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Freitag, 10. Februar 2012
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FAZ.NET-Fernsehkritik: Das Kanzlerduell Spiel nicht mit den Tigerenten!

14.09.2009 ·  Das Duell war ein Duett, Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier waren vor allem nett zueinander. Die vier Moderatoren kamen als Wadenbeißer daher. Wenn wir ein Duell gesehen haben, dann eines zwischen Politikern und Journalisten.

Von M. Hanfeld, M. Hannemann, O. Jungen und J.Thomann
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Eine Frage scheint im Raum zu stehen: War das ein Duell? Drei Merkmale hat ein Duell schließlich, es ist kurz, schmerzhaft und eindeutig. Ganz anders beim Kanzlerduell im privat-öffentlich-rechtlichen Rundfunk, wo die Kontrahenten - absichtlich? - aneinander vorbeischossen, einmal, zweimal, hundertmal. Nichts ist vorbei. Gleich eingangs schmeichelten die Gegner einander über Bande, lobten ihre Zusammenarbeit in der großen Koalition, so dass das Moderatorengespann schon nach wenigen Minuten die Befürchtung aussprach, die Geladenen wollten ein Duett statt eines Duells austragen.

Diskutieren, bis der Arzt kommt

Große Einigkeit herrschte in den meisten Fragen: Beim Arzt darf nicht mehr so lange gewartet werden, die gefundene Opel-Lösung ist die beste aller denkbaren, an einen Abzug aus Afghanistan um 2013 muss gedacht werden dürfen, Manager gehören überwacht, Banken besser beaufsichtigt, es muss sozialer zugehen in diesem Land. Die brav aufgesagten Statements zum Schluss hätte man in ihrer blumigen Allgemeinheit ebenfalls vertauschen können.

Kleine Unterschiede, die altbekannten, gab es nur hinsichtlich der Vorstellung von Steuersenkungen - hier auch ein Anflug von Schlagabtausch, als der Vizekanzler die Rechnung aufmachte, für die Pläne der Kanzlerin sei ein Wachstum von neun Prozent nötig, was diese zwar dementierte, aber nun diesen Punkt nicht mehr holen konnte - sowie in der Position gegenüber der Atomkraft. Auch wenn die beiden Agenden also sehr ähnlich waren, gelang es dem Herausforderer Frank-Walter Steinmeier doch, seine Antworten etwas souveräner zu formulieren, wobei er andererseits auch Wiederholungen nicht scheute und die Floskel „Begrenzung von Managergehältern“ im gefühlten Dutzend zu Markte trug.

Die Moderatoren: streitgeil, hämisch, überheblich

Und trotzdem war es nicht so, dass jede Aggressivität fehlte: Sie richtete sich allerdings gegen die Moderatoren. Und mit welchem Recht! Mit zahlreichen dümmlichen Fragen („Duzen Sie sich eigentlich?“), die zudem in einer streitgeilen, hämischen und überheblichen Weise gestellt wurden, mussten die beiden führenden Vertreter unseres Staates erst einmal klar kommen. Dass man sie aber auch noch ständig rüde unterbrach, ihnen manchmal schon nach den ersten Worten über den Mund fuhr, war schon ein starkes Stück und zeigte sehr deutlich: An Inhalten waren das Moderatoren-Tribunal nicht interessiert, allein an möglichen Ausrutschern oder an Eingeständnissen.

Beide Kandidaten verbaten sich immer öfter, auf diese Weise befragt zu werden: „Haben Sie doch einfach Interesse an meinem Argument, Frau Illner“, sagt Steinmeier einmal zu Recht. An einer anderen Stelle will er noch ein Wort zur Verschuldung sagen, bevor man zum Thema Gesundheit wechselt, und Frank Plasberg belehrt ihn wie einen Schuljungen: „Geht von Ihrem Konto ab.“

Überhaupt: Dieses dämliche Zeitkontengeschwätz! Kann man die Zeit nicht einfach im Blick behalten, ohne sie alle zehn Minuten thematisieren zu müssen? Stattdessen hätte man vielleicht nicht (übrigens erneut) auf das Thema Bildung verzichten müssen. Wenn wir ein Duell gesehen haben, dann eines zwischen Politikern und Fernsehjournalisten, zwischen einer neuen Bescheidenheit und einer neuen Eitelkeit. Wenn es dabei etwas zu lernen gab, dann nur wieder dies: Fernsehduelle sind der Politik und der politischen Meinungsbildung vollkommen unangemessen.

ARD: „schwache Besetzungen“ im „Bunker“, Jauch war k.o.

Selbst Innstetten macht sich nach Erledigung des Gegenübers in Berlin so seine Gedanken, ob das Duell überhaupt nötig gewesen ist. Solche Gedanken sind der ARD fremd. In der Nachbereitung bei „Anne Will“ hieß die viel wichtigere Frage: Wer hat gewonnen? Der Journalist Hans-Ulrich Jörges wusste es schon im Vorhinein und sah sich bestätigt: die große Koalition. Claus Peymann unterstrich diesen Eindruck auf seine Weise: „Beides schwache Besetzungen.“ „Eigenartig geklont“ und leidenschaftslos nämlich wirkten Kanzlerin und Vizekanzler: „Mit den beiden gehe ich nicht in den Bunker.“

Günther Jauch, der mit einer abstrus schief auf der Nase sitzenden Brille schon optisch einen KO-Eindruck vermittelte, bemühte sich ebenfalls nach Kräften, die Langweiligkeit des Duells, „das keines war“, herauszustellen: „Wo war da das Profil?“ Nicht langweilig fand das Gespräch nur Edmund Stoiber, der wundersamerweise befand, Frau Merkel habe das alles ganz prima gemacht. Steinmeier aber, so Stoibers Befürchtung, könnte auf dieselbe Art punkten wie er selbst seinerzeit gegen Gerhard Schröder: mit der Underdog-Nummer. „Wenn man mit geringeren Erwartungen sozusagen begleitet wird, hat man sicherlich zunächst einmal die Chance, etwas besser beurteilt zu werden.“

Jörg Schönenborn, der Umfrageclown

Klaus Wowereit dagegen hatte nicht nötig, sich weit aus dem Fenster zu lehnen, da in dieser Runde die überwiegende Meinung war, Angela Merkel habe noch defensiver gewirkt als ihr Gegenüber. Einen Doppelauftritt in der Nachbereitungssendung hatte Umfrageclown Jörg Schönenborn, dem die Aufgabe zufiel, den Sieger des Abends statistisch zu ermitteln.

Dazu präsentierte er absurd redundante Balkendiagramme - zunächst sogar als „Halbzeitbilanz“ -, aus denen nun ebenfalls hervorgehen sollte, dass die beiden Kandidaten in den meisten Hinsichten ähnliche Werte erreichen, Frau Merkel als etwas kompetenter, dafür Steinmeier als angriffslustiger gilt. Der wie auch immer ermittelte Gesamtwert lautete 42 Prozent Merkel gegen 43 Prozent Steinmeier, mithin ein klares Unentschieden.

Frauen duellieren sich nicht

Es war ausgerechnet die Chefredakteurin der „Bunten“, Patricia Riekel, die den klügsten Kommentar zum missglückten Duell abgab, obwohl man von ihr schon nicht mehr viel erwartete, nachdem sie zunächst erklärt hatte, dass die Häufigkeit des Lächelns eine wichtige Rolle spiele. Der Politikstil in Deutschland, so die einzige Frau in der Runde mit Ausnahme der Moderatorin, habe sich durch Angela Merkel verändert. Frauen seien eben eher zu Kompromissen bereit. Ihr dies nun als Schwäche auszulegen, wie es hier geschah, sei doch eine sehr männliche Perspektive.

Plötzlich war alles sonnenklar: Frauen duellieren sich eben nicht. Das könnte Steinmeier den Kragen retten, der anders als Crampas den Satz zu Ende führen könnte: „Wollen Sie es nicht noch einmal mit mir probieren?“

RTL: Sehenden Auges ins Quotendebakel

„Ein echter Straßenfeger“ werde dieses Fernsehduell werden, begeisterte sich die im RTL-Außenstudio mit Blick aufs Brandenburger Tor postierte Reporterin Ilka Eßmüller. Ihre Kollegin Frauke Ludowig konnte nur zustimmen: „Alle Promis“, die sie vor der Sendung befragt habe, wirklich alle hätten versichert, sich das Duell anschauen zu wollen. Eine Sendung also „nicht nur für Politjunkies“, versprach Eßmüller. Sondern auch, diesen Nachsatz aber sparte sie sich, für das RTL-Publikum.

Als Fernseh-Marktführer befand sich RTL am Sonntagabend in der so ungewohnten wie undankbaren Position, sehenden Auges in ein Quotendebakel zu steuern. Gegen die eigene Überzeugung galt es der Stammkundschaft zu verkaufen, dass die Performance des Politikerduos mindestens so spektakulär ausfallen würde wie jene von Bruce Willis oder Will Smith, die die RTL-Zuschauer sonntags sonst unterhalten.

Um den Kulturschock ein wenig zu lindern, entschied man sich für einen sanften Übergang: Wie in einer der üblichen RTL-Panelshows gaben Fernsehgesichter von Roberto Blanco über Vera Int-Veen bis zu Erika Berger Kommentare ab, die sich um Merkels Frisur und Dekolleté und um Steinmeiers Bauch und Brille, nie aber um Politik drehten. Steinmeier, empfahl der Fernsehkoch Ralf Zacherl, solle besser mal die Finger von Rinderrouladen lassen und mehr Salat essen. Da dürfte manch RTL-Zuschauer gedacht haben, sich noch immer in der Doku-Soap „Schwiegertochter gesucht“ zu befinden, in der sich kurz zuvor der „schüchterne Koch Frank“ zwischen zwei Damen entscheiden sollte. Dazu passte auch, dass der Reporter Thomas Präkelt im Pressezentrum über den Inhalt der für die Kandidaten präparierten, von diesen aber vermutlich kaum angerührten kalten Platten referierte (Käse und Lachs für Merkel, für Steinmeier dazu noch Buletten).

Wir wünschen Ihnen „gute Information“

„Der Weg für Steinmeier ist zwar steinig, aber in Stein gemeißelt ist da noch nichts“, kalauerte der RTL-Kommentar. Die ewige „Exclusiv“-Moderatorin Frauke Ludowig begrüßte als Studiogäste die Schauspielerin Sophia Thomalla (Qualifikation: Erstwählerin) und den Modemacher Otto Kern (Qualifikation: Modemacher). Wo war nur die ebenfalls angekündigte Alexandra Kamp? Kern prophezeite, „dass die beiden sehr stilvoll auftreten werden“, Thomalla fand die Situation für sich „sehr ungewohnt“. Danach wurde es allmählich politischer: RTL-Journalist Lothar Keller erläuterte kurz die Duell-Regeln - darunter das strikte Verbot des Einsatzes von Maskottchen - und Heiner Bremer erklärte, dass Steinmeier wohl selbst nicht mehr glaube, noch Kanzler zu werden. Dann wünschte Eßmüller - wann hörte man dies je bei RTL? - den Zuschauern „gute Information“.

Die von RTL in Auftrag gegebene Forsa-Blitzumfrage sah nach dem Duell Merkel knapp vorn, wobei Steinmeier höhere Sympathiewerte erzielte. Unions-Fraktionschef Kauder lobte die „exzellente Regierungschefin“, SPD-Chef Müntefering den Herausforderer: „Das war der Durchbruch im Wahlkampf.“ Modemacher Kern pries das Auftreten der Duellanten („top!“) und hatte nur für Steinmeiers etwas zu rote Krawatte leichte Kritik übrig: „Das nimmt etwas weg von dem attraktiven Mann.“ Tief enttäuscht zeigte sich die Erstwählerin. Nach dem Duell, schimpfte Sophia Thomalla, sei sie „genauso unschlau wie vorher, und das ist schlecht“. Einzig über den „bösen Blick“, den die Kanzlerin dem Kontrahenten zukommen ließ, als dieser von den hohen CDU-Spenden aus Bankerkreisen sprach, zeigte sie sich „positiv überrascht“. Das also wünscht sich die Jugend von der Politik: Mehr Duell, mehr Kampf, mehr böse Blicke. Gut für RTL, dass das demnächst wieder Bruce Willis übernimmt.

Sat.1: Der große Coup

Zumindest bei Sat.1 hatten sie an diesem Abend das Gefühl, den großen Coup in Sachen Kanzlerduell gelandet zu haben. Natürlich lag das weniger an Nachrichtenmann Peter Limbourg, dessen Fragen erwartungsgemäß sowohl die Kanzlerin wie den Kanzlerkandidaten kalt ließen, und zwar auch, als Limbourg Frau Merkel danach fragte, welche ihrer Grundsätze von einst denn nun im Zuge der Krise hinfort gespült worden seien. Nein, der fast bedenkliche Adrenalin-Gehalt im Studio Adlershof lag einzig an der Verpflichtung zweier Herren, die das amerikanisierte Großduell von Kanzlerin und Herausforderer nicht hatte miteinbeziehen wollen - Jürgen Trittin von den Grünen und Guido Westerwelle von den Liberalen.

Um es mit der Moderatorin Sabine Christiansen zu formulieren: „Demokratie ohne Opposition, das ist so nicht in Ordnung.“ Oder mit dem Moderator Stefan Aust: „Die Begeisterung springt einem [nach dem Duell Merkel-Steinmeier] nicht unbedingt entgegen. Aber das wird sich jetzt gleich sicherlich ändern ...“ Nicht viel, und sie hätten bei Sat.1 noch einmal den alten Slogan „Sat.1 zeigt's allen“ eingeblendet.

Westerwelle legt los, die Werbung zerschießt alles

Vor allem Guido Westerwelle kam diese Hochstimmung zupass. So wie er bereits vor zwei Wochen, am Abend nach den Landtagswahlen, jede Minute eines „Anne Will“-Gesprächs mit ihm und Sigmar Gabriel zu nutzen verstand, besaß er auch jetzt wieder den richtigen Instinkt. Erst schaute er für „Bild.de“ das Kanzlerduell. Dann legte er bei „Ihre Wahl! Die Sat1-Arena“ sendungsfüllend los, kaum dass Peter Limbourg („Vielleicht schläft er schon“, scherzte jemand im Studio, als die Schalte unmittelbar nach Ende des Kanzlerduells nicht sofort funktionierte) an Stelle einer Duell-Analyse von seinem „Rest an Verdacht“ erzählt hatte, Merkel und Steinmeier sei klammheimlich an einer Fortsetzung der Großen Koalition gelegen: Nicht nur hätten bei der zentralen Fernsehdebatte zur Bundestagswahl liberale, grüne und sozialistische Stimmen gefehlt, sagte Westerwelle. Vielmehr seien im Duell Themenblöcke wie Familie, Bildung und Forschung oder die Frage nach einer Alternative zur planwirtschaftlichen Gesundheitspolitik ausgespart worden: „Für alte Autos“, würde er wenig später sagen, „sind fünf Milliarden Euro da, für Steuer- oder Bildungsreformen nicht.“

Da freilich war die Werbung vor, und liebe Sat.1-Kollegen: Die Art und Weise und Länge, in der in dieser Sendung die Werbeblöcke geschaltet wurden, hat Euch eine Sendung zerschossen, die im Vergleich mit den, sagen wir: ausbaufähigen Leistungen von Aust und Christiansen in den letzten Wochen durchaus Charme hätte entwickeln können. Dass gleich nach Westerwelles Warnung vor der Planwirtschaft die Ankündigung eines Fernsehdramas um den Mauerbau lief, war als subtiler Regiescherz noch zu verkraften. Auch der SPD-Wahlwerbespot, der bezeichnenderweise im Umfeld einer Kopfschmerztabletten-Reklame lief. Gefühlte dreißig Minuten Werbung nach vier Sätzen Westerwelle aber waren ein Tiefschlag für alle, die Politfernsehen jenseits der Gebührenfinanzierung für möglich halten, und es wurde nicht besser mit einem zweiten Werbeblock, der ebenso kopf- wie gnadenlos den Versuch von Westerwelle und Trittin (der vor der ersten Werbepause noch nicht einmal anwesend war) abbrach, Argumente für und wider eine Steuerreform zu erläutern.

Wäre nicht in zwei Wochen Wahl, hätten die Gäste die Veranstaltung womöglich aus Protest verlassen, und die um Sachlichkeit bemühten Moderatoren gleich mit dazu. Es ist aber nun einmal Wahl. Also blieben die Gäste, schon um keine Antwort auf die zentrale Frage des Abends zu geben: Was wird eigentlich, fragte Aust wiederholt, wenn es nach der Wahl weder für Rot-Grün noch für Schwarz-Gelb reicht? Gibt es dann nicht vielleicht doch Gemeinsamkeiten zwischen Grünen, die wie Trittin auf einmal ihre Bürgerlichkeit betonen, und Liberalen, die, wie Westerwelle nun betont, Wert auf soziale Gerechtigkeit, Erneuerbare Energien und die Rechte der Frauen in Afghanistan legen? „Es gibt keine Tabus“, sagte Trittin, stolz auf seinen Schlips. „Es wird keine Koalitionsverhandlungen geben“, sagte Westerwelle, der fest an schwarz-gelbe Mehrheiten glaubt. Und Time-Out. Fanfaren. Streicher. Trommelwirbel. Das war sie, die Generalprobe für den „TV-Dreikampf“ mit Westerwelle, Trittin und Lafontaine, den die ARD heute Abend veranstalten wird. Werbefrei.

ZDF: Franz Müntefering war hingerissen

Na, ja, zumindest einen hat es ja mitgerissen: den SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering. Den „Durchbruch“ im Wahlkampf hatte er gesehen, einen Herausforderer, der sein Gegenüber deklassiert habe, wie man es noch nie sah bei einem Fernsehduell. Sprach das Orakel und da war niemand im Zweiten, der zu fragen wagte, nach dem wievielten Pils Müntefering an seine eigenen Sätze selbst zu glauben beginnt. Da halten wir es doch lieber mit Peter Frey, der nach dem Duell und nach der mehr als einstündigen Nachbetrachtung im Zweiten zu dem Fazit kam, dass der Wahlkampf für Frank-Walter Steinmeier mit diesem Abend hätte vorbei sein können. Das aber ist er nicht und das darf die SPD als Erfolg betrachten. Man wird ja bescheiden im Sechsparteiensystem.

Was haben wir gesehen an diesem Abend mit dem Zweiten? Eine „Duell“-Moderatorin Maybrit Illner, die mit ihren drei Kollegen der anderen Sender rüberkam wie eine Rasselbande aus der Vorstadt, die zwar für die eine oder andere Sottise gut ist, sich so richtig hart zu fragen aber doch nicht traut. Wobei mit „hart fragen“ nicht gemeint ist „ins Wort fallen“, sondern auf die zahlreichen Widersprüche deuten, die an einem solch glattpolierten Abend dann doch ins Auge springen. Die Widersprüche zwischen den Versprechungen der Großkoalitionäre und dem, was sie auf fast allen politischen Feldern nicht werden einlösen können, zum Beispiel. Die Diskrepanz zwischen Soll und Haben, die vor allem kommende Generationen beschäftigen wird. Doch siehe da - von Maybrit Illner behalten wir nach diesem Abend in Erinnerung, dass sie genauso komplizierte Fragen stellen kann, wie sie Steinmeier bislang als Antworten parat hatte (zehn Substantive, drei Relativeinschübe, kein Verb) und - dass sie Schwarzgelb für eine „Tigerentenkoalition“ hält. Mit dieser Wortschöpfung zeigt Maybrit Illner, was sie von Politik hält, aber sie wird damit in die Geschichte eingehen. Den Begriff „Jamaika“ haben wir schon, jetzt fehlt nur noch ein schöner Titel für Rot-Rot-Grün.

Wer lag vorne? Keiner von beiden

So wie die vier Moderatoren während dieses sogenannten „Duells“ haben sie beim ZDF auch danach nicht lassen wollen von dem Gedanken, dass hier tatsächlich ein Showdown stattfände. Also wurde in Minutenfrist von der Forschungsgruppe Wahlen ermittelt, wer zur Halbzeit der Sendung vorne lag: Steinmeier mit einer Zustimmung von 38 Prozent vor Angela Merkel mit 21 Prozent, allerdings sagten 40 Prozent der Befragten, es sei ein Unentschieden gewesen. Der Videotext des ZDF machte daraus die superspannende Nachricht: „TV-Duell: Steinmeier vorn“. Die Zahl, auf die sich dieser Titel stützte, währte im Videotext einige Minuten länger als im Studio, am Ende sahen 28 Prozent der Befragten Merkel vorn, 31 Prozent fanden Steinmeier besser, für ein Patt votierten 40 Prozent. Wobei festzuhalten bleibt: Bei den unentschiedenen Wählern kam Steinmeier potentiell besser an als Angela Merkel.

Der wahre Tenor dieses Abends fand sich aber nicht in den zu Wahlkampfzeiten zum Gotteswort verklärten Umfragereihochrechnungen, sondern in dem, was die in ein Krankenhaus in Potsdam und in ein Schmiedeunternehmen in Aalen entsandten Reporter zu hören bekamen: Keiner der beiden Kandidaten hatte hier irgendwen von den Sitzen gerissen, alle Fragen blieben offen. Offen geblieben waren vor allem Fragen zur Bildungs- und zur Familienpolitik. Das fiel einigen Zuschauern auf, so auch Jacob Schrot, dem jungen Mann, der vor einiger Zeit bei der ZDF-Politnachwuchsshow „Ich kann Kanzler“ gewonnen hat. Es war schon seltsam: Neunzig Minuten - von denen die ersten zehn mit dem warming up der vier Moderatoren verplempert wurden - und zwei zentrale Wahlkampfthemen kommen überhaupt nicht vor. Junge Leute und Familien scheinen bei dieser Wahl nicht so wichtig zu sein. Demographie, ick hör dir trapsen.

Und auch um die sonst so beliebten Machtkonstellationen ging es an diesem Abend erstaunlich wenig. Angela Merkel machte Werbung für sich und die Union, Steinmeier verkaufte seine SPD als Partei des sozialen Gewissens und malte eine Koalition von Union und FDP als Schreckgespenst an die Wand. Er wurde dabei aber nur zaghaftest gefragt, auf welche Koalition er denn aus ist. Wirklich ohne die Linke? Vielleicht doch mit der verfemten FDP? Am Ende kann man den Furor, mit dem Guido Westerwelle (der an diesem Abend bei Sat.1) saß, gegen dieses sogenannte „Duell“ angerannt ist, verstehen: Steinmeier zog 90 Minuten lang über „Schwarzgelb“ und damit vor allem über die FDP her, ohne dass diese sich hätte wehren können. Das ging im ZDF nur anschließend, als der FDP-Generalsekretär Dirk Niebel die Veranstaltung ebenso als Farce bezeichnete wie die Kollegen von den Grünen und der Linken.

Kein Duell, eher ein Duett, aber ganz sinnstiftend und nett, darauf ungefähr konnten sich auch die beiden journalistischen Gastkommentatoren im ZDF einigen, Helmut Markwort, der Chefredakteur des „Focus“ und Heribert Prantl, Innenpolitik-Chef der „Süddeutschen Zeitung“. Diese beiden, die sich sonst eher fetzen - in der gebotenen Sachlichkeit selbstverständlich - waren an diesem Abend genauso nett zueinander wie Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier. Auch mit dem Zweiten sah man eine einzige Werbeveranstaltung für die große Koalition.

Quotenflop Fernsehduell

Das Duell hat weit weniger Menschen als erwartet vor die Fernseher gelockt. Im Vergleich zum letzten Fernsehzweikampf vor vier Jahren schalteten sieben Millionen Menschen weniger ein, teilte die ARD am Montag mit. Insgesamt verfolgten diesmal 14,18 Millionen Zuschauer die Auseinandersetzung. 2005 - beim Duell zwischen Merkel und dem damaligen Kanzler Gerhard Schröder (SPD) - waren es noch 20.97 Millionen gewesen.

Die meisten Zuschauer sahen laut ARD die Diskussion im Ersten, hier schalteten 7,86 Millionen Menschen (Marktanteil von 23,4 Prozent) ein. Bei dem zeitgleich von den vier großen Fernsehsendern übertragenden Ereignis entschieden sich für das ZDF 3,47 Millionen (10,3 Prozent Marktanteil), 2,06 Millionen (6,1 Prozent) für RTL und 0,79 Millionen (2,3 Prozent) für Sat.1.

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