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Familienpolitik Wer Zukunft zeugt

01.02.2005 ·  Es wird weiterhin junge Paare geben, die Eltern werden wollen, auch unter den anspruchsvollen Kindern des Fortschritts, wenn man ihnen wirklich alle Wahlmöglichkeiten offen läßt, für die unsere Zivilisationsstufe gerüstet ist.

Von Dietmar Dath
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Bevor der Begriff der Emanzipation eine bemerkenswerte semantische Einengung auf diverse dringliche Themen des Feminismus erfuhr, gehörte er lange Zeit zum Grundbestand des altbürgerlichen Liberalismus, etwa als "Emanzipation der Sklaven" oder "Emanzipation der Juden".

Die letztbegründende Horizontvorstellung solcher Debatten war immer die in der Aufklärung propagierte allgemeine "Emanzipation des Menschen", nämlich vom bloßen naturwüchsigen Erleiden seines Geschicks. Der Mensch war in diesem Bild freilich ein Mann, von dessen in der Tat naturwüchsiger, mindestens einige aufgezeichnete Jahrtausende währender Vorherrschaft sich schon in der Aufklärung einige gescheite Frauen unter der Parole "Die Seelen haben kein Geschlecht" zu emanzipieren suchten.

Es ging bei dieser Emanzipationsanstrengung zunächst um den Zugang zu Bildung, um politische Chancen wie das aktive und passive Wahlrecht, um gleiche Bezahlung für gleichwertige Arbeit. Dann aber stand zunehmend Höheres, Sublimeres, Abstrakteres, soll heißen: Abgeleitetes auf dem Spiel, schwerer auszumachende Formen der Benachteiligung, Rituelles, Symbolisches, eingeschliffene Redeweisen, "Blickregimes" und ähnliche vordergründig rein ästhetische Fragen. Beginnend in den späten siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts fand ein von vielen, nicht nur weiblichen Köpfen der neuen Frauenbewegung mit Argwohn beobachteter dialektischer Salto statt: Mutterschaft, weibliche Instinkte, Matriarchatsmystik rund um "Gaia, die Mutter Erde", wurden Mode.

Es geht nicht um Eierstöcke

Weil das feministische Anliegen bis dahin vor allem als eins der Wahlfreiheit aufgetreten war, wie sich das in liberalen westlichen Demokratien gehört, mußte nun also auch die Wahl traditionellerer Weiblichkeitslebensformen und deren Vereinbarkeit mit modernen biographischen Optionen propagiert werden - was sein Gutes und Richtiges hat, aber auch dazu benutzt werden kann, das Argument "Biologie ist Schicksal" mit unerwarteter Vehemenz wiederzubeleben.

Die britische Science-fiction-Autorin Gwyneth Jones hat darauf hingewiesen, daß es entgegen solchen Wiederbelebungsversuchen zwischen sozialen und biologischen Tatbeständen einen während der gesamten menschlichen Geschichte mühsam erstrittenen Unterschied gibt: "Wenn man Sie bittet, auf einem Formular Ihr Geschlecht anzukreuzen, dann will man nicht unbedingt wissen, ob Sie Eierstöcke haben, sondern ob sie zu Hause bleiben und auf die Kinder aufpassen werden, beziehungsweise ob Sie vorhaben, auf Kosten von Arbeitgebern plötzlich ihrer soziopathischen Sucht nach Kindern nachzugehen."

Reproduktionsverpflichtung revisited

Vor den jüngsten demographischen Warnschüssen einer überalterten Gesellschaft war diese Differenz zwischen Natur und Kultur noch das Proprium "neuer sozialer Bewegungen", etwa der Leute, die den berühmten "grünen Mütterkongreß" ausrichteten, der 1986 unter dem Motto "Leben mit Kindern - Mütter werden laut" stattfand und unter anderem dazu führte, daß Feministinnen, die trotzdem keine Kinder kriegen wollten, sich von linken Genossinnen und Genossen als "Aquariumskarrieristinnen" anschwärzen lassen mußten.

Das ist Geschichte. Wir haben andere, größere Sorgen: Boulevardzeitungen und seriöse Meinungsumfragen werfen ihre Sozialabtastungsmaschinen an, um zu ermitteln, warum Frauen keine Kinder kriegen. Damit kommt eine Debattenatmosphäre auf, in der plötzlich wieder von Reproduktionsverpflichtungen gesprochen werden kann, die erfüllt werden müssen, um die brüchig gewordenen tieferen Stockwerke des Gesellschaftsbaus zu stabilisieren. Wenn darüber aber wirklich in Vergessenheit gerät, daß Nachwuchs beim derzeitigen Stand der Produktivkräfte nicht mehr deswegen gebraucht wird, weil die Alten zu schwach zum Jagen und Sammeln sind, sondern als Parteien in vielbeschworenen Generationenverträgen, dann entstellt man etwas wesenhaft Soziales durch Naturalisierung.

Längst nicht mehr Futter für die Geier

Ein Beispiel aus der Sphäre der Produktion statt der Reproduktion mag den Kategorienfehler verdeutlichen, um den es dabei geht: Wenn der technische Fortschritt die Produktivität der menschlichen Arbeitskraft so weit erhöht hat, daß heute einer hervorbringt, was früher zehn besorgen mußten, dann sollte das eigentlich mehr Freizeit für mehr Menschen bedeuten. Besteht jedoch einerseits in ausgewählten Sektoren die Akkordarbeit fort und wächst andererseits die sogenannte strukturelle Arbeitslosigkeit allen Bemühungen um Lohnnebenkostensenkungen zum Trotz, dann haben wir es mit einem gesellschaftlichen Problem zu tun, nicht mit einem, das die Naturbeherrschung betrifft, aus welcher die menschliche Industrie zuallererst als Verbundsystem von Ackerbau und Viehzucht hervorgegangen ist.

Ganz in demselben Sinne sind Alte, die keinen Nachwuchs großgezogen haben, heute zumindest in den reichen Ländern längst nicht mehr Futter für die Geier wie die frühen Hominiden Afrikas im analogen Fall. Wenn in den reichen Ländern der Nordhalbkugel die Kleinen ausbleiben, fallen die Mieten und steigen die Löhne. Daß das den Besitzern von Wohnungen und Fabriken nicht gefällt, ist ebensowenig ein vernünftiger Grund, Frauen zur Bereitstellung einer nachindustriellen Reservearmee fürs postfordistische Zeitalter zu verpflichten, wie der Wunsch vieler Männer, die lästige weibliche Konkurrenz von den Arbeitsmärkten zu verscheuchen, weil die Lage dort prekärer geworden ist.

An der demographischen Front

Auch die verbreitete Angst vor der unkontrollierten Vermehrung Zugewanderter gebietet logisch nicht zwingend, einheimische potentielle Mütter an die demographische Front zu schicken. Denn wenn der besagte technische Fortschritt, oft in der Chiffre "Lebensstandard" versteckt, angefangen von der Ausbildung zu einem Leben, das ihn zu nutzen versteht, auch Migrantinnen offensteht, dann werden sie in entsprechender statistischer Verteilung ebenfalls Karrierefrauen oder Mütter mit Beruf sein - was sie allenfalls noch daran hindert, sind wagenburgartig abgeschottete Sozialzusammenhänge, die von der gesellschaftlichen Prämierung der Selbstethnisierung zehren, nicht ein mythischer Gebärtrieb. Die Lösung des angeblichen Problems besteht also einfach darin, es den Vätern, Brüdern und Männern dieser Frauen zu erschweren, sie an eine Kandare zu nehmen, der wir auch unsere eigenen Töchter, Schwestern und Frauen nicht ausliefern wollen.

Daß die entsprechenden Zustände nicht allein Frauen, sondern auch die beteiligten Männer entwürdigen können, steht im Hinblick auf das prosaische Romanleben der Moderne und im Ton souveränen Spottes schon bei Hegel in den Vorlesungen über die Ästhetik: "Mag einer auch noch soviel sich mit der Welt herumgezankt haben, umhergeschoben worden sein, zuletzt bekommt er meistens doch sein Mädchen und irgendeine Stellung, heiratet und wird ein Philister so gut wie die anderen auch; die Frau steht der Haushaltung vor, Kinder bleiben nicht aus, das angebetete Weib, das erst die Einzige, ein Engel war, nimmt sich ungefähr ebenso aus wie alle anderen, das Amt gibt Arbeit und Verdrießlichkeiten, die Ehe Hauskreuz, und so ist der ganze Katzenjammer der übrigen da."

Aus einem Sein kein Sollen ableiten

Die Vorstellung, es werde bei anhaltendem liberalem Klima bald noch weniger kleine Deutsche geben, bis wir endlich virtuell aussterben, und man müsse deshalb schleunigst gesetzliche Fortpflanzungsanreize schaffen, ist nicht eben wohlüberlegt - man verbietet ja auch nicht das Wohnen in München deshalb, weil die Stadt zusammenbräche, wenn das alle täten. Es wird, wenn nichts Schlimmeres geschieht als das Gehabte, weiterhin junge Paare geben, die Eltern werden wollen, auch unter den anspruchsvollen Kindern des Fortschritts - vorausgesetzt, man stellt ihnen, also tatsächlich je beiden, wirklich alle Wahlmöglichkeiten zur Verfügung, für die unsere Zivilisationsstufe gerüstet ist. Das werden dann Eltern sein, die einander und den Nachwuchs lieben - nicht die schlechtesten, wird man sagen dürfen.

Wir müssen die Gesellschaft so einrichten, daß sie ihre eigenen Fortschritte erträgt - schon weil die Alternative, nämlich ihre Neuorganisation nach biologischen Kriterien, einen buchstäblichen "Sonderweg" für das betroffene Gemeinwesen verlangen würde, der es früher oder später als Standortnachteil gegenüber emanzipierteren und also produktiveren Weltmarktkonkurrenten hart treffen muß. Hier vermählt der Weltgeist aufs harmonischste ökonomischen Weitblick mit moralischer Einsicht: Man darf von Frauen eben nicht der Staatsräson halber fordern, daß sie gebären müssen, nur weil sie das können. Denn das verstößt gegen die westlich-bürgerliche Moral, die spätestens seit der Aufklärung gilt und die der Philosoph David Hume in die Formel gefaßt hat, man dürfe aus einem Sein kein Sollen ableiten. Nur weil eine Frau gebären kann, heißt das also noch nicht, daß sie es auch muß - würde man anders denken, so müßte man beispielsweise auch die Sklaverei gutheißen, denn natürlich kann man Menschen auch arbeiten lassen, bis sie umfallen, weil nichts an ihrem Sein gebietet, ihnen Urlaub oder Hobbys zu gestatten, sofern sie nicht stark genug sind, dergleichen zu erkämpfen oder zu verteidigen. Und was Jonathan Swift angesichts der Eßbarkeit des Menschen (Sein) für den Fall einer Hungersnot empfohlen hat (Sollen), verstand man zu Recht als schwarze Satire.

Ein Gebot der Vernunft

Alles andere als die Anerkennung der Tatsache, daß zur Reproduktion die freie Wahl gehört wie zur modernen bürgerlichen Gesellschaft die "Hochachtung vor der individuellen Subjektivität" (Hegel), riecht nicht nach Neuzeit, sondern nach mit ökonomischen und kulturellen Erwägungen nur notdürftig verbrämten vormodernen Vorstellungen vom Gemeinwesen, die sich an Bluts- statt an Bürgerrecht orientieren. Als man das letzte Mal daranging, die deutsche Gesellschaft unter Verweis auf ihren abschmelzenden sozialen Vermögensfonds nach biologischen Gesichtspunkten umzugestalten, hieß das Leitkriterium noch "Rasse".

Wer Frauen vorrechnet, was sie der Gesellschaft an Produktivkraft entziehen, wenn sie kinderlos bleiben, begeht denselben logischen und moralischen Fehler wie einer, der ausrechnet, was ein sogenannter "Erbkranker" die Volksgemeinschaft kostet. Sich den Herausforderungen einer Zukunft zu stellen, die nicht mehr allein in der Vermehrung die Antwort auf einen unabänderlichen Naturzwang sieht, ist anstrengender als dergleichen Propaganda, aber dafür ein Gebot der Vernunft.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.02.2005, Nr. 26 / Seite 33
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