Mehr Transparenz, Vier-Augen-Prinzip, unangekündigte Kontrollen – die Transplantationsmedizin-Experten der Bundesärztekammer hatten am Nachmittag der Öffentlichkeit als Lösung präsentiert, was man so anbieten kann, wenn die Öffentlichkeit Taten erwartet, die Akteure aber nichts grundlegend ändern wollen. Am Abend dann war der Organspende-Skandal Thema der ARD-Talkrunde bei Moderator Beckmann.
Der Skandal, der mittlerweile recht weite Kreise gezogen hat, hat zwar angeblich alle und gerade auch die Fachleute überrascht; merkwürdigerweise schlägt das auf die angebotenen Bewältigungsstrategien aber nicht durch: Hier ist kein Ringen um ganz neue Ideen erkennbar, keine Suche nach Konzepten, die helfen einer ganz unerwarteten Situation Herr zu werden, hier herrscht Routine. Tatsächlich sind die Insider der Transplantationsmedizin auch weniger überrascht, als ihre öffentlichen Erklärungen annehmen lassen.
Die Wissenschaftsjournalistin Christina Berndt, die in der „Süddeutschen Zeitung“ als erste über die schwerwiegenden Manipulationen von Patientendaten an der Universitätsklinik Göttingen geschrieben hat, unterstrich bei „Beckmann“, dass in der Klinik bekannt war, dass Daten manipuliert wurden. Auch Axel Rahmel, Medizinischer Direktor der privatrechtlichen Stiftung Eurotransplant, räumte auf die insistierende Nachfrage von Moderator Beckmann ein, dass angesichts der Art und Weise der Manipulationen schwer vorstellbar sei, dass hier ein Arzt allein gehandelt hätte.
Eurotransplant habe aber immer darauf gesetzt, dass in den Transplantationszentren die soziale Kontrolle funktioniere und solche Machenschaften dadurch verhindert würden. Ein bemerkenswertes Bekenntnis, angesichts dessen, dass hier enorme Mengen Geldes und die lebenswichtige knappe Ressource „Organe“ verteilt werden. Etwas mehr als „soziale Kontrolle“ hat angesichts dessen auch der deutsche Gesetzgeber vorgesehen, der immerhin die Schaffung einer Prüfungskommission verlangt hat, die den gesetzlichen Auftrag hat, Vermittlungsentscheidungen zu überprüfen.
Schiedsrichter, Stichproben und Spanien
Die zurückhaltende Tätigkeit dieser Prüfungskommission lieferte in der “Beckmann“-Diskussion dem DSO-Vorstand Günter Kirste Argumente für seine Position. Kirste hatte selbst noch vor einigen Monaten im Zentrum eines Skandals um die Arbeitsweise der Deutschen Stiftung Organtransplantation gestanden, doch darauf ging in der „Beckmann“-Sendung taktvollerweise niemand auch nur mit einer Silbe ein. Kirste hob hervor, dass seit dem Jahr 2000 von der Prüfkommission bei etwa 30.000 durchgeführten Transplantationen nur etwa 20 Fälle wegen Unregelmäßigkeiten an die staatlichen Behörden weitergemeldet worden seien. Für ihn ein Indiz, dass das System der Organverteilung in Deutschland keineswegs marode sei, sondern recht gut funktioniere. Diese Überzeugung hatte ihn auch zu Beginn der Sendung schon zu der bemerkenswerten Feststellung motiviert „wir haben keinen Organspendeskandal, wir haben einen Skandal eines einzelnen Menschen, der zweimal agiert hat und ich habe mir sagen lassen, dass das im Fußball bei Schiedsrichtern auch schon mal passiert.“ Eine Betrachtungsweise, die hinsichtlich der Selbstheilungskräfte der Transplantationsmedizin nicht gerade optimistisch stimmt.
Leider bot dem Chef der für die Organisation und Durchführung von Organspenden in Deutschland verantwortlichen Organisation an dieser Stelle niemand entschieden Paroli . Dabei hätte man beispielsweise darauf hinweisen können, dass die Prüfungskommission die Vermittlungsentscheidungen nur stichprobenartig überprüft ohne übrigens öffentlich mitzuteilen, wie viele Stichproben überprüft wurden. Seit ihrer Gründung bis 2011 musste die Kommission jedenfalls 119 Vorgänge „klärungsbedürftiger Auffälligkeiten“ untersuchen – auch das, ohne dass sie sich jemals mit detaillierten Informationen über die Problemfälle der Transplantationsmedizin an die Öffentlichkeit gewendet hätte.
Später in der Sendung behauptete Kirste, das von der Journalistin Berndt und dem ebenfalls als Gast eingeladenen nierentransplantierten Klimaforscher Latif geforderte System staatlicher Kontrolle der transplantationsmedizinischen Praxis wäre ein „sehr theoretisches Modell“. Niemand hielt ihm entgegen, dass sich in Spanien, das als transplantationsmedizinisches Musterland gilt, genau diese staatliche Überwachung offenbar recht gut bewährt.
Die Kontroverse kam nicht in Fahrt, sie entzündete sich nicht an diesen Fragen und auch nicht in Zusammenhang mit dem später kurz erwähnten „beschleunigten Verfahren“, bei dem Organe schließlich nicht von Eurotransplant verteilt, sondern immer häufiger von den lokalen Transplantationsmedizinern zugewiesen werden. Dass die ganze Zeit über eher freundlich parliert wurde, lag auch an der entschlossenen Moderation Beckmanns. Überall wo ein Diskussionsstrang sich in eine unerwartete Richtung zu entwickeln drohte, setzte er kurz und bündig einen Schlusspunkt, als wolle er in seiner Talkshow die laxe Moderation von Anne Will in ihrer Sendung wettmachen. Und die Teilnehmer ließen es sich freundlich gefallen.
Patienten haben keine Alternative
Am Ende der Sendung blieb man etwas erstaunt zurück, weil den offensivsten Part der übernommen hatte, den man in der Rolle des Verteidigers vermutet hätte. Über die Folgen des Skandals hatte man weniger erfahren als zu hoffen war. Das lag auch daran, dass die Stoßrichtung der in der Sendung geäußerten Kritik weitgehend unklar blieb, außer, dass Christina Berndt mehr Transparenz und Kontrolle, sowie eine Abkehr von der Kultur der Macht in der Universitätsmedizin gefordert hatte.
In Erinnerung blieben so vor allem die Statements der beiden eingeladenen Patienten, deren Interessenlage, ebenso wie die von DSO-Vorstand Kirste ganz klar war: Während der DSO-Vorstand das System in seiner jetzigen Form bewahren wollte, sorgten die Patienten sich darum, dass durch den Skandal oder dessen Kleinreden die Spenderzahlen zurückgehen könnten. Guido Hoffmann, ein Familienvater, der dringend eine Leber benötigt, bekannte sich zu seiner Hoffnung, dass es sich nur um einen Einzelfall handele, „für mich gibt es ja keine Alternative, ich muss mit diesem System auskommen.“
Schärfer äußerte sich Mojib Latif, dem innerhalb von zwanzig Jahren bereits zwei Nieren transplantiert wurden. Er fragte, warum eigentlich die in den Skandal involvierten Ärzte überhaupt noch praktizieren dürften – eine Frage, auf die er außer der recht pauschalen Mitteilung, dass ein Approbationsentzug eben nicht einfach sei, keine Antwort erhielt. Auch das erzählt viel über den Umgang mit dem Skandal, der, wie auch in der Sendung erörtert wurde, eine Vorgeschichte in Regensburg hatte. Doch obwohl damals ein auffälliger und bedenklicher Sachverhalt von der Prüfungskommission festgestellt worden war, wurde der Fall erst jetzt nach Jahren im Windschatten des neueren Skandals bekannte. Wer stellt sicher, dass die Kontrollinstanzen, die damals, als nichts an die Öffentlichkeit gedrungen war, in Zukunft anders handeln, wenn sie nicht einer grundlegenden Veränderung unterzogen werden? Ein bisschen Änderung, das äußerte Klimaforscher Latif, der sich in dieser Angelegenheit als „Mann von der Straße“ bezeichnete, werde nicht ausreichen, das System müsste grundlegend verändert werden.
Heute neue Idee: "...muss der Staat eine unabhängige
Behörde schaffen".
Dr. Michael Menzel (DrMurke)
- 12.08.2012, 22:34 Uhr
Egal
Stefan Michl (Stefan_Michl)
- 10.08.2012, 13:13 Uhr
Absolut zutreffender Schlusssatz
Klaus Michael Strauss (kmstFAZ)
- 10.08.2012, 12:43 Uhr
Ohne an der Diskussion teilnehmen zu wollen, möchte ich doch auf 2
Gesichtspunkte hinweisen
Rolf-Dirk Maehler (RDMAEHLER1)
- 10.08.2012, 10:25 Uhr
Dieses System kann nicht funktionieren
Klaus Letis (odysseus_8)
- 10.08.2012, 10:04 Uhr