16.10.2001 · Wenn die Blätter fallen, sprießen die Bücher wie die Pilze. FAZ.NET empfiehlt die wichtigsten Romane und Erzählungen.
Es gibt Autoren, auf deren nächstes Buch ungeduldig gewartet wird. Und solche, deren Neuerscheinung den Leser erst wieder an den Schriftsteller erinnert, dessen letztes Buch man gern gelesen hat. Autoren, deren Namen noch ungewohnt sind oder gerade erst mit einem Buch verbunden sind.
Die Romane und Erzählungen, die FAZ.NET aus den Herbstprogrammen der Verlage empfiehlt, stammen von alt Bekannten wie neu Entdeckten. Harry Mulisch gehört dazu, Umberto Eco, Barbara Frischmuth - aber auch junge Schriftsteller am Beginn ihres literarischen Weges wie Ben Faccini und Malin Schwerdtfeger.
Malin Schwerdtfeger lässt auswandern
Schon die Erzählung, die die junge Autorin im Vorjahr in Klagenfurt gelesen hatte, spielt in Polen. Ihr Roman „Café Saratoga“, der auf einen im Frühjahr erschienenen Erzählband gefolgt ist, schildert die Erlebnisse einer polnischen Auswanderer-Familie in die Bundesrepublik der 80er Jahre. Ein wundervolles Buch voller Leichtsinn und Schwermut, Chaos und Komik.
Elke Heidenreich erzählt von Idealisten
Elke Heidenreich skizziert in ihrem Kurzgeschichtenband „Der Welt den Rücken“ mit leichter Hand Leben, Lieben und Leidenschaften unverbesserlicher Idealisten. Sie tragen unverkennbar die Züge der Generation der heute etwa 50-Jährigen. In sieben Erzählungen nimmt die Meisterin einer unverschnörkelten Prosa deren Stärken und Schwächen aufs Korn und lässt ihnen allen doch das Wertvollste, was sie haben: Die Hoffnung.
Harry Mulisch erfindet einen Hitler-Sohn
Ein alternder Schriftsteller in Harry Mulischs neuem Roman „Siegfried“ plant das ehrgeizige Projekt, die Person Adolf Hitler literarisch zu ergründen und auf diese Weise zu demaskieren. Aber dann holt die Realität Herter ein, und sie ist erschreckender als alles, was der Autor hätte erfinden können: Hitler und Eva Braun hatten einen Sohn, den Hitler kurz vor Kriegsende ermorden ließ. Die Aufgabe, die sich Rudolf Herter gestellt hat, löst Harry Mulisch mit Bravour.
Schuld? Sühne? Thomas Hettche schreibt einen Krimi
Ein Kriminalroman an der Grenze des Genres ist Thomas Hettches "Der Fall Arbogast". Der erste Roman des 1964 geborenen Autors erzählt den vermeintlichen Lustmord an einer Anhalterin in den frühen 50er Jahren. In einem Indizien-Prozess wird Arbogast verurteilt. 15 Jahre später wird der Fall neu aufgerollt und Arbogast freigesprochen. Über Schuld und Unschuld Arbogasts sagen in Hettches Roman beide Urteile nichts aus. Die Entschiedenheit, mit der klassische Kriminal- und Detektivliteratur ihre Fälle auflösen, fehlt. Um so genauer zeichnet Hettche die Unsicherheit seiner Figuren.
Barbara Frischmuth treibt ein Verwirrspiel
Briefe aus dem Mittelalter, jede Menge Experten, die die Papiere entschlüsseln wollen, ein Dachs, eine Lilie, und die Frage, ob die Zeit tatsächlich nur linear verläuft: Aus diesen Fäden webt Barbara Frischmuth einen bestrickenden, intelligenten und humorvollen Roman vor der Kulisse des Altausseer Landes in Österreich. Alles dreht sich um ein Päckchen, in dem sich mehrere scheinbar unbeschriebene Blätter befinden. Tatsächlich aber soll es sich um den Briefwechsel einer Ausseer Äbtissin mit einem türkischen Dichter handeln - und plötzlich stößt die Erzählerin auf immer mehr rätselhafte Hinweise.
Susanne Riedel riskiert sprachlichen Eigenwillen
Wie in ihrem ersten Roman „Kains Töchter“ sorgt Susanne Riedel auch in ihrem zweiten gleich zu Anfang für klare Verhältnisse. Schon in den ersten Sätzen von „Die Endlichkeit des Lichts“ geht die Autorin sprachlich aufs Ganze. Wem Susanne Riedels Metaphorik zu entlegen ist, der wird mit den 320 Seiten des Romans, auf denen die verletzliche Quiz-Moderatorin Verna und der dichtende Eigenbrödler Alakar zaghaft zueinander finden, nicht glücklich werden. Wer sich aber auf Riedels Stil einlässt, dem offenbaren sich Bewusstseinsströme von eigenwilliger Poesie.
Ben Faccini gibt ein Kammerspiel im Auto
Mit dem achtjährigen Jean-Pio hat Ben Faccini in seinem Debütroman „Luft anhalten“ eine bemerkenswerte Kinderfigur geschaffen. Sie verkörpert das Ideal des zukünftigen Europäers: mehrsprachig, charmant, unabhängig und - da alles noch im Werden ist - verträumt. Jean-Pio hat nicht nur eine Heimat. Er hat drei: Italien, England und Frankreich. Zuhause allerdings ist er im Auto. Mit seinen Eltern und den zwei Brüdern fährt er quer durch Europa. Den Vater - Anatomie- und Histopathologieexperte - zieht es von einer Konferenz zur nächsten.