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Fast-Food-Sortiment Zum Kampf der Würste

 ·  Während Deutschland über Pferdefleisch diskutiert, nutzt ein ganz anderes Unheil die Gunst der Stunde, sich unbemerkt hinter die Fast-Food-Theken zu schleichen. Vom Kampf um das Kulturgut Currywurst.

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Die Currywurst schläft nie. Wir leben in einem Land, in dem Minute für Minute 1500 Currywürste gegessen werden, und zwar, statistisch gesehen, rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. Das erklärt manches, wirft aber auch Fragen auf. Zum Beispiel die, ob die achthundert Millionen Currywürste, die pro Jahr in Deutschland verzehrt werden, alle gleich gut schmecken können. Die Antwort liegt auf der Hand, denn natürlich schmeckt eine Currywurst im gesamten Ruhrgebiet und selbst in der schmuddeligsten, verranztesten Pommesbude im letzten Winkel von Bochum-Hamme, Essen-Stoppenberg oder Dortmund-Hörde noch zehnmal besser als zum Beispiel die Currywurst, die für sechzehn Euro fünfzig im Berliner „Adlon“ angeboten wurde.

Currywurst darf man nämlich nur in einer richtigen Pommesbude essen. Wer eine Currywurst außerhalb einer Pommesbude anbietet, erwirbt oder verzehrt, sollte für den Rest seines Leben zu Maultaschen verurteilt werden. Oder zu Weißwürsten. Oder zu Buletten. Dasselbe gilt auch für das In-Umlauf-Bringen gefälschter Currywürste, womit wir bei einem ganz heiklen Punkt angekommen wären, der Frage nämlich, wann eine Currywurst aufhört, eine Currywurst zu sein. Wenn nicht die Fraktion der düpierten Fertiglasagne-Vertilger aus dem Tiefkühldepartment zurzeit so viel Aufmerksamkeit beanspruchen würde, käme Deutschland um die Currywurstfrage nicht mehr herum. Ausgelöst wurde sie von einer amerikanischen Fastfood-Kette, die seit kurzem ihr armseliges Angebot um eine sogenannte McCurrywurst erweitert hat.

Die Freunde der Currywurst sind Futuristen

Was als Unterwerfungsgeste eines kulinar-imperialistischen Weltunternehmens regionalem Brauchtum gegenüber durchaus begrüßenswert erscheint und sich beliebig erweitern ließe, McSchweinebraten, McSauerbraten, McKrustenbraten, McKohlroulade, ist in Wirklichkeit eine perfide Kriegslist: Die McCurrywurst ist eine trojanische Currywurst. Sie wird vor die uneinnehmbare Festung der Pommesbuden gerollt, und wenn gerade keiner hinguckt, springen lauter kleine Hamburger heraus. Den Rest kennen wir: Im Nu ist das schöne Troja dem Erdboden gleichgemacht. Ach, der Vergleich hinkt? Wer einen röhrenden Opel Manta über die Nike von Samothrake stellt, der zieht auch eine Currywurst im Naturdarm der Helena in ihrer ganzen Schönheit vor. In diesem Sinne sind die Freunde der Currywurst Futuristen. Der Currywurst gehört die Zukunft. Die Currywurst ist wachsam. Die Currywurst schläft nie.

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19.02.2013, 16:59 Uhr

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Von Andreas Platthaus

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