Home
http://www.faz.net/-gqz-pw4p
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Familienland Italien Zu heilig für Geburten

 ·  Nirgendwo sonst in Europa dreht sich der Alltag so sehr um das Wohlergehen der Kinder wie in Italien. Hier ist die Familie immer noch viel wert. Doch die Kinder werden weniger.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Als Kind in Italien aufwachsen - das muß das Paradies auf Erden sein. Nirgendwo sonst in Europa dreht sich der Alltag so sehr um das Wohlergehen der Kinder wie in Italien. Hier sitzen die Kleinen selbstverständlich bis spätabends mit am Tisch, und wenn sie herumtollen und schreien, stoßen sie dabei auf vollstes Verständnis der milde lächelnden Anwesenden. "Bambini" - am besten mehrere - verschaffen einer Mutter wie durch Geisterhand Platz im vollen Bus, sie dominieren laut und anarchisch die Straße, das Familienleben und die Freizeitgewohnheiten, zuvörderst das sommerliche Strandritual.

Sogar das neue, höchst erfolgreiche Antinikotingesetz verschärft die Geldstrafen, sobald ein Kind beim unerlaubten Rauchen zugegen ist. Der einzige Haken - es gibt kaum noch Kinder in Italien. In den neunziger Jahren lagen die Italiener am Ende von Europas Geburtenziffer, und wenn sich die Situation auch seit der Jahrtausendwende leicht gebessert hat, so kann die mickrige Reproduktionsrate von 0,61 Prozent eine massive Vergreisung und Verringerung der Bevölkerung nicht mehr aufhalten.

Bis in die achtziger Jahre ein Auswanderungsland

Der Befund wirkt in der Tat befremdlich. Denn gerade die katholische Kirche - in Italien ist sie trotz fehlender Selbstreproduktion allgegenwärtig - versteht sich von jeher als Sachwalterin von Familie und Mutterschaft und konnte bis in die siebziger Jahre, teilweise bis heute die Familiengesetzgebung massiv beeinflussen. Wenn also in einem Land offensichtlicher Kinderliebe und mächtiger Familienideologie nur mehr wenige Kinder in die Welt gesetzt werden, muß etwas fundamental im argen liegen.

Das im Ausland bewunderte Ideal der zusammenhaltenden Großfamilie ist ein Relikt der armen Agrarzeit, die in Italien länger dauerte als in den anderen europäischen Kernstaaten. Als Sippe halfen und helfen sich Italiener über Wirtschaftskrisen hinweg, als Sippe verschafften sie sich - vor allem im Süden - ihr Recht, als Sippe hielten sie an Brauchtum und Küche fest, und als Sippe brachten sie derartig viele Kinder groß, daß Italien bis in die achtziger Jahre ein Auswanderungsland blieb.

Die Kinderliebe wegmodernisiert

Die Modernisierung der italienischen Gesellschaft, die mit Industriearbeitertum, Migration in die Großstädte, wachsendem Mittelstand und Mobilität einherging, hat dann irgendwann die Kinderliebe der Italiener kleingekriegt. Die antimoderne Verteidigungslinie zugunsten der Familie war dabei stets deutlich. Alle Zeitzeugen erinnern sich noch gut an die ideologischen Kämpfe für und wider Scheidung und Abtreibung, die vor dreißig Jahren zu manchem familiären Zerwürfnis führte. Und für die Verfechter einer katholischen Familienpolitik liegt in der Legalisierung von Scheidung und Abtreibung, bei Verhütung und sexueller Revolution die Erbsünde, deren Genuß folgerichtig mit fehlenden Babys bestraft wurde.

Die Soziologie, die sich mit prominenten Vertretern wie Chiara Saraceno und Marzio Barbagli, rastlos und doch oft ratlos den radikalen Fährnissen der italienischen Familie zuwendet, deutet indes die Entwicklung genau umgekehrt: Nicht zu viele, sondern zuwenig Rechte für Eltern haben den demographischen Kollaps der Italiener bewirkt. Bis 1978 konnte eine arbeitende Mutter noch nicht einmal ihre Sozialleistungen oder Rentenansprüche für ihre Kinder nutzen. Alles war zugeschnitten auf das Ideal des arbeitenden Familienvaters, bei dem die ganze Unterstützung ankam und der sie solidarisch an Frau und Kinder weitergab. Diese patriarchalische Rechtlosigkeit, die in Details noch immer fortbesteht, stieß sich immer mehr an der Wirklichkeit emanzipierter Frauen, arbeitender Mütter, getrennter Paare oder gar von Alleinerziehenden.

Zwoschen Mamma-Klischee und Emanzipation

Wo alles auf die Arbeitsteilung zwischen männlicher Arbeit und weiblicher Mutterschaft ausgerichtet war, gab es naturgemäß auch keinen Grund für Krippen und Kindergärten. Bis heute haben gerade einmal achtzig Prozent aller Bambini einen Platz in der Vorschule, Krippen für Kleinkinder gibt es so gut wie keine, und die katholische Kirche, die bis ins Schulwesen weite Aufgabenfelder des Sozialstaates innehat, tut gemäß ihrer Mutterschaftsideologie auch wenig für die Kinderbetreuung. Eine gescheiterte Ehe wird in diesem Fahrwasser sozial immer noch oft als persönliches Scheitern abgestraft, weshalb die italienische Scheidungsrate weiterhin weit unter dem europäischen Durchschnitt liegt. Hier wußten sich die Italiener stets mit vitaler Doppelmoral weiterzuhelfen.

Ob aber die besser ausgebildeten Frauen von heute noch bereit sind, Geliebte, getrennte Haushalte, ökonomische Abhängigkeit, Homosexualität des Gatten hinter der harmonischen Ehefassade zu dulden? Wohl kaum. Das Rollenbild der mediterranen Mamma, wie es etwa Familienfotos Mussolinis mit seiner vierschrötigen, damenbärtigen Donna Rachele und einem Schwarm von strammen Stammhaltern abbilden, paßt längst nicht mehr zur emanzipatorischen Wirklichkeit. Nicht zufällig zog es Mussolini vor, mit seiner jungen Geliebten zu fliehen und zu sterben.

Ein Teufelskreis

Solche Geschichten lateinischer Gigolos gehören zur Landessitte, und es gibt allen Ernstes Forscher, die den Geburtenrückgang an der vagabundischen Mentalität des italienischen Mannes festmachen. Und auch viele Frauen, die im Rollenspiegel der Medien von sofort an sexy, überschlank und ewig jung wirken sollen, geben sich mit der unsicher entgoltenen Mutterschaft als alleiniger Lebensaufgabe nicht mehr zufrieden. Auch die ganz unspektakulären Alltagsfragen glücklicher und kinderwilliger Paare von heute stoßen sich schnell mit der Realität des italienischen Wirtschaftswunders.

Für die gehobenen Ansprüche an Erziehung, Lebensstandard, Freizeitspaß reicht ein einziges Einkommen nicht aus, so daß viele Mütter aus purer Not ihre Kleinen von den Großeltern betreuen lassen. Höchstens das Bürgertum macht Gebrauch von - meist halblegal beschäftigten - Haushalts- und Erziehungshilfen von den Philippinen oder aus der Ukraine, den im Alltag unübersehbaren und als Statussymbol wichtigen "Colf". Für diese Unterstützung jedoch muß die Frau dann wieder mehr arbeiten - ein Teufelskreis.

Berufseinstieg im Kinderzimmer

Doch die große Mehrheit ist für die elterliche Überlebenshilfe einzig auf die Verwandtschaft angewiesen und bleibt daher mit Kindern auch räumlich an die Sippe gekettet. Die Dauereinmischung resoluter Großmütter ins Leben der Heranwachsenden haben Umfragen jüngst als wichtigsten Grund für Ehescheidungen identifiziert. Erschwerend hinzu kommt der italienische Mutterbrauch, die seltener werdenden Söhne im Abendglanz des Patriarchats bis zur Unselbständigkeit zu verwöhnen und lebenslang emotional nicht aus der Hand zu geben. Daß Kinder, oft als karikaturhafter "Mammone"-Muttersöhnchen, bis weit übers dreißigste Jahr bei den Eltern wohnen, Studium und Berufsanfang im Kinderzimmer hinter sich bringen, ist ein spezifisch italienisches Phänomen. Und ödipale Gestalten, die keine eigene Familie gründen, reproduzieren sich auch nicht.

Die belächelte "Nonnakratie" - die Herrschaft der Omas - ist dabei nur Ausdruck für die Abwesenheit staatlicher Erziehungsmaßnahmen, die erheblich mehr Geld kosten würden als die bequeme Familiensolidarität, die sich oft genug auch im unbürokratischen Geldtransfer ausdrückt. Doch wer gründet das Wohl seiner Kinder schon gerne auf die Spendierlaune der Schwiegermutter? So sind de jure - ganz anders als im nordischen Sozialstaat - bis heute italienische Eltern lebenslang ökonomisch für die Kinder verantwortlich, sogar Geschwister und Schwiegereltern können theoretisch zur Unterstützung herangezogen werden. Und auch im Alltag ist der Zusammenhalt italienischer Familien, die brav mit der Oma verreisen, mit den Schwiegereltern allsonntäglich in der Osteria speisen, den Onkel im Krankenhaus versorgen oder über Monate die Kleinkinder von Geschwistern übernehmen, unübersehbar und oft vorbildlich.

Der moderne Standard: das Einzelbambino

Nur daß eben all diese Altvätersitte nicht mehr die soziale und wirtschaftliche Sicherheit und Einklagbarkeit gewährleistet, die moderne Eltern für ihren Nachwuchs brauchen. Und welche Karriere läßt sich schon in enger Partnerschaft mit den Eltern planen, wenn schon die eheliche Innigkeit durch Mobilität und zeitlichen Stress belastet wird? "Famiglia cristiana" heißt das Wochenblatt der katholischen Gemeinden - doch dieser Titel klingt wie wohlfeiles Rufen im Walde. Generationsübergeifende Familien wie aus der Kanzelpredigt oder der Pasta-Reklame gibt es immer weniger.

So ist im kinderlieben Italien das Einzelbambino zur häufigsten Familienwirklichkeit geworden, weil man sich gerade im Wohlstand weniger Nachwuchs leisten zu können glaubt, diesen dafür aber möglichst nach modernem Standard erzieht und verwöhnt. Für die Aufzucht eines modernen Einzelkindes kann sich eine berufstätige Frau - denn nur sie trägt meist die Last von Haushalt und Erziehung - immerhin meist ein paar Jahre vom Beruf freimachen, und für die Bedürfnisse eines Kindes reicht die Kraft manch helfender Großeltern gerade noch aus. Ein Familienforscher hat diese schnelle Entwicklung vom selbstverständlichen und häufigen zum seltenen, dafür vergötterten Kind mit einer schönen Bücherwidmung beschrieben: "Für meinen Vater, den ich siezte, und meinen Sohn, der mich Beppe nennt."

Kein Ausgleich durch staatliche Unterstützung

Die Familienforscher Saraceno und Barbagli führen das Dilemma im italienischen Zusammenleben demnach nicht auf übereilte, sondern auf unterbliebene Modernisierung zurück: "In kaum einem Land bietet der Staat weniger Hilfe für familiäre Verantwortung, und zugleich werden die Risiken der Lebenszyklen in ungekanntem Ausmaß der Familiensolidarität überlassen."

Die bärenstarke famiglia, in der die Kultur des Landes seit zweieinhalbtausend Jahren mit allen Transformationen wie in einer Festung überleben konnte, erscheint für die Reproduktion plötzlich zu schwach und kränklich, was bei den immer neuen Bürden, die man ihr auferlegt, auch kein Wunder ist. So beruht die Misere des so kinderlieben wie kinderarmen Italien auf einem Anachronismus: Die solidarische Sippenkultur, in welche diese Bambini eigentlich geboren werden müßten, gibt es nicht mehr. Und Kinder sind italienischen Vätern und vor allem den klugen Müttern viel zu heilig, um sie unter den herrschenden Bedingungen weiter in großer Zahl auf die Welt zu setzen.

Quelle: F.A.Z., 28.04.2005, Nr. 98 / Seite 42
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Venedig.

Jüngste Beiträge

Der große Unbekannte

Von Patrick Bahners, New York

Glafira Rosales ist Hauptverdächtige im Fall der mutmaßlich gefälschten Gemälde, die Knoedler in New York verkauft hat. Jetzt wurde sie festgenommen. Ihr droht eine lange Haftstrafe. Mehr 2