16.10.2001 · Dem Buch hat die Weltkrise nicht geschadet. Ein Resüme der Frankfurter Buchmesse.
Von Holger ChristmannDie Frankfurter Buchmesse ist noch einmal mit dem Schrecken davon gekommen. Nur 14 Prozent soll das Besucherminus der 53. Buchmesse betragen haben. Das ist nicht viel, verglichen mit den Verlusten, die andere kommerzielle Veranstalter und Veranstaltungen seit dem 11. September hinnehmen mussten. Wer am Wochenende über die Messe spazierte, der konnte einen anderen Eindruck haben. Das Gedränge war deutlich geringer als im letzten Jahr. Aber Zahlen lügen nicht - sollte man zumindest meinen. Insgesamt sollen 300.000 Menschen die Messe besucht haben.
Die Buchmesse war in diesem Jahr das ruhige Ereignis, das der Direktor der Veranstaltung, Lorenzo A. Rudolf, angekündigt hatte. Das Spektakelhafte war eingedämmt zugunsten von Nachdenklichkeit. Selbst die Radiosender, die sonst lautstark die Hallen beschallen, taten es diesmal eine Spur leiser. Die Gespräche kamen früher oder später auf das Thema, das derzeit alle bewegt: Terrorismus und Krieg. Gleichwohl musste überraschen, dass kaum Sonderveranstaltungen zu dem Thema stattfanden.
Griechenland zwischen Lust und Frust
Was den Verkauf anging, da hatten die Verlage die Zeichen der Zeit erkannt. Rowohlt stellte seinen Sammelband mit Beiträgen prominenter Autoren vor. Er heißt „Dienstag, 11. September 2001“ und versammelt Stellungnahmen von Susan Sontag, Stewart O'Nan, Paul Auster und anderen. Schneller als der Blitz brachte die Verlagsgruppe Econ Ullstein List ihr Buch „Osama Bin Laden und der internationale Terrorismus“ heraus. Das Bändchen geriet so schmal, dass man es glatt übersehen würde - träfe es nicht den Nerv der Zeit.
Der Messe-Schwerpunkt Griechenland konnte sich unter den politischen Rahmenbedingungen nicht das Gehör verschaffen, dass er verdient hätte. Viele Autorennamen werden den Besuchern und Verlegern im Gedächtnis bleiben. Aber die Beschäftigung mit dem Land als Ganzem und den politischen und sozialen Bedingungen, unter denen dort Literatur stattfindet, kam eindeutig zu kurz.
Aus Stellungnahmen griechischer Autoren war Verbitterung rauszuhören. Dass die Griechen „mehr als zufrieden“ waren (Buchmessen-Direktor Rudolf), weil mehr als 45.000 Besucher den Pavillon des Gastlandes besuchten, überrascht. Dabei war nicht das Desinteresse des Publikums schuld an der eingeschränkten Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wurde, es war die politische Lage. Die Griechen hatten einfach Pech.
Lizenzgeschäft ohne nennenswerte Einbußen
„Stars“ waren diesmal weniger auf der Messe vertreten - Autoren wie Amy Tan oder Haruki Murakami hatten ihren Besuch abgesagt - doch das gab dem Fachpublikum die Möglichkeit, weniger arrivierte Autoren kennen zu lernen.
Insgesamt kam der Messe zugute, dass der Buchmarkt zu den wenigen Branchen gehört, die von der Weltkrise profitiert haben. Das Geschäft mit Lizenzen erlebte denn auch nach offizieller Darstellung keine nennenswerten Einbußen. Damit hätte die Messe ihren Sinn erfüllt.Trotzdem will der Buchmessen-Direktor im nächsten Jahr noch höher hinaus: mit einem Zukunfts-Kongress, an dem prominente Köpfe teilnehmen sollen. Dann wird die Messe wieder ein Spektakel - hoffentlich eines mit Gehalt.