Home
http://www.faz.net/-gqz-758n4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Familienwerte Warum ist das mit den Kindern so kompliziert?

Trotz aller Anreize werden wenig Kinder geboren. Das größte Hindernis, so fand das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung heraus, sind die kulturellen Einstellungen: Das Leben mit Kindern gilt als anstrengend und soll perfekt gelingen. Muss das so sein?

© dpa Vergrößern Unterschiede zeigen sich früh: Drei Newcomer in einer Geburtsklinik.

Kinderhirn in Vaterzeit

Was aber die Hauptsache an seiner Halluzination von Vaterschaft war - er hatte keinerlei eigene Meinung mehr. Er sah die Dinge um sich herum und verstand auch, was vorging, doch er konnte sich darüber keine Meinung mehr bilden und wusste nicht, worüber er sprechen sollte. Das Kind, das neu geborene Kind hatte ihm Meinung und Sprache verschlagen. Dergestalt war die Einfühlung in das Wesen seines Kindes, dass der Vater, welcher von der Vaterschaft schon immer einen ausserordentlichen Zuwachs an Zufriedenheit und Lebensfreude erwartete, sich plötzlich wie neu geboren vorfand. Er meinte die Welt mit den Augen seines Schreihalses zu sehen, blank und bloß, ungeschieden und ungeschlacht, ganz so, als habe er selbst noch keinerlei eigene Erfahrungen gemacht; als trage er nicht schon seine Meinungen mit sich herum; als müsse er sich von allem, was ihm begegnete, einen gänzlich neuen Begriff bilden. Meinen, was das Kind meint. Sprechen, was das Kind spricht. Und ihm obendrein ein fortlaufender Spender von Anregungen sein. Vater, wo bleiben die harten Anregungen für mein weiches Gehirn? So vernahm es das eingebildete Vaterherz in einem fort. Denn das Kindergehirn in seiner Plastizität ist ja ein furchtbar forderndes Organ, es will, so sagt die Wissenschaft, stets neu angeregt und mit wertvollen Eindrücken gewickelt sein, mit anderen Worten: es duldet keine Halbheiten von Vaterschaft, es verschlingt den ganzen Mann, der es erzeugt. Und als der Mann aus seinem halluzinierten guten Vatersein erwachte, da wollte er alles, nur eines nicht: Vater sein. Er meinte zu Recht, seine „spezifischen Vorstellungen von Elternschaft“ (Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung) würden sich wohl nicht verwirklichen lassen.

Christian Geyer

Morgen, Kinder, wird’s euch geben

Das Kind der achtziger Jahre sah in seiner Zukunft eine große Familie. Als Garant dafür galt ein fester Arbeitsplatz - gerade für Mädchen; die Eltern lebten vor, dass ökonomische Sicherheit wichtig ist, um sich Freiheiten zu schaffen. Für die Heranwachsende verblasste der Familienplan, ganz natürlich. Die geistige Welt stand jetzt im Vordergrund - aus Überzeugung. Mit den Worten der Vorbildgeneration, die einen im Studium umgab: die Karriere, die geplante Zukunft; dann würde sich auch alles andere ergeben. Erst mit Ende zwanzig tauchten die Kinder wieder auf - in kurzen Fragen und Bemerkungen. Die Antwort lautete ungefähr so: „Kinder, ja, ich will Kinder.“ Dann war der Arbeitsplatz da, und jemand, mit dem man sich ein Kind vorstellen konnte; doch die äußeren Bedingungen entsprachen nicht der Prophezeiung der Vergangenheit: „Erst müssen wir beide in einer Stadt einen Job finden, zusammenziehen“. Weiter führen die Gespräche meist nicht. Den Kinderwunsch in die Zukunft auszulagern, fällt in unserer Arbeitswelt leicht: Die intellektuellen Vorbilder und Lebensbereiche sind kinderfrei, die Gesellschaft ist kinderfern. Und so vergehen die Jahre. Der nebelhaft vorausgesehene Tag, an dem alles so perfekt sein würde, dass ein Kind selbstverständlich wäre, stellte sich nicht ein. Warum ist das so?

1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Schule und Helikopter-Eltern Unterricht ist heilig

Durch den Brandbrief eines Stuttgarter Schulleiters hat die Diskussion um überfürsorgliche Helikopter-Eltern gerade neuen Schwung bekommen. Wie viel Engagement ist gut, wo ist die Grenze zum Zuviel? Eine Direktorin berichtet. Mehr

15.12.2014, 14:16 Uhr | Gesellschaft
Leben in Armut und Einsamkeit Die zurückgelassenen Kinder Moldaus

In der Republik Moldau wachsen viele Kinder in schwerer Armut und ohne ihre Eltern auf. Mütter und Väter sind oft nach Russland gegangen, um Arbeit zu finden. Mehr

04.12.2014, 16:52 Uhr | Gesellschaft
Aufmerksamkeitsstörung ADHS, Lügen und andere Bestseller

Kann die Aufmerksamkeitsstörung reine Einbildung sein, wenn jeder dritte straffällige Jugendliche darunter leidet? Die Forschung ist weiter uneins, aber der Sündenfall hat einen Namen - Ritalin. Mehr Von Christina Hucklenbroich

18.12.2014, 13:19 Uhr | Feuilleton
BMW Frankfurt Marathon Kochen, Laufen und Vorbild sein

Sie kommt vom Zuckerhut und lebt in Frankfurt. Sie interessiert sich für Kunst, Kochen und Sport. Kochen und Laufen bedeutet für Clarisse da Silva Pereira etwas Produktives für mich. Mit ihrem Start beim Marathon in Frankfurt will sie auch ihrem kleinen Kind ein Vorbild sein. Mehr

25.10.2014, 16:28 Uhr | Rhein-Main
Bilinguale Erziehung Mehr Sprache wagen

Deutschpflicht für Migrantenfamilien oder Mandarin in der Grundschule: Werden Kinder damit mehrsprachig? Mehr Von Jan Schwenkenbecher

16.12.2014, 17:17 Uhr | Wissen
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 22.12.2012, 10:44 Uhr

Bestimmt jetzt Nordkorea, was Hollywood macht?

Von Michael Hanfeld

Die Sony-Leaks und die Terror-Drohungen der „Guardians of Peace“ bekommen einen immer bittereren Beigeschmack: Nun wurde auch der zweite Film abgesagt. Das nennt man wohl vorauseilende Feigheit. Ein Kommentar. Mehr 8 34