Haben wir da irgendetwas nicht mitbekommen? Hat der Journalist Heiner Bremer einen neuen Job? Wenn nicht, so hat der einstige „Stern“-Chefredakteur, RTL- und n-tv-Moderator sich in der Talkshow von Anne Will am Mittwochabend um einen beworben. Um den des Sprechers der SPD. Wobei die Partei mit ihm vielleicht nicht wirklich gut beraten wäre. So aufbrausend und laut und einer argumentativen Auseinandersetzung abgeneigt, wie er sich gibt, eindeutig in seinem Urteil und über jeden Zweifel erhaben. Für einen ehemaligen (sehr linken) FDP-Politiker vielleicht angebracht, für einen Journalisten eher eine erstaunliche Haltung.
Wofür steht Angela Merkel?
„Merkel gegen Steinbrück – Wer ist glaubwürdiger?“ lautete das Thema bei Anne Will, schön weich und unbestimmt formuliert, so unbestimmt, dass jeder mit Eindrücken und Gefühlslagen rüberkommen kann, wo früher Standpunkte formuliert wurden. Dass dies heute so schwierig scheint, kann nicht nur an der Bundeskanzlerin liegen, von der die einen – in diesem Fall Heiner Bremer und Gertrud Höhler – meinen, sie habe gar keine Überzeugungen; andere aber – bei Anne Will waren das Gerhart Baum und der stellvertretende „Bild“-Chefredakteur Nikolaus Blome – sehr wohl welche erkennen können. Das Bekenntnis zu Europa und zum Euro und zu einer engen Verbundenheit zwischen Frankreich und Deutschland zum Beispiel. Doch waren das, wie im Talkshowgewerbe üblich, einmal mehr nur Stichworte, keine Anhaltspunkte für eine Diskussion.
Gerade um einen Politiker wie Gerhart Baum ist es in einem solchen Rahmen schade, um jemanden, der streiten will, nicht um der Äußerlichkeiten willen; dem übel wird, wenn er die Ausschnitte aus den Parteitagsreden und das Gerede darüber hört („müssen wir das jetzt wirklich ein Jahr lang ertragen?“); der zwischen Taktik, Strategie und programmatischen Grundwerten unterscheiden kann und zwischen Wahlversprechen und der Kompromissnotwendigkeit praktischer Politik. Wenn alle anderen sagen, dass sie den Politikern nichts mehr glauben, klingt das platt, wie an diesem Abend vor allem bei der Journalistin Kathrin Hartmann. Wenn Baum sagt, dass er nicht einmal mehr Koalitionsvereinbarungen traue, klingt das nicht einmal zynisch, sondern als Beschreibung der Politik als der Kunst des Machbaren.
„Ich glaube nicht, dass er das selber glaubt“
Und wie war das nun mit der Glaubwürdigkeit? Heiner Bremer glaubt Peer Steinbrück und dessen auf dem Parteitag formuliertem Bekenntnis zu sozialer Gerechtigkeit. Wobei zu definieren wäre, was das ist und wie man sie am besten erreicht. „Ich glaube nicht, dass er das selber glaubt“, sagte Nikolaus Blome und meinte die Diskrepanz zwischen dem früheren Regierungspolitiker und dem heutigen Wahlkämpfer Steinbrück.
Damit beschreibt Blome eine der großen Herausforderungen für die Sozialdemokraten im Wahlkampf: Es gibt kaum noch Themen, mit denen die SPD gegen Merkel punkten kann, sie hat ihrer Partei in ihrer unnachahmlich unbestimmten Art das Programm der anderen verpasst. „Wir haben eine Sozialdemokratie ohne Sozialdemokraten“, sagte Gertrud Höhler, die den irrationalen Furor, mit dem sie bei anderen Gelegenheiten Angela Merkel und deren Regierungsstil beschrieben hat, ganz gut im Zaum hielt. Auf das Thema soziale Gerechtigkeit aber könne die SPD ihre Hoffnung setzen, meinte Heiner Bremer. Doch ist eben die Frage, ob die Wähler genau diese Botschaft dem Kanzlerkandidaten abnehmen, der sich dazu am heutigen Donnerstag eine ganze Stunde lang bei Reinhold Beckmann auslassen kann, im Einzelgespräch, wo wenig Widerworte zu erwarten sind und man kaum etwas zu verlieren hat.
Die Grünen müssen nicht rot werden
Bei Anne Will jedoch ging es um zwei Abwesende, um Angela Merkel und Peer Steinbrück, was trotzdem interessant sein kann und über einige Strecken auch wurde, weil man die Debatte als Stimmungsbild betrachten und alles, was so im Raum steht, noch einmal aufnehmen kann. Wechselstimmung? Wohl eher nicht. Zufriedenheit mit der Koalition? Auch nicht. Parteienwahlkampf? Von wegen. Die Union ist ein Kanzlerinnenwahlverein, von der FDP weiß man gar nicht so genau, ob es sie noch gibt, genauso wenig, warum es den Grünen, der Partei der Besserverdienenden, so leicht fällt, allen anderen Klientelpolitik vorzuwerfen, ohne rot zu werden. Und die SPD? „Die Schwäche der FDP ist die Stärke von Rot-Grün“, sagte Gerhart Baum.
Und damit ist schon alles gesagt über die Partei, die aus der Opposition heraus den nächsten Kanzler stellen will, dabei aber gezwungen ist, die Politik der Regierung, die sie ablösen will, mitzutragen. Was ihr, etwa bei der Euro-Politik oder der Frage der Bündnissolidarität mit der Türkei, aus Sicht des interessierten Staatsbürgers zum Vorteil gereicht, aber vielleicht nicht aus derjenigen der Wähler.
Wo bleibt Karl Lagerfeld?
Aber es ist und bleibt ein Witz, dass in den Talkshows permanent Leute auftreten, die nach Inhalten rufen, aber nicht einen einzigen nennen und beschreiben können, warum sie ganz konkret was falsch oder richtig finden. Das hat Jutta Ditfurth gerade erst bei Plasberg vorgeführt, jetzt war es die Journalistin Kathrin Hartmann: mehr als Floskeln gegen die verruchte Agenda-Politik und dass alle Politiker gleich (verdorben) sind, kommt dann in der Regel nicht. Da braucht jemand wie Nikolaus Blome nur zu sagen, dass es in Deutschland unter 41 Millionen Menschen nur vierhunderttausend gebe, die von dem, was sie mit einem Vollzeitjob verdienen, allein nicht leben können und deshalb beim Staat „aufstocken“ müssen, und schon ist die Luft raus. Und da muss Gertrud Höhler dann nur noch sagen, es gehe nicht um Inhalte, sondern um Stil. Und schon ist der Ofen aus und möchte man als nächsten Talkgast Karl Lagerfeld auf die Bühne bitten.
Und wie gesagt, um einen Politiker vom Schlage eines Gerhart Baum kann es einem bei solchen Gelegenheiten nur leid tun. Da wollte er gerade Heiner Bremer paroli bieten, der Merkel auch in der Euro-Krise keine einzige positive Leistung zumessen wollte, grätsche ihm Anne Will mit einem dieser Witzfilmchen dazwischen, mit denen in Talkshows flächendeckend Themen „angeteasert“ werden. Da ging es dann nicht um Europa, sondern um das Hassthema Betreuungsgeld, über das sich auch in dieser Runde alle einig waren: Teufelszeug. Woran man – da helfen Talkshows dann doch wieder – den Mainstream der öffentlichen Debatte ablesen kann. Der in diesem Fall lautet: Kinder gehören in die Kita und nicht zu den Eltern nach Hause. Zumindest nicht lange. Mütter und Väter in die Produktion. Dass es ausgerechnet in dieser Frage eine ideologisierte Debatte gibt, spricht Bände über die in diesem Lande herrschende Staatsgläubigkeit.
Am Ende, als sich Gertrud Höhler dann doch wieder in Angela Merkel verbiss und zum „Mysterium“ erklärte, woraufhin der inzwischen sehr lässige Talkshowprofi Blome ausrief „Der einzige Satz, den ich Ihnen glaube, ist, dass Sie Frau Merkel nicht verstehen“; am Ende also stand fest: Peer Steinbrück hat eine Party besucht, die der berüchtigte Eventveranstalter Manfred Schmidt (remember: Causa Wulff) initiiert und bezahlt hat, worüber heute der „Stern“ berichtet, für den Anne Will mit diesem Hinweis ein wenig Werbung machte. Und Angela Merkel ist mit Sicherheit keine „Partygängerin“ (Blome). Und wird deshalb gewählt, weil sie eine von uns ist, die wir niemals über die Stränge schlagen. Weshalb Peer Steinbrück seine Kavallerie, die er mal in die Schweiz schicken wollte, absatteln und als Wahlkampf-Infanterist zum Kuchenfassen bei den netten Wählern von nebenan antreten muss. Da soll noch einer sagen, dieses Land habe keine Probleme.
Die Kavallerie reitet aus
Hajo Hinrich (HHinrich)
- 14.12.2012, 16:48 Uhr
die Wirklichkeit der Hausfrau
Peter Mohler (pmohler)
- 14.12.2012, 03:51 Uhr
Bauerntheater
Peter Mohler (pmohler)
- 14.12.2012, 03:31 Uhr
Pressesprecher, wer von wem?
Attila Tackenberg (AttilaTacke07)
- 14.12.2012, 00:20 Uhr
Danke, Herr Hanfeld, für diesen Abschnitt
Julius Calvelage (julca)
- 13.12.2012, 12:54 Uhr