http://www.faz.net/-gqz-q1tq

Familienpolitik : Wir Rabenmütter

Altdeutsches Familienidyll: Mutter, Kind, Küche Bild: AP

Junge Frauen glauben auf eigene Kinder verzichten zu sollen, weil ein romantisch-verklärtes Familienbild ihnen einen Platz zu Hause zuweist. Daß es auch anders geht, dafür fehlen uns Vorbilder.

          Wenn junge Frauen lieber ganz auf Kinder verzichten, als sich dem Vorwurf auszusetzen, sie zu vernachlässigen, läuft etwas schief in der Gesellschaft. Dabei ist es keineswegs so, daß diese jungen Frauen prinzipiell auf Nachwuchs verzichten wollen.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die große Mehrheit der neunundzwanzig- bis vierunddreißigjährigen Frauen hierzulande wünscht sich zum Beispiel mindestens zwei Kinder. Am Ende aber bleibt jede dritte Frau kinderlos, bei Akademikerinnen sind es mehr als vierzig Prozent. Die Differenz zwischen Wunsch und Wirklichkeit, die bedeutet, daß jährlich mehr als zweihunderttausend erwünschte Babys nicht zur Welt kommen, ist auch Reaktion auf ein Familienbild, das nicht mehr in unsere Zeit paßt, dem aber noch viele nachhängen.

          Zu Hause am besten aufgehoben

          Fast nie sind es freilich die Männer, die entscheiden, ob und wie sie mit Kindern ihren Beruf fortsetzen wollen. Trotzdem vertreten insbesondere sie oft die Ansicht, daß Kinder zu Hause besser aufgehoben seien als bei Tagesmüttern, in Krippen oder in Krabbelgruppen. Gemeinschaftserziehung wie etwa in der französischen Maternelle gilt schon deshalb als verdächtig, weil dort die Kleinsten bereits mit Buchstaben konfrontiert werden. In den ersten drei Jahren, so die hier verbreitete Meinung, gehörten Kinder zur Mutter, und zwar rund um die Uhr. Deshalb ändert sich hierzulande für die meisten berufstätigen Frauen mit der Geburt eines Kindes alles, für die meisten Männer wenig. Der Anteil der Väter, die sich für die Erziehung eine Auszeit nehmen, ist verschwindend gering.

          Mütter aber, die sich mit der Arbeitsplatzbeschreibung am heimischen Herd nicht begnügen wollen oder können, haben es nicht leicht; denn das Vorurteil, daß arbeitende Mütter schlechte Mütter sind, hält sich hartnäckig. Daß damit dem demographischen Problem zusätzlich Vorschub geleistet wird, scheint nicht ins Gewicht zu fallen. Zwar hat sich herumgesprochen, daß Deutschland vergreist - unter den 191 Nationen der Erde steht Deutschland mit seiner Geburtenrate, die sich seit den sechziger Jahren fast halbiert hat, auf Platz 181 -, doch verhält es sich dabei ähnlich wie beim Notstand in der Pflegeversicherung: Es wurden so viele negative Hochrechnungen, Statistiken und Prognosen in den Raum geworfen, daß man der Horrorszenarien fast überdrüssig geworden ist.

          Dramatische Folgen

          Die Folgen für ein Land, in dem Kinder nichts zu lachen haben, sind dramatisch, für die Sozialsysteme wie für das gesellschaftliche Klima: Städte und ganze Landstriche veröden, die Renten können nicht bezahlt werden, und es bilden sich Fronten zwischen Jung und Alt, Eltern und Kinderlosen, zwischen der kinderarmen westlichen Welt und den kinderreichen Entwicklungsländern.

          Silke Lautenschläger, die hessische Sozialministerin, wird deshalb nicht müde, davor zu warnen, daß eine Gesellschaft ohne Kinder ihre Zukunft verspielt. Sie gehört zu den Vorreitern einer neuen konservativen Familienpolitik, die für die „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ werben will. Die Ministerin, die mit 36 Jahren selbst Mutter zweier Kinder ist, gehört damit zur Avantgarde in ihrer Partei, neuerdings aber erhält sie Unterstützung von oben.

          Kochs Kernaufgabe

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Früherer SS-Wachmann angeklagt : Der Preis der späten Gerechtigkeit

          Vor Jahrzehnten hätte die Justiz Recht sprechen sollen zum Vernichtungssystem der Konzentrationslager. Sie hat es nicht ausreichend getan. Nun steht wieder ein Greis vor Gericht, der als junger Mann SS-Wachmann war. Ist das gerecht? Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.