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FAZ.NET-Frühkritik: Anne Will : Das ist doch alles großer Blödsinn

Absage ab die Formeln des erbaulichen Gedenkens: Richard von Weizsäcker räsonnierte bei „Anne Will“ über Friedrich II. Bild: Julia Zimmermann

Friedrich der Große als Vorbild? Richard von Weizsäcker kennt niemanden, der ihm nacheifert. Zu Christian Wulff schweigt der Altbundespräsident bei „Anne Will“. 

          Da war nichts Diplomatisches mehr, kein gespieltes Entgegenkommen, keine Höflichkeit aus Herablassung. Einen ungehaltenen Ton hielt der greise Ehrengast durch, mit verletzender Schroffheit gab er auf jede Frage von Anne Will zu verstehen, dass er das Thema der Sendung für falsch gestellt hielt. Das war fast schon nicht mehr Richard von Weizsäcker, der da in der weißen Sofaecke melancholische Grimassen schnitt, das war fast schon Helmut Schmidt: mit Stock, mit eingestreuten englischen Floskeln („the hard way“), nur ohne Tabak.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Anne Will fragte nach den preußischen Tugenden und meinte Christian Wulff. Um zu seinem Amtsnachfolger nichts sagen zu müssen, bestritt Weizsäcker der Prämisse der Veranstaltung, dem Gedanken, dass aus der Geschichte etwas zu lernen sei, rundheraus die Geltung – jedenfalls der vulgärhumanistischen, sentimentalen Version des Konzepts der „historia magistra vitae“, die auf die persönliche Moralität des Akteurs abhebt. „Das ist doch alles großer Blödsinn.“ Ob Friedrich der Große für ihn ein Vorbild sei? „Ein Vorbild war er für niemanden, den ich je kennengelernt habe.“

          Absage an die Gedenkroutine

          Kurios an dieser apodiktischen Aussage: Am Tag vorher hatte Weizsäcker – der Fotobeweis war eingeblendet worden – im Berliner Konzerthaus der Gedenkfeier zum dreihundertsten Geburtstag Friedrichs II. beigewohnt und gehört, wie der erste Festredner des Staates den Monarchen als „Vorbild und Trugbild“ bezeichnet hatte. Wie ist dann der Satz zu deuten, Weizsäcker habe noch nie jemanden kennengelernt, der sich Friedrich zum Vorbild genommen hätte? Wohl schwerlich als noble Einkleidung des Vorwurfs, Wulff sei ein Lügner. Eher schon wird man den zehnten Bundespräsidenten als jemanden ansehen, den der sechste nicht zu kennen behauptet.

          Eine Absage an die Formeln des erbaulichen Gedenkens formulierte Weizsäcker – und damit zugleich auch an die Konventionen der öffentlichen Rede. Der ethische Realismus, der in seinen Kreisen gepflegt wird, hält die Pädagogik der Nachahmung für albern und naiv. In dieser zur Schau gestellten Verachtung des Exemplarischen, der Ablehnung jeder Entlastung des Gewissens, könnte man nun allerdings doch Reflex und Übersteigerung jener preußischen Tugenden sehen, deren Existenz Weizsäcker abstritt. Gleich zweimal berief er sich auf Kant, den er einmal, nun vollends Wiedergänger Schmidts, als „meinen Freund“ einführte. Von Kant her gesehen ist die höchste Tugend die Überwindung der Tugenden zugunsten des Selbstzwecks der Pflicht.

          Eine Demokratie hat keine Tugenden

          Als Geschäftsgrundlage der heutigen politischen Verhältnisse bestimmte Weizsäcker die Verneinung jenes aristokratischen Prinzips, an dem Friedrich festgehalten hatte, um Adelsprivilegien zu legitimieren, des Wettstreits der Edlen um den Ruf der Vortrefflichkeit. „Wir sind eine Demokratie, und eine Demokratie hat doch keine Tugenden.“ Die Vorstellung, ein heutiger Politiker könne sich in der Amtsführung an Friedrich orientieren, sei verfehlt, da der König ein Alleinherrscher gewesen sei. Dieses soziologische Argument ist plausibel, variiert aber ebenfalls Motive aus dem preußischen Tugendkomplex, die intellektuelle Bescheidenheit und radikale Nüchternheit.

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