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Familienwerte Warum ist das mit den Kindern so kompliziert?

 ·  Trotz aller Anreize werden wenig Kinder geboren. Das größte Hindernis, so fand das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung heraus, sind die kulturellen Einstellungen: Das Leben mit Kindern gilt als anstrengend und soll perfekt gelingen. Muss das so sein?

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© dpa Unterschiede zeigen sich früh: Drei Newcomer in einer Geburtsklinik.

Kinderhirn in Vaterzeit

Was aber die Hauptsache an seiner Halluzination von Vaterschaft war - er hatte keinerlei eigene Meinung mehr. Er sah die Dinge um sich herum und verstand auch, was vorging, doch er konnte sich darüber keine Meinung mehr bilden und wusste nicht, worüber er sprechen sollte. Das Kind, das neu geborene Kind hatte ihm Meinung und Sprache verschlagen. Dergestalt war die Einfühlung in das Wesen seines Kindes, dass der Vater, welcher von der Vaterschaft schon immer einen ausserordentlichen Zuwachs an Zufriedenheit und Lebensfreude erwartete, sich plötzlich wie neu geboren vorfand. Er meinte die Welt mit den Augen seines Schreihalses zu sehen, blank und bloß, ungeschieden und ungeschlacht, ganz so, als habe er selbst noch keinerlei eigene Erfahrungen gemacht; als trage er nicht schon seine Meinungen mit sich herum; als müsse er sich von allem, was ihm begegnete, einen gänzlich neuen Begriff bilden. Meinen, was das Kind meint. Sprechen, was das Kind spricht. Und ihm obendrein ein fortlaufender Spender von Anregungen sein. Vater, wo bleiben die harten Anregungen für mein weiches Gehirn? So vernahm es das eingebildete Vaterherz in einem fort. Denn das Kindergehirn in seiner Plastizität ist ja ein furchtbar forderndes Organ, es will, so sagt die Wissenschaft, stets neu angeregt und mit wertvollen Eindrücken gewickelt sein, mit anderen Worten: es duldet keine Halbheiten von Vaterschaft, es verschlingt den ganzen Mann, der es erzeugt. Und als der Mann aus seinem halluzinierten guten Vatersein erwachte, da wollte er alles, nur eines nicht: Vater sein. Er meinte zu Recht, seine „spezifischen Vorstellungen von Elternschaft“ (Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung) würden sich wohl nicht verwirklichen lassen.

Christian Geyer

Morgen, Kinder, wird’s euch geben

Das Kind der achtziger Jahre sah in seiner Zukunft eine große Familie. Als Garant dafür galt ein fester Arbeitsplatz - gerade für Mädchen; die Eltern lebten vor, dass ökonomische Sicherheit wichtig ist, um sich Freiheiten zu schaffen. Für die Heranwachsende verblasste der Familienplan, ganz natürlich. Die geistige Welt stand jetzt im Vordergrund - aus Überzeugung. Mit den Worten der Vorbildgeneration, die einen im Studium umgab: die Karriere, die geplante Zukunft; dann würde sich auch alles andere ergeben. Erst mit Ende zwanzig tauchten die Kinder wieder auf - in kurzen Fragen und Bemerkungen. Die Antwort lautete ungefähr so: „Kinder, ja, ich will Kinder.“ Dann war der Arbeitsplatz da, und jemand, mit dem man sich ein Kind vorstellen konnte; doch die äußeren Bedingungen entsprachen nicht der Prophezeiung der Vergangenheit: „Erst müssen wir beide in einer Stadt einen Job finden, zusammenziehen“. Weiter führen die Gespräche meist nicht. Den Kinderwunsch in die Zukunft auszulagern, fällt in unserer Arbeitswelt leicht: Die intellektuellen Vorbilder und Lebensbereiche sind kinderfrei, die Gesellschaft ist kinderfern. Und so vergehen die Jahre. Der nebelhaft vorausgesehene Tag, an dem alles so perfekt sein würde, dass ein Kind selbstverständlich wäre, stellte sich nicht ein. Warum ist das so?

Die Gegenwart hat mit der Wirklichkeit der achtziger und neunziger Jahre nichts mehr zu tun. Es ist wie mit allen aus dem Augenblick abgeleiteten Prognosen: „Werde nicht Lehrer, sonst findest du keinen Job“, hieß es damals etwa. Mädchen wurden an den Schulen besonders gefördert: Entfalte dich selbst, finde heraus, wer du bist, folge deinen Zielen! „Was willst du?“, wurde man gefragt. Es war wunderbar und richtig. Gleichzeitig aber hörte man zwischen den Zeilen: Bewege dich in den gesellschaftlich vorgezeichneten Bahnen, erfülle die Erwartungen. Sie lauteten nie: Kriege Kinder. Sondern: Leiste deinen Beitrag zur Gesellschaft im Beruf, sei selbständig. Folge deiner Berufung. Und das hieß: Bilde dich, finde einen Job, der Wert hat und Werte schafft. Dann hast auch du einen Wert. Auch das ist grundsätzlich gut und richtig. Andere Perspektiven aber wurden ausgeblendet. Ich weiß noch, wie verdutzt wir schauten, als eine Kommilitonin mit ihrem Baby ankam. Die Professoren sahen es nicht gern. Auch wir Studenten waren entwöhnt. Es war einfach kein Thema. Sie kam nicht wieder mit ihrem Kind. Im Ausland habe ich das anders erfahren. An meiner englischen Universität brachte eine Studentin selbstverständlich ihr Kind mit.

Irgendwann kippte die gesellschaftliche Übereinkunft, die von Männern geformte Arbeitswelt von anderen Lebensbereichen streng zu trennen. Es gibt sie jetzt, die Cafés mit Spielecke, Elterngeld, und auch mit dem Kita-Ausbau ist Deutschland auf einem guten Weg. Doch die Generation der Frauen zwischen dreißig und vierzig kämpft nun mit ihren erlernten Ansprüchen, ihrem Perfektionismus und mit Angst; denn die Welt sieht so aus: unsicher.

Wenn wir Kinder kriegen, wollen wir eine gewisse Sicherheit spüren. Wir verlieren Jobs, beginnen neu, bekommen Monats- oder Jahresverträge, führen Fernbeziehungen, weil es die Arbeitswelt nicht anders zulässt. Wir schaffen Werte. Was ist das wert?

Swantje Karich

Familienfreunde sind ein Fluch

Sein ganzes Urlaubsleben kann man in Deutschland im Ferienparadies der Familienfreundlichkeit verbringen. Es gibt familienfreundliche Hotels, familienfreundliche Restaurants, familienfreundliche Clubs. Wer Spaß daran hat, kann im Urlaub schon Neugeborene in die Obhut von Babysittern geben, Grundschulkinder fast rund um die Uhr von Fachpersonal betreuen lassen und muss den eigenen Nachwuchs noch nicht einmal beim Essen sehen, weil er im Pommes-frites-Schlaraffenland deponiert ist. Die Reiseveranstalter bieten Fahrradtouren für Familien, Städtereisen mit Kindern und Wellness-Urlaube für Halbwüchsige an. Man kann sogar Arrangements für Vater und Sohn, Mutter und Tochter oder Oma und Opa samt Enkeln buchen - immer an sicheren Orten, die Familienfreundlichkeit garantieren und weder das Toben noch das Schreien verbieten. Doch das alles ist kein Segen. Es ist ein Fluch, weil die vermeintliche Familienfreundlichkeit in ihrem Umkehrschluss die ganze Verlogenheit unserer Gesellschaft im Umgang mit Kindern entlarvt: Familienfreundlichkeit ist nicht die Selbstverständlichkeit, die sie sein müsste, sondern eine Dienstleistung, ein Etikett, ein Zusatzangebot. Wie weit ist es mit uns gekommen, dass ein Hotel damit werben kann, Kinder zu mögen und Familien gut zu behandeln - während das nächste Hotel ohne einen Aufschrei der Empörung Kinder generell aussperrt? Wie pervers, wie absurd ist es, unser Leben in Zonen der Kinderfreundlichkeit und - das ist die Logik des Zwangsläufigen - in Orte der Kinderunfreundlichkeit einzuteilen? Wahrscheinlich aber müssen wir sogar froh sein, dass es wenigstens im Tourismus noch ein paar Familienfreunde gibt.

Jakob Strobel Y Serra

Mütter im Konflikt

Die Kinderflohmärkte am Wochenende sind die Orte, an denen man sie trifft: die Mütter kleiner Kinder. Sie hoffen, einen Winterpullover von Steiff für fünf Euro zu finden oder eine Fleecejacke von Finkid für sieben. Sie sind auf der Jagd. Wenn sie Glück haben, passt der Mann auf die Kinder auf, zu Hause oder am Waffelstand. Sonst haben sie keine Chance: Die ohne Kind sind schneller. Die Kinderflohmärkte sind auch die Orte, an denen man ihnen zuhören kann, wenn sie neben dem Tisch mit dem Schild „86-92“, den Größen für Anderthalbjährige, eine Mutter aus dem Bekanntenkreis treffen. Es geht immer um die Arbeit: „Was machst du, wie geht’s?“ „Ach, weißt du, ich arbeite ja wieder.“ „Was, wirklich? Seit wann?“

Und dann werden die Koordinaten durchgegeben: Seit September. Halbtags. Oder: Erst mal fünfzehn Stunden. Sie arbeiten immer Teilzeit. In ihren Stimmen schwingen gemischte Gefühle mit. Ein wenig Erleichterung vielleicht, weil sie sich vor Jahren für einen Beruf entschieden haben, in dem eine Teilzeittätigkeit kein größeres Problem ist. Aber eben auch etwas Beklommenheit: Sie können sich bereits heute ausrechnen, wie gering ihre Rente ausfallen wird, selbst wenn sie jetzt noch keine Auswirkungen spüren, weil das Gehalt des Mannes ihre Einbuße kompensiert. Aber sie wissen: Es braucht nur irgendetwas zu passieren, eine Scheidung oder Krankheit, dann wird diese spärliche Rente möglicherweise alles sein, was ihnen bleibt. Manchmal hört man einen Anflug von Verlegenheit. Dann sind es Mütter, die es sich leisten können, halbtags zu arbeiten, und die trotzdem sorgenfrei sind, weil ihre Rente nicht das sein wird, wovon sie im Alter leben werden. Durch nichts werden Besitzunterschiede sichtbarer als durch Kinder. Kinder zu haben spaltet Frauen in die, die nur eine Teilzeitstelle brauchen. Und in die, die eigentlich eine Vollzeitstelle bräuchten, aber auch nur eine Teilzeitstelle annehmen. Diese zweite Gruppe muss täglich den Gedanken an die Zukunft verdrängen. Sie verdrängen diese Zukunft, weil sie dasselbe wollen wie Männer: dass es den Kindern gutgeht. Und die meisten glauben nicht, dass ihre Kinder sich gut entwickeln, wenn sie schon mit ein oder zwei Jahren täglich neun Stunden in einer Hierarchie mit anderen Kindern sind.

Niemand bestreitet, dass es für die Entwicklung von Kindern vermutlich günstig ist, täglich andere Kinder zu sehen und mit ihnen zu spielen, und für die Entwicklung von Frauen, täglich einen Freiraum zu haben, in dem sie Erfolgserlebnisse außerhalb der Familie haben können, unter Erwachsenen, am Arbeitsplatz. Aber einen so langen Zeitraum wie neun oder zehn Stunden empfinden die meisten Mütter als schädlich für ihre Kinder. Der dänische Familientherapeut Jesper Juul gibt ihnen recht: Er zitiert häufig eine Studie aus Dänemark, derzufolge mehr als ein Drittel der Drei- bis Sechsjährigen sich im Kindergarten nicht wohlfühlt, was Befragungen der Kinder ergeben haben.

Damit ihre Kinder das nicht erleben, sind die Frauen offenbar mehr als die Väter bereit, ihre Wünsche aufzugeben und ihre Sicherheit aufs Spiel zu setzen. Wenn in der aktuellen Studie des Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung fast zwei Drittel der West- und mehr als ein Drittel der Ostdeutschen sagen, dass sie glauben, ein Kleinkind leide darunter, wenn die Mutter berufstätig ist, und wenn immer mehr Frauen - offenbar auch durch diese Schuldgefühle motiviert - auf Kinder verzichten, dann sind sie nicht einfach nur durch eine alte Rabenmutter-Ideologie beeinflusst. Es ist in erster Linie der Versuch, diesen Zwiespalt nicht aushalten zu müssen: Vollzeit für die Rente, fünfundvierzig Stunden Fremdbetreuung für das Kind.

Christina Hucklenbroich

Firma anstatt Familie

Die Rente ist sicher. Über diesen Satz müsste noch einmal neu nachgedacht werden. Da sie es nicht mehr ist, offenbart sich nämlich der eigentliche Ort der Unsicherheit. Mit der Absicherung im Alter verschwand auch die Freiheit der Jugend. Zu wählen, zwischen beruflicher Absicherung und einer familiären Lebensführung, gilt als töricht. Mit dem Umlagesystem der Rente wurde ein Gesellschaftsvertrag aufgekündigt. Heute wird dafür geworben, schon vom ersten selbstverdienten Euro etwas abzuknapsen. Statt ihn in Lebensfreude zu investieren, soll er schon für später dienen. Ein bisschen was für Beratungen, für einen selbst und für die Inflation soll er hergeben. Das alles, weil man ja wisse, dass die staatliche Rente nicht reiche. Die Ironie verbirgt sich sehr tief in dem Witz. Die Firma hat die Familie heute abgelöst. Eltern sind seltener miteinander verheiratet, aber immer häufiger festangestellt. Doktorandinnen beispielsweise, die während ihrer langen Bildungsbiographien eigentlich perfekte Bedingungen für Aufzucht und Pflege von Nachwuchs vorfinden, warten erst, bis sich ein Unternehmen für sie entschieden hat. So sind sie dann in der Mehrheit über fünfunddreißig Jahre, wenn sie sich überhaupt noch für Kinder entscheiden, und lassen der ersten Risikoschwangerschaft keine zweite folgen. Erst recht nicht, weil sie kein zweites Mal Firma und Familie ausbalancieren, oder genauer: gegeneinander ausspielen wollen.

Was wirklich fehlt, ist nicht die politische Bevorzugung von Eltern, sondern die Berücksichtigung der Jugend überhaupt. Für Achtzehnjährige hört die Freiheit in Deutschland plötzlich auf. Keine Ermäßigungen mehr auf der einen, volle Verantwortung ab sofort auf der anderen Seite. Das wäre auszuhalten, wenn sich die Gesellschaft nicht in einer Krise eingerichtet hätte, die nicht nur dem Einzelnen, sondern auch dem Großen und Ganzen kaum noch eine gute Perspektive bietet. Das einzig wahre Argument, dass das Leben mit Kindern im Hier und Jetzt mehr Spaß bereitet, traut man sich kaum zu. Daraus Forderungen von Privilegien abzuleiten wäre erst recht frech. Wie wär es also, wenigstens den Normalfall zu verlangen: Macht die Rente wieder sicher.

Stefan Schulz

Gestrandet auf der Familieninsel

Kinder sind ein gigantischer Klotz am Bein. Sie machen jeden Gedanken an Spontaneität zunichte. Sie sabbern auf Sakkos und bringen aus der Kita Kinderkrankheiten mit, die uns bald selbst befallen. Außerdem sind Kinder enorm teuer. Aufs Leben gerechnet, kosten sie in etwa so viel wie ein Einfamilienhaus, worunter eine Freundin dermaßen litt, dass sie monatelang zum Psychiater gehen musste, weil sie die Kosten für Kita und Reitunterricht in den Wahnsinn trieben.

Wenn ich mich in meinem Bekanntenkreis umschaue, scheint es besser zu sein, auf Kinder zu verzichten. Das liegt nicht an meinem Bekanntenkreis, sondern daran, dass Kinder in unserer Gesellschaft alles andere als eine Selbstverständlichkeit sind. Sie sind Statussymbole. Wir haben ihre Erziehung in eine hochkomplizierte Wissenschaft verwandelt, in der Leichtigkeit nicht vorgesehen ist. Über die Freude der Schwangerschaft legt sich sofort ein riesiges Problemfeld voller Fragen, deren Irrsinn bisweilen in Überfürsorglichkeit mündet, wofür sich der Begriff der Helicopter Parents eingebürgert hat - wir kennen das. Dabei kommen nicht nur die Kinder unter die Räder, sondern auch die Eltern. Besonders verwandlungsanfällig sind Frauen, die leider oft zu regelrechten Muttertieren werden und vergessen, dass sie einmal andere Interessen hatten als die Durchschlaf-, Windel- oder Frühförderungsthematik. Die französische Autorin Corinne Maier schrieb in ihrem streitlustigen Buch „No kids. 40 Gründe, keine Kinder zu haben“ Folgendes: „Wenn meine Kinder nicht wären, würde ich just in diesem Moment mit dem Geld, das ich mit meinen Büchern verdient habe, um die Welt segeln. Stattdessen bin ich dazu verdonnert, die ganze Zeit zu Hause abzuhängen, zu kochen, völlig schwachsinnige Übungen abzufragen und eine Waschmaschine nach der anderen laufen zu lassen. Und das für undankbare Blagen, die sich benehmen, als sei ich ihr Mädchen für alles. Ja, an manchen Tagen bereue ich das alles und gebe das auch offen zu.“ Selbst einem Lifestyle-Magazin wie „Nido“, dessen Zielgruppe Eltern sind, geht es offenbar darum, seine Lesern über die Tatsache, dass sie Kinder haben, hinwegzutrösten (“Guter Sex trotz kleiner Kinder“, „Kinderfreies Wochenende“).

Kinder sind unzeitgemäß. Alles, was unsere Gesellschaft zu vergeben hat, wird im Berufsleben vergeben: Geld, soziale Sicherung, Status, Anerkennung. Wer auf seine Erwerbskarriere zugunsten seiner Familie verzichtet, ist naiv. Es genügt ein Blick auf die Scheidungsstatistik. Mehr als neunzig Prozent aller Alleinerziehenden sind Frauen, und diese Frauen sind überdurchschnittlich oft von Hartz IV betroffen. Eine beängstigende Tatsache.

In einer Gesellschaft, in der das kapitalistische Prinzip der Ökonomisierung regiert, ist es nicht leicht, sich eine Insel zu schaffen, auf der ganz andere Gesetze gelten. Die Familie steht ja für alles Unzeitgemäße: Stabilität, Bedingungslosigkeit, Loyalität, Verzicht. Sie ist die letzte Bastion, auf die sich der Ökonomisierungsgedanke nicht übertragen lässt. Dummerweise haben wir genau diesen schon viel zu sehr verinnerlicht.

Melanie Mühl

Macht Kinder endlich steuerfrei!

Alles, wirklich alles, was über die demographische Misere in Deutschland zu sagen ist, ist seit langem bekannt: die Unlust von Akademikerinnen, im besten Karriere-Alter Kinder zu bekommen, das verschobene Wertesystem der Ego-Gesellschaft, in dem die Selbstverwirklichung durch Reisen, Bildung, Konsum und Beruf vor der durch Verzichtleistungen erkauften genetischen Reproduktion steht, der Mangel an Kita- und Ganztagsschulplätzen, an landärztlicher Betreuung, an allgemeiner Hilfsbereitschaft, an innerbetrieblichen Regelungen, die Kälte des Kapitalismus, die Unsicherheit der Zukunft und so fort. Und doch hat unser direkter Nachbar Frankreich, der von der EU-Krise viel stärker betroffen, von der Globalisierung schlimmer gebeutelt ist, ein Land mit hoher Immigrantenzahl und Jugendarbeitslosigkeit, in dem das Kinder- und Elterndasein kaum idyllischer sein dürfte als bei uns und das Durchschnittsalter der Erstgebärenden mit dreißig Jahren nur knapp unter dem in Deutschland liegt, eine Geburtenrate von 2,0 - gegenüber 1,3 bei uns.

Hören wir also auf, uns mit Skandinaviern, Italienern, Engländern, Polen und Tschechen zu vergleichen, deren soziale, historische, religiöse Traditionen mit den unseren kaum vergleichbar sind. Fragen wir uns statt dessen, was die Franzosen besser machen als wir. Sie haben flächendeckend Kinderkrippen, das ist wahr, und die deutsche Politik will diesem Beispiel nacheifern, mit der üblichen deutschen Gründlichkeit und Langsamkeit und föderalistischen Querschießerei. Aber das ist nicht das einzige, was das französische vom deutschen Modell unterscheidet. Es gibt noch einen anderen, grundsätzlicheren, sozusagen philosophischen Aspekt der Familienpolitik, der den großen Unterschied bei der Geburtenrate erklärt. Den Aspekt der Gerechtigkeit.

Hier muss man von dem reden, was in Deutschland im Zusammenhang mit Kindern immer noch als Tabuthema, als unfein, schnöde, gefühllos gilt: vom Geld. Von Steuern, Abgaben, Beiträgen. Denn nur hier, im Bereich der Steuer- und Sozialpolitik, kann der Staat wirklich etwas tun; den allgemeinen Mentalitätswandel, der die bürgerliche Familie vom gesellschaftlichen Ideal zu einer Lebensform unter vielen macht, vermag er dagegen nicht aufzuhalten. Aber er kann das, was „Familie“ heißt, steuer- und sozialpolitisch definieren. In Frankreich geschieht das durch ein Modell, das bei uns als Familiensplitting bekannt ist: Das Gesamteinkommen eines Haushalts mit Kindern wird rechnerisch auf alle Familienmitglieder verteilt und dann versteuert. Bei uns gilt dagegen das Ehegattensplitting, bei dem das gleiche Prinzip, unter Ausblendung der Kinder, nur auf die Ehepartner angewandt wird. Für Eltern mit Kindern, ob verheiratet oder nicht, gibt es dagegen hundertachtzig Euro Kindergeld pro Monat und Kind - eine Beihilfe, ein Bonus vom Staat.

Eben darin liegt, symbolisch wie real, der entscheidende Unterschied. In Frankreich herrscht Steuergerechtigkeit: Kinder, deren Bedürfnisse dieselben sind wie die aller anderen Menschen, werden auch fiskalisch für voll genommen. In Deutschland dagegen werden kinderlose Ehepaare gegenüber Alleinerziehenden, verheirateten und unverheirateten Paaren mit Kindern bevorzugt. Es schützt nicht die Familie, sondern die Ehe. Es gleicht den Ablasszetteln, mit den Johann Tetzel durch die deutschen Städte zog, um Geld für die Bauprojekte des Papstes zu werben, bis ihn die Reformation vertrieb. So wirbt der deutsche Fiskus noch immer für einen Ehebegriff aus dem neunzehnten Jahrhundert, statt sich der Wirklichkeit des Familienlebens im einundzwanzigsten zu stellen.

Wer in Deutschland eine gewerbliche Immobilie erwirbt, kann jeden Cent des Kaufpreises binnen fünfzig Jahren abschreiben. Wer ein Kind in die Welt setzt, aufzieht und bis zum Studienabschluss führt, muss jeden zweiten dafür aufgewendeten Euro versteuern. Die Gesellschaft muss sich überlegen, welche der beiden Investitionen sie in Zukunft belohnen will. Ob sie mehr Bürohäuser braucht - oder mehr Kinder.

Andreas Kilb

Kochen und Kinder als Lifestyle

Der Wandel unserer Gesellschaft lässt sich an der Bedeutung des Kochens beschreiben. In der westdeutschen Mittelschichtsgesellschaft der sechziger und siebziger Jahre war das häusliche Mittagessen noch eine Selbstverständlichkeit. Die Hausfrau und Mutter hatte jeden Tag die Schulkinder zu versorgen. Die Ganztagsschule galt als sozialistische Verirrung. Heute wird - wenn man die Gesamtzahl der häuslich zubereiteten Speisen betrachtet - kaum noch gekocht. Dafür ist das Kochen zum Lebensstil geworden. Die Attraktivität von Kochsendungen im Fernsehen gibt darüber Auskunft. Einmal im Monat das Kochen als Kunst zu zelebrieren, gibt jenen Distinktionsgewinn, den sich nur leisten kann, wer das Kochen als Teil der Lebensführung nicht mehr braucht. Aber dafür ist den Heroen des zeitgenössischen Lifestyles jener pädagogische Impetus eigen, der der Unterschicht das ökologisch korrekte Kochen beibringen will. Kurioserweise wird wahrscheinlich in den Migranten-Milieus noch am meisten gekocht, weil sich deren konservatives Familienbild dem Zeitgeist widersetzt.

“Kinder, Küche, Kirche“ Mit diesem alten Leitbild werden sich nur noch wenige Frauen zugunsten von Kindern entscheiden. Männer kamen noch nie auf diese Idee. „Kinder, Küche, Moschee“ wird allerdings genauso unter die Räder der Moderne kommen. Es ist nur eine Frage der Zeit. Aber ein neues Leitbild, das Kinder mit einem kinderfeindlichen Lebensstil kompatibel machen will, wird in gleicher Weise scheitern. Hier reflektieren sich nur die Vorurteile moderner Dienstleistungsmilieus. Sie wollen ihre Lebensführung eben nicht mit jener Selbstverständlichkeit ihrem Nachwuchs unterordnen, die noch frühere Gesellschaften prägte. Allerdings ist dort Karriere kein Thema und scheitert der Lebensstil am fehlenden Geld. Kinder als Lifestyle-Projekt wird daher Kinderarmut zur Folge haben - und der Nachwuchs wird dann wie das Kochen wohl nur noch im Fernsehen zu sehen sein.

Frank Lübberding

Kinder als Schule der Improvisation

Wer auf Kinder verzichtet, weiß nicht, was er verpasst. Das liegt daran, dass die Erfahrung mit Kindern zwar das eigene Leben radikal verändert, sich das aber kaum vermitteln lässt. Es ist dieses Gefühl, wie es einem warm wird in der Herzgegend, wenn man die Kinder im Schlaf betrachtet. Das Glück, von diesen lachenden, weinenen, jeden Morgen aufs Neue mit Marmelade verschmierten Erbsen umgeben zu sein. Obwohl bei jungen Menschen der Wunsch nach Familie in Umfragen ungebrochen hoch ist, hat Deutschland sich Kinder abgewöhnt. Das führt uns das Fernsehen ebenso vor wie die deutsche Gegenwartsliteratur, die Illustrierten und der Büroalltag. Vor allem berufstätige Mütter leben im klassischen Konflikt zwischen den Ansprüchen der Familie und der Arbeitswelt: Als Angestellter wird erwartet, dass man flexibel, wandlungsfähig und gewinnorientiert ist. Als Eltern legt man sich in hohem Maße und für sehr lange Zeit fest. Da haben Teilzeitmütter, die das Büro noch bei Tageslicht verlassen, Sorge, nicht genug Einsatz zu bringen. Wenn sie dann als Einzige mit einem Aldi-Kuchen unterm Arm auf dem Schulbazar aufkreuzen statt mit einer glutenfreien Eigenkreation, ist ihnen auch nicht ganz wohl. Kaum eine Firma hat einen Betriebskindergarten, und die Zuteilung eines Hortplatzes ist für Eltern noch immer wie ein Lottogewinn. Das alles macht es nicht leicht, sich für Kinder zu entscheiden. Man sollte deshalb junge Menschen von dem Anspruch entlasten, alles perfekt gestalten zu wollen. Kinder bedeuten ohnehin das Ende jeglicher Perfektion. Wer Kinder bekommt, kann gar nicht alles richtig machen, weil sie Chaos hervorrufen, schlaflose Nächte und völlige Unvorhersehbarkeit. Vielleicht können sie uns genau das bisschen Mut zur Improvisation lehren, lebenspraktische Phantasie, die wieder Lust auf Familie macht. Denn Kinder versprechen eine Glückserfahrung, die mit Geld nicht aufzuwiegen ist - weil sie dem Leben einen Sinn geben.

Sandra Kegel

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