26.04.2005 · In Deutschland gibt es immer mehr kinderlose Akademikerinnen, denn wer forscht hat keine Zeit für Kinder. Das könnte sich jetzt ändern: Nobelpreisträgerin Nüsslein-Volhard stiftet für Babysitter.
Von Christian SchwängerlDer Ruf, eine anspruchsvolle, fordernde, ja bisweilen harte Chefin zu sein, eilt der Entwicklungsbiologin Christiane Nüsslein-Volhard voraus. Ohne diese Charaktereigenschaften hätte sie es als Frau in der Naturwissenschaft wahrscheinlich nicht so weit gebracht - zum Direktorenposten am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen, den sie seit 1985 innehat, und zum Nobelpreis für Medizin, den sie für ihre Forschung über die genetische Steuerung der Embryonalentwicklung bei Fruchtfliegen bekommen hat. Nüsslein-Volhard ist die erste und bisher einzige deutsche Naturwissenschaftlerin, der diese Auszeichnung zuteil wurde.
Ihre analytische Schärfe richtet sie bisweilen auch auf Frauen in der Wissenschaft: Zu zaghaft, nicht ehrgeizig genug, zu verhärmt seien viele von ihnen gerade in Deutschland, im Gegensatz etwa zu Amerika, wo es viele „sehr starke, sehr erfolgreiche Wissenschaftlerinnen“ gebe. Doch wenn es um jene Probleme geht, die aufstrebende Wissenschaftlerinnen haben, wenn sie sich für Familie und Kinder entscheiden, kennen ihr Verständnis und ihr Mitgefühl fast keine Grenzen.
Doppelte Herausforderung zuviel
Das glaubt man Nüsslein-Volhard anzusehen, wenn sie von der jungen, exzellenten Mitarbeiterin erzählt, die nach der Geburt ihres ersten Kindes „plötzlich so grau aussah“ und der Chefin irgendwann eingestehen mußte, daß sie die doppelte Herausforderung von Wissenschaft und Familie nicht mehr bewältigen könne. Die Chefin fand Wege, zu helfen - und hat so dafür gesorgt, daß eine lange, aufwendige und für den Staat kostspielige Ausbildung nun zum gewünschten Ergebnis geführt hat.
Nüsslein-Volhard ist weltweit tätig und fördert die Internationalisierung der deutschen Wissenschaft. Doch sie findet es „absurd, wenn wir indische Studenten und Wissenschaftler wegen eines Fachkräftemangels nach Deutschland holen und gleichzeitig exzellente Jungakademiker keine Chancen erhalten, weil sie weiblich sind und eine Familie gegründet haben“. Deutschland leiste es sich, in ungeheurem Ausmaß Talente zu verschwenden. Aus Unzufriedenheit darüber hat sie Anfang des Jahres eine nach ihr benannte Stiftung gegründet, die Wissenschaftlerinnen mit Kindern unter die Arme greifen soll.
Stiftungsgeld für den Babysitter
In der deutschen Stiftungslandschaft sticht die Neugründung hervor, denn das Geld soll nicht für Ehrenpreise oder ambitionierte Forschungsprojekte fließen, sondern an Doktorandinnen für Babysitter, Haushaltshilfen oder Anschaffungen, die den Familienalltag erheblich erleichtern. „Auch das ist Wissenschaftsförderung, denn wir geben Talenten erst die Möglichkeit, sich zu entfalten“, sagt die Entwicklungshelferin. Statt ihre Kinder etwa in Billigkindergärten zu schicken, in denen sie dann selbst putzen müßten, sollten sie Angebote nutzen können, die nicht die wertvolle Freizeit mit den Kindern beeinträchtigten. Wenn überraschend ein abendliches Seminar anberaumt werde, solle die Bestallung des Babysitters nicht am Geld scheitern.
Knapp eine halbe Million Euro Stiftungskapital, dessen Zinsen ausgegeben werden können, haben Nüsslein-Volhard und der Heidelberger Neurobiologe Peter Seeburg aus Firmenbeteiligungen in die Stiftung eingebracht. Die Max-Planck-Gesellschaft will bis 2010 jährlich 30.000 Euro an Direktzuschüssen hinzugeben. Noch sind die Auswahlkriterien für die ersten Geförderten nicht formuliert. Daran, daß sie streng sein und Elitegeist zum Ausdruck bringen werden, läßt Nüsslein-Volhard keinen Zweifel - Bettelbriefe an sie seien zwecklos. Mit zehn bis zwölf geförderten Frauen soll schon bald ein Anfang gemacht werden.
Ein Tropfen auf den heißen Stein
Nüsslein-Volhard hat die Stiftung zusammen mit der Entwicklungsgenetikerin Maria Leptin konzipiert, die heute an der Universität Köln forscht, aber früher am Max-Planck-Institut in Tübingen tätig war, wo sie einen forschungs- und familienpolitischen Durchbruch erreicht hat, die Gründung des Kindergartens „Planckton“ direkt am Institut. Der Kindergarten, der bisher Ein- bis Dreijährigen vorbehalten war, soll nun ausgebaut werden, erzählt Nüsslein-Volhard stolz, um Kinder in einem Alter von sechs Monaten an aufzunehmen und für Schulkinder eine Nachmittagsbetreuung zu gewährleisten.
Die Nobelpreisträgerin befürchtet, daß die Arbeitsbedingungen der Wissenschaft den Kindermangel in Deutschland noch verschärfen, daß exzellente Forscherinnen wegen ihres Kinderwunsches der Wissenschaft verlorengehen und daß Kinder unter den hochqualitativen, anspruchsvollen Jobs ihrer Eltern leiden könnten. Mit ihrem Stiftungstopf kann sie bei einigen wenigen Einzelfällen helfen und damit ein Vorbild schaffen. „Aber mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein kann unsere Hilfe nicht sein“, sagt sie.
Neues Rollenverständnis
Darüber, daß Forscherinnen ihre Kinder vernachlässigen könnten, macht sie sich keine Sorgen: „Die haben alle ein Trauma, sie sind erfüllt von Angst, etwas falsch zu machen, und umsorgen ihre Kinder mindestens so wie alle anderen auch.“ Was eben fehle, seien Vorbilder. Hoffentlich, sagt sie, werde es bald auch in der eigenen Organisation anders: Von den 270 Max-Planck-Direktoren sind bisher nur zwölf Frauen, von diesen wiederum haben nur vier Kinder, während die männlichen Direktoren zu neunzig Prozent Kinder hätten. „Und das ist bitter, denn wenn eine Frau in der Wissenschaft etwas werden will, heißt das nicht, daß sie keine Kinder möchte“, sagt Nüsslein-Volhard.
Die Stiftung richtet sich an Frauen, doch sieht die Forscherin das Rollenverständnis von Männern als entscheidend an. Die Generation von Forscherkollegen, die Frauen grundsätzlich mit Mißtrauen beäugt hätten, gehe in Ruhestand, eine neue Generation komme nach. Diese beschäftige sich viel lieber mit den eigenen Kindern, doch der entscheidende Schritt, „im Haushalt halbe-halbe zu machen“, stehe für die Mehrheit noch bevor.
Ihre Beobachtung sei, daß Männer es als etwas Besonderes ansähen, wenn sie etwas im Haushalt machten, und dafür gelobt werden wollten. Männer dächten in Familiendingen oftmals nicht mit, wenn etwa die Buskarte abgelaufen sei oder die Schuhe repariert werden müßten. Sie müßten bei solchen Alltagsfragen erinnert oder extra aufgefordert werden. Diese Haltung mache es vielen berufstätigen Frauen enorm schwer, sagt Nüsslein-Volhard. Bei allem Mitgefühl senkt die Nobelpreisträgerin ihre hohen Ansprüche an ihre Mitarbeiter nicht: „Eine virtuose Geigenspielerin kann das Üben auch nicht für drei Jahre einstellen oder sich den Job teilen. So etwas geht einfach nicht, in der Musik so wenig wie in der Wissenschaft.“