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Faschismus-Vorwurf : Kein Skandal um Christian Kracht

  • -Aktualisiert am

Christian Kracht wird im „Spiegel“ als faschistischer Provokateur bezeichnet. Dabei geht der Journalist dem schweizerischen Schriftsteller voll auf den Leim.

          Es gibt verschiedene Arten, einen Literaturskandal anzuzetteln. Überaus zuverlässig zieht der Plagiatsvorwurf. Bewährt hat sich auch die Methode, zu große Nähe zur Lebenswelt des Autors anzuprangern - ebenso wie der umgekehrte Vorwurf, ein Autor habe seine Biographie frisiert. Am billigsten aber ist es immer noch, einen Schriftsteller persönlich in Verruf zu bringen. Der jüngste Versuch, eine literarische Neuerscheinung durch eine ganz und gar unliterarische Lesart zu vernichten, wird im aktuellen "Spiegel" unternommen.

          Über vier Seiten wird der Schriftsteller Christian Kracht anlässlich seines neuen Romans „Imperium" von Georg Diez als faschistischer Provokateur und "Türsteher rechter Gedanken" verunglimpft, an dessen Beispiel man sehen könne, "wie antimodernes, demokratiefeindliches, totalitäres Denken seinen Weg findet hinein in den Mainstream". Um das zu begründen, vollzieht der Verfasser eine halsbrecherische Engführung von entlegenen Zitaten Krachts aus der Vergangenheit mit Stellen aus dem neuen Buch.

          Es entgeht ihm das subtile ironische Spiel

          Krachts Abenteuerroman über den historisch verbürgten Nürnberger Kokosnussguru August Engelhardt, dem die Sonne der deutsch kolonialisierten Südsee zu Beginn des vorigen Jahrhunderts allzu mächtig aufs Hirn schien, sei von "einer rassistischen Weltsicht" durchdrungen; zum Beispiel gebe es dort, man stelle sich vor, noch "Herren und Diener, Weiße und Schwarze". Wie politisch unkorrekt die Welt doch früher war! Dabei stellt Krachts Roman sein inneres Gerüst selbst immer wieder aus, etwa wenn es heißt: "Die Splitterung der Realität in verschiedene Teile war indes eines der Hauptmerkmale jener Zeit, in der Engelhardts Geschichte spielt." In dem von Kracht dicht geknüpften Assoziationsnetz, in dem August Engelhardt dem Leser wahlweise als Hyperasket in der Nachfolge Christi, Romantiker wie alle Deutschen, Vegetarier wie Albert Einstein oder eben Adolf Hitler entgegentritt, hat sich der "Spiegel"-Autor heillos verfangen.

          Indem er sich weigert, das subtile ironische Spiel Christian Krachts, das die Anfänge ebenso wie die böse Eskalation des deutschen zwanzigsten Jahrhunderts auf leichte, aber darum nicht leichtfertige Weise stets im Blick hat, als solches zu erkennen, geht er dem Schweizer Schriftsteller voll auf den Leim. Im Kuriositätenkabinett der Literaturskandale dürfte diese Nummer daher rasch verstauben. Denn am Ende verkommt Engelhardt, der vermeintliche Hitler-Stellvertreter, bei Kracht zum einsamen Irren, eine "Attraktion für Südseereisende", eine Karikatur: "Man besucht ihn, wie man ein wildes Tier im Zoo besucht."

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