09.06.2010 · Wer Bundespräsident werden will, darf keinen Wahlkampf machen. Das Fernsehen zwingt die Kandidaten aber dazu. Christian Wulff machte in der ARD-Sendung „Farbe bekennen“ den Anfang. Es war kein Witz: Der vermeintlich Farblose brachte Farbe ins Präsidentenspiel.
Von Edo ReentsVor Jahren, als sein Kampf gegen den Hannoveraner Goliath Gerhard Schröder noch aussichtslos und er in der Rolle des Ministerpräsidentenherausforderers ewig zu verharren schien, saß Christian Wulff in einer Talkshow, hörte sich allerhand Fragen an, antwortete ganz normal und seriös darauf, und irgendwann sagte die Moderatorin, die sich wahrscheinlich vorgenommen hatte, diesen als blass und bieder geltenden Gesprächspartner einmal so richtig vorzuführen: „Sie antworten immer so ernst.“ Darauf sagte Wulff, augenscheinlich ohne die geringste Angst, die über ihn in Umlauf befindlichen Vorurteile zu bestätigen: „Wenn man ernst fragt, muss man damit rechnen, auch ernste Antworten zu bekommen.“ Wer so zu reagieren weiß, muss als öffentliche Person eigentlich nicht mehr viel dazulernen.
Und nun, für eine viertel Stunde am Mittwochabend, sollte der von der schwarz-gelben Regierungskoalition nominierte Bundespräsidentenkandidat in der ARD für eine kurzfristig anberaumte Sendung das tun, was er nach Ansicht seiner Kritiker am allerwenigsten kann: Der vermeintlich Farblose sollte „Farbe bekennen“ - ein Witz auf Rädern! Ulrich Deppendorf, Leiter des ARD-Hauptstadtstudios, fragte als Erster und das Nächstliegende: ob er, Wulff, der doch vor zwei Jahren noch behauptet hatte, nicht über den absoluten Machtwillen zu verfügen, als dass er eines Tages Bundeskanzler werden könnten, nun auf einmal doch ein „politisches Alphatier“ werden wolle. Diese Ämter seien „verschieden“ entgegnete der natürlich sehr wohl Ambitionierte. Dem Bundespräsidenten obliege eine gewisse Zurückhaltung, „das kommt mir näher“.
Und Thomas Baumann, der ARD-Chefredakteur, fragte das Zweitnächstliegende: Sein Gegenkandidat Gauck sei ja so unglaublich unabhängig und eloquent - ob Wulff nicht daran denke, diesem haushoch überlegenen Konkurrenten einfach den Vortritt zu lassen? Diese regelrechte Unverschämtheit parierte der Gefragte, indem er darauf hinwies, dass es kein Fehler sein müsse, sein Leben lang parteipolitisch engagiert zu sein; es sei auch falsch, immer zwischen „Mensch“ und „Parteimensch“ unterscheiden, und im übrigen „werden wir uns auch treffen“, Gauck und er nämlich. Es gehöre ja zu einer Demokratie und sei absolut normal, dass (einer) ausgewählt werde.
Eins zu null für Wulff
Ob er aber nicht in der unangenehmen Lage sei, dass er Merkel und Westerwelle jetzt einfach nicht düpieren dürfe? „Ich finde, dass ich die Voraussetzungen mitbringe, um die Anstöße zu geben, die unser Land weiterbringen.“ Gauck habe als Leitmotiv „die Freiheit“ - was er denn mitbringe? „Mein Thema ist die Zukunft.“ Wir seien in einem starkem demographischen Wandel begriffen, man dürfe niemanden links liegen lassen, sondern die Klugheit aller nutzen, die natürlich auf Seiten der vielen Muslime in unserem Land genauso anzutreffen sei; und im übrigen, ergänzte Wulff auf die Frage, ob er der neulich von Horst Köhler mit so desaströsen Folgen ausgerufenen neuen bundesrepublikanischen Militärräson zustimme, müssten wir, wenn wir schon Terror unterbinden wollten, „bei uns im Land mehr tun“, nämlich eben die Muslime stärker einbinden, denn viele Terroristen hätten hier ja gewohnt oder hätten hier im Verborgenen gelebt.
Das alles - auch die mäßigende Antwort auf die Frage, wie er die gerade beschlossenen Sparmaßnahmen sehe - brachte Christian Wulff ruhig, vernünftig, klug, seriös, uneitel, schlagfertig und ohne die ja auch sonst nie an ihm zu beobachtende Neigung zur Scharfmacherei vor. Die Bundespräsidentenwahl hat ihre eigenen Gesetze - aber jetzt, nach dem Hinspiel (Joachim Gauck ist an diesem Donnerstagabend dran) muss man einfach sagen: eins zu null für Wulff.
Verblüffend
Torlin Monger (TMonger)
- 10.06.2010, 01:49 Uhr
Die Klugheit(?) des Niedersachsen
W. Reiner (Wolfgang667)
- 10.06.2010, 04:06 Uhr
1:0?
Jan Schmitz-Huebsch (jansh77)
- 10.06.2010, 09:50 Uhr
1:0 gegen Deppendorf & Co
Mona Vogelsang (Aghapi)
- 10.06.2010, 10:16 Uhr
Klugheit oder Abgebrühtheit oder eine Mischung aus beidem ?
thomas schulz (peanutbutter)
- 10.06.2010, 10:38 Uhr