Gleich zweimal berief er sich auf Kant, den er einmal, nun vollends Wiedergänger Schmidts, als „meinen Freund“ einführte. Von Kant her gesehen ist die höchste Tugend die Überwindung der Tugenden zugunsten des Selbstzwecks der Pflicht.

Eine Demokratie hat keine Tugenden

Als Geschäftsgrundlage der heutigen politischen Verhältnisse bestimmte Weizsäcker die Verneinung jenes aristokratischen Prinzips, an dem Friedrich festgehalten hatte, um Adelsprivilegien zu legitimieren, des Wettstreits der Edlen um den Ruf der Vortrefflichkeit. „Wir sind eine Demokratie, und eine Demokratie hat doch keine Tugenden.“ Die Vorstellung, ein heutiger Politiker könne sich in der Amtsführung an Friedrich orientieren, sei verfehlt, da der König ein Alleinherrscher gewesen sei. Dieses soziologische Argument ist plausibel, variiert aber ebenfalls Motive aus dem preußischen Tugendkomplex, die intellektuelle Bescheidenheit und radikale Nüchternheit.

Weizsäckers Friedrich II., von ihm durchgängig als „der Alte Fritz“ apostrophiert, soll keine Vorbildfunktion mehr haben und darf deshalb nun erst recht Legendenfigur sein. Nebenbei nannte Weizsäcker Friedrich einen „auf seinen Ruhm bedachten Monarchen“ – und alle Züge des Porträts bewiesen, mit wie nachhaltigem Erfolg der König seinen Ruhm organisiert hat. Hübsch immerhin Weizsäckers Übersetzung des Büchmann-Satzes von den Gazetten, die nicht genieret werden sollen: „Man soll es mit der Kontrolle der Medien nicht so furchtbar weit treiben – stellen Sie sich vor, was er heute zu sagen hätte!“

Menzels Friedrich in Weizsäckers Alter

Friedrich, von Freund Kant zum König des achtzehnten Jahrhunderts „ernannt“, habe „eine Sache gemacht, vor der man nur den Hut ziehen kann“, nämlich „die Aufklärung vorangetrieben“. Der friderizianischen Staatsreform unterschob Weizsäcker einen liberalen, antietatistischen Zweck: „Jeder sollte seinen eigenen Weg finden und ihn nicht mehr vorgeschrieben bekommen.“

Dass Anne Will die Aufklärung von oben durchaus in Übereinstimmung mit der sozialhistorischen Forschung zur Beamtenschaft und zu den Wirkungen der Philosophie Christian Wolffs als preußisches Projekt charakterisierte, verbat Weizsäcker sich zornig: Die Tat dieses einzelnen Menschen sei das gewesen!

Nach innen habe Friedrich den Staat in eine Rechtsordnung verwandeln wollen, nach außen habe er nicht etwa die Zerstörung der österreichischen Großmacht angestrebt, sondern mit seinen Kriegen Preußen lediglich „arrondieren“ wollen. Die Einsicht in die „die Notwendigkeit der Aufklärung“ habe Friedrich, so Weizsäcker weiter im Stil des liberalen Borussianismus der Reichsgründungsepoche, zwangsläufig den Konflikt mit den „großen katholischen Mächten“ suchen lassen.

Welche Quellen stützen dieses Friedrich-Bild? Man müsse doch nur Adolph von Menzels Bild der Begegnung Friedrichs mit Joseph II. betrachten! Der junge Kaiser „betet ihn an“, den alten König, vom Maler „fast schon in meinem Alter“ dargestellt; der Sohn der Erzfeindin „dankt ihm dafür, dass er die Aufklärung zur Maxime gemacht hat“.

Die verhinderte Revolution

Zur Entgeisterung der übrigen Gäste, die ihn allerdings nicht aus dem Konzept brachte („Warum schütteln Sie denn schon den Kopf?“), bekräftigte Weizsäcker sogar den Lieblingsgedanken der staatsfrommen, antidemokatischen nationalliberalen Historiker, dass Friedrichs Reformen den Deutschen eine Revolution im französischen Stil erspart hätten. Als aufgeklärter Absolutist habe Friedrich keine Berater aus den Kirchen gebrauchen können – erklärte der Mann, der über das Präsidium des evangelischen Kirchentages und die Netzwerke des protestantischen Bildungsbürgertums in die Politik gefunden hat.

Als Anne Will nach Ernst von Weizsäcker fragte, dem Staatssekretär unter Ribbentrop, hätte der Sohn dann doch eher noch etwas zu Wulff gesagt. Wenn Richard von Weizsäcker seine Bilanz der deutschen Geschichte zieht, dann läuft immer alles darauf hinaus, wie die Deutschen hätten einsehen müssen, dass ihre Nachbarn ein starkes Deutschland nicht ertragen könnten.

In diesem Geschichtsbild kommen die Handlungen von Staatsmännern, Staatssekretären und Staatsoberhäuptern gar nicht vor. Auch die Arrondierungspolitik auf Kosten des Völkerrechts diente im Rückblick der geopolitischen Selbsterkenntnis. So kommt es über die Zeiten zur Identifikation ohne den kleinbürgerlichen Kult des Vorbilds. Weizsäcker stützt sich auf seinen Stock, als säße er Modell: schon nicht mehr Helmut Schmidt, schon ganz – der Alte Fritz.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1967, Redakteur im Feuilleton.

Jüngste Beiträge

Wieder federführend

Von Sandra Kegel

Immer mehr Menschen schwärmen für das Schreiben mit spitzer Feder, Füllhalter-Produzenten und Versandhändler verzeichnen eine Verdopplung der Nachfrage. Was ist zu halten von der neuen Liebe zur Tinte? Mehr 1 3