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Donnerstag, 20. Juni 2013
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„Faust I und II“ in Frankfurt Allein, dem Weltspiel fehlt die Welt

 ·  Das Schauspiel Frankfurt zeigt „Faust I“ und „Faust II“ von Johann Wolfgang von Goethe. Zwei sehr unterschiedlich gelungene Versuche, die Tragödie zur Zwiebel zu machen und sie bis auf den leeren Kern zu schälen.

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© Birgit Hupfeld Faust als Melancholiker und Miesepeter: das Frankfurter Schauspiel präsentiert Goethes Weltendrama im Doppelpack

Wie wäre der Lauf des Ganzen? „Vom Himmel durch die Welt zur Hölle“. Das wünscht sich der Theaterdirektor im „Vorspiel auf dem Theater“ von seinem Unterfangen. Man schreite, so schlägt er vor, „in dem engen Bretterhaus / Den ganzen Kreis der Schöpfung aus“. Das Vorspiel ist im großen Bretterhaus namens Schauspiel Frankfurt, wo man beide Teile von Goethes „Faust“ an zwei Abenden zeigt, gestrichen. Die „Zueignung“ sowieso. Keine schwankenden Gestalten, die sich wieder nahen. Auch Gott, der Herr, fehlt völlig. Kein „Prolog im Himmel“. Keine Engel. Kein Teufel, der mit seinem höchsten Widerpart eine Wette um die Seele Fausts eingeht. Der Schöpfung fehlt der Anfang. Wir sind im Theater der Gottlosen. Es gibt dieserhalb auch keine Himmelfahrt von Faust am Ende der Tragödie zweitem Teil. Keine Gnade, keine Vergebung, kein Himmelwärts, wo das „ewig Weibliche“ als göttlich verzeihendes Prinzip wartet.

Logischerweise auch keine Engel, keine „Racker, gar appetitlich anzuschauen“, die den Teufel zum schwulen Liebhaber machen, der von den entzückenden Popos der himmlischen Heerscharen abgelenkt wird, sich Fausts entschwindende Seele zu schnappen. Da er hier aber sowieso keine Wette mit Gott hat, ist das wurscht. Die Schauspielerin Constanze Becker in Frack und Claque zeigt als Mephisto statt der teuflischen Apotheosenkatastrophe höchstens eine Art komisches Leberzwicken und bandscheibenvorfallmäßiges Sichkrümmen.

Naturgemäß auch kein „Gerichtet!“, kein „Gerettet!“ für Gretchen im Kerker, von der nur ein Fettfleck an der Wand bleibt. Keine Kaiserpfalz im zweiten Teil, wo Faust und Mephisto Falschgeld (ungedeckte Papierfetzen) drucken, kein „Fratzengaukelspiel“, kein Mummenschanz, kein Hinunter zu den Müttern in mythische Tiefen, kein Krieg, kein Terror, keine Gewalt, keine klassische Walpurgisnacht (die nordische im ersten Teil kommt ein bisschen über Video und zeigt nur eine Frankfurter Spießbürger-Polonaise), kein Homunkulus, kein künstliches Menschenmachen, keine Massen, kein Volk, kein . . ., kein . . ., kein . . . - Wir beklagen hier: lauter Verluste.

Am Anfang im Hard-Rock-Café

Der Himmel also ist gestrichen. Die Hölle ist im ersten Teil vertreten durch einen Hampelmann, der sich als Rockstar tarnt, im zweiten durch einen eleganten Zauberkünstler. Beide teuflisch nicht recht ernst zu nehmen. Und die Welt - die in Goethes „Weltspiel“, in das er sechzig Jahre seines Lebens und sein ganzes mythologisches, wissenschaftliches, religiöses, literarisches, politisches, ökonomisches Weltwissen investierte, die Hauptrolle spielt? Die Welt ist in „Faust I“, den der Alt-Pop-Videot Stefan Pucher inszeniert, eine Art Hard-Rock-Café, das in einer Stummfilmkulisse (Café Murnau?) residiert, die schräg expressionistisch wandstürzend und klettersteigig in einen hohen Fünfeck-Zackenwürfel hineingeschnitten ist und fleißig von einer Rockband bespielt wird, in der Mephisto hie und da auch zur Leadgitarre greift, mit der er durch die Gegend hüpft, als sei er die durchgeknallte Vitzliputzli-Reinkarnation von Kurt Cobain (mit einem Koksschuss Mick Jagger).

In der Tragödie zweitem Teil, den der Althandwerker Günter Krämer in Szene setzt, besteht die Welt aus dem leeren Bühnenhaus, auf dem Krämer, wie schon 1988 in Bremen, nur den dritten und fünften Akt spielen lässt. Beide, das Hard-Rock-Café wie das leere Bühnenhaus, sind: Schlupflöcher. In die sich das Theater verkriecht. Vor der Welt. Ganz unterschiedlich zwar, aber doch verkriecht. Am ersten Abend ein unsägliches Verkriechen. Am zweiten ein edel melancholisches, zum Teil auch schön, gut und witzig gemachtes, dem auch die Tatsache keinen größeren Abbruch tat, dass die Regie die schönste Frau aller Zeiten, Griechenlands Helena nämlich, um derentwillen Goethe das ganze große Weltspiel eigentlich nur schrieb, um sie halt einmal ganz für sich allein zu haben, hier aller Schönheit entkleidete und dementsprechend erbarmungswürdig splitternackt präsentierte. Samt den nackten trojanischen Beutefrauen, die als Chor die antikisierenden Verzweiflungsverse wahrlich blank und bloß skandierten.

Sowohl in der vollgedröhnten Leere des Hard-Rock-Cafés in „Faust I“ wie in der chordurchsummten raumlosen Leere in „Faust II“ sieht man: Privatangelegenheiten. Kein öffentliches Interesse an der Titelfigur. Der langhaarige Zausel, als den Marc Oliver Schulze den Faust im ersten Teil spielt, hat zwar ein Tonstudio samt Schlagzeug und Keyboard um sich herum. Er kann sich jederzeit per Video Heroinspritzen („die Phiole, die ich herunterhole“) ordern. Auch hat er über und neben sich offenbar Zutritt zu Nachtclubs und Lounges, in denen Hexen in Pleureusen und Frau Marthe Schwerdtlein im langen Glitzerabendkleid Hof halten und Gretchen im Mini-Ballonkleidchen als rauschgoldengelgeile kleine taffe Glitzerschlampe sich von Mephisto gleich a tergo bespringen und den Finger tief penetrierend in den Mund stecken lässt und „Ich bin lebendig“ ins Mikro röhrt.

Auch darf Faust den Osterspaziergang im Frankfurter Bahnhofsviertel per Video machen und einen echten Pudel mit auf die Bühne bringen und singt „When summer is coming“ mit Gretchen im Duett. Er hat also eigentlich alles. Ist aber chronisch schlecht gelaunt. Wo Goethe einen kommenden Verbrecher, der über Leichen geht und ganze Welten ruiniert, auf die Laufbahn schickt, führt Marc Oliver Schulze einen bräsig überzwerchen Miesepeter, einen etwas unterbelichteten hysterischen Daseinsstreber als Lebenssitzenbleiber vor, um dessentwillen sich keine teuflische Anstrengung lohnt.

Und dass das schnieke Lounge- und Nightclub-Gretchen der Henrike Johanna Jörissen, die selbst noch im Kerker ein Design-Büßerkleid trägt und mit Prada-Klamotten den Putzeimer traktiert, nicht die Pille nimmt oder im Glitzerhandtäschchen nicht wenigstens ein Kondom parat haben soll und sich ein Kind anhängen lässt, dessen Zeugung per Softporno-Video bettenschlachtartig mitgeteilt wird, ist absolut lächerlich. Der Teufel muss sich bei ihr und überhaupt ziemlich überflüssig vorkommen.

Weshalb wohl auch der völlig undisziplinierte, sich offenbar auf der Bühne patzig zu Tode langweilende Schauspieler Alexander Scheer als Mephisto nicht weiter als bis zu einem spitzfingrigen vampiristischen Nosferatu-Schnösel mit nach hinten gefetteter Haartolle vordringt, der dem Publikum mit Hustenbonbons droht, den Souffleur feiert und stets das Böse will, aber immer nur das Blöde schafft: in affig nölend tuntigem Selbstgenuss. Nimmt man das endlose Video-Geflimmer dazu und das dauernde Rockband-Getue, dann hat man in Stefan Puchers ranziger Inszenierung den Inbegriff eines uralten reaktionären Pop-Theaters, das um 1990 mal Mode war.

Wenn dann am zweiten Abend in „Faust II“ der fast kahlkopfrasierte Wolfgang Michael im großen, weiten Pelzmantel in der großen weiten, leeren Bühne in Geldscheinen wühlt, wobei eine ältere Dame der Occupy-Bewegung dem Publikum zuvor ein bisschen was über Staats- und Finanzkrise aus dem Monolog des Kanzlers aus dem „Kaiserpfalz“-Akt vorträgt, und wenn dann Michaels Faust noch einmal aus dem ersten Tragödien-Teil das „Ich bin zu alt, um nur zu spielen, zu jung, um ohne Wunsch zu sein“ zitiert, dann ist Fausts Wunsch der Vater des Gedankenspiels. Letzte Lüste eines älteren Mannes, die Michael, der Melancholissimus unter den Schauspielern, in alleredelster Gaumigkeit abschmeckt. Er steigt gleich in den Helena-Akt ein und hält der Nackten, deren Haut Valery Tscheplanowa (samt blutiger Kopfbinde) tapfer zu Markte trägt, Unterrock und Korsage hin. Die Vermählung Fausts mit einer mythischen Figur, die tausende Jahre älter ist als er, wird hier nicht zur Phantasmagorie, sondern zum Sketch im Boudoir. Wobei es ein sehr edles Boudoir ist: Faust trägt schwarzen, wahlweise auch weißen Frack.

Sein Mephisto tut es ihm gleich. Constanze Becker gibt überlegen, ruhig und witzig-schlau den längst des Lebens- und Teufelsspiels müden Zauberkünstler, der sich als Phorkyas einen Hexenzahn ins Gebiss steckt und die vor der Burg des Menelas gelandeten trojanischen Beutefrauen in die gotische Burg Fausts lotst, die hier nur ein Wortzitat ist, kein Bild. Und Euphorion, das Luftkind, das Faust mit Helena dann hat, schwingt in Nico Holonics sportbehoster Gestalt hübsch auf einer Schaukel. Bis zum Sturz. Und Helena verschwindet. Faust hat nur noch ihre Unterwäsche in Händen. Der Rest, der von ihr blieb. Es sind solche kleinen, schönen, schlauen Übergänge und Verweise und szenischen Zitate, die Krämers „Faust II“ trotz aller Verluste zu einem Vergnügen machen.

Doch die Sphäre bleibt: privat. In der alles irgendwie eins ist. Faust wandelt sich zum alten Philemon, Helena (angezogen) zur alten Baucis. Dass Faust die beiden Alten beseitigen lässt, wie er schon so viele Beseitigte nach sich zog, soll eventuell zeigen, dass er sich in allen immer auch selbst beseitigt - könnte man denken. Man kann es aber auch bleiben lassen. Denn Michaels Faust hat zum Kapitalverbrecher nur das Kapital eines Melancholikers. Und wahre Melancholiker hängen sich immer schon am liebsten selbst zum Hals heraus. Sie müssen gar nicht zu einem Ende kommen. Sie sind dort schon von Geburt an. Ganz privat.

Wenn die nackte Helena sich zur nackten Sorge gewandelt hat, die dem alten Faust die Blindheit an den Leib vögelt, und der Blinde glaubt, die klirrenden Spaten seiner Arbeiter zu hören, die dem Meer Land abtrotzen, aber nur sein Grab graben, in das der ebenfalls nackte Faust sich dann legt, klopft Mephisto mit einem Geigenbogen gegen das Metall eines Schaufelbaggers, der offenbar dazu da war, ein im Hintergrund angedeutetes Occupy-Camp zu räumen. So haben sich szenische Plumpheit und szenische Feinheit reizend vermählt. Auch wenn der Himmel fehlt und die Hölle im Frack verhungert, kommt so wenigstens ein bisschen phantasievolle Theaterwelt ins Weltspiel, dem die Welt so abging. Goethe geht zwar so nicht ganz. Aber ein bisschen was ging hier. Freundlicher Beifall, enden wollend.

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Jahrgang 1950, Redakteur im Feuilleton.

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