21.01.2005 · In Frankreich wird die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht diskutiert, sie wird praktiziert - und quer durch alle Parteien akzeptiert. Die Wahlfreiheit in der Lebensplanung hat positive Wirkung auf die Geburtenrate.
Von Michaela Wiegel, ParisDer Kindersegen kam wie der Sieg bei der Fußballweltmeisterschaft. Unvorbereitet, aber doch irgendwie geplant. Seit Ende der neunziger Jahre erlebt Frankreich einen Babyboom, der auch deshalb für Aufsehen sorgt, weil die Entwicklung in Deutschland entgegengesetzt verläuft.
Im Jahr 2004 liegt die französische Geburtenrate bei 1,9, während sie in Deutschland ihren Niedergang bei 1,3 fortsetzt. Im Land der Fünfunddreißigstundenwoche, das wie Deutschland an hoher Arbeitslosigkeit, Reformangst und chronischem Haushaltdefizit krankt, läßt sich die Gebärfreudigkeit nicht auf religiöse Überzeugungen oder heile Familienstrukturen zurückführen.
Gerade wurde der dreißigste Jahrestag des „Loi Veil“ begangen, jenes von einem rechtsbürgerlichen Präsidenten angeregten Gesetzes, das Abtreibung auf Krankenschein garantiert. Die Scheidungsrate liegt auf genauso hohem Niveau wie in Deutschland, und auch die Zahl der Alleinerziehenden und unverheirateten Eltern wächst stetig. Vielleicht trägt die Mischung aus umfangreichen Kinderbetreuungsmöglichkeiten, finanziellen Erleichterungen für Familien und gesellschaftlicher Anerkennung des Kinderreichtums dazu bei, daß den Franzosen die Entscheidung für Nachwuchs leichter fällt als den Deutschen. „Die französischen Frauen haben eine Wahlfreiheit errungen, die ihnen kein Mann mehr streitig machen will“, meinte die inzwischen verstorbene Journalistin Françoise Giroud, Autorin der „Femmes françaises“.
Als Zweijähriger in die „Schule“
Über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird in Frankreich nicht diskutiert, sie wird praktiziert - und quer durch alle Schichten und Parteien akzeptiert. Wenn wie jedes Jahr im September Hunderttausende von Zwei- und Dreijährigen zum ersten „Schultag“ an der École maternelle an der Hand von Vater oder Mutter aufbrechen, bewegt die Nation nicht die Frage, ob die Kleinen nicht besser zu Hause bei der Mutter aufgehoben wären.
Die meisten Eltern wissen nicht einmal das kostenaufwendige Angebot zu schätzen, das von den Kommunen durch erweiterte Betreuungszeiten im selben Gebäude ergänzt wird. Seit mehr als einem Jahrhundert haben die wörtlich übersetzt „mütterlichen Schulen“ einen festen Platz in den Familien erobert. 99 Prozent aller Dreijährigen besuchen die kostenlosen Ganztagsschulen. Das Personal hat eine Lehrerausbildung absolviert und gehört dem staatlichen Schulwesen an.
Keine „Verwahranstalt“
Schon das begründet den Anspruch, nicht „Verwahranstalt“ zu sein, sondern zur geistigen Entwicklung der Kinder einen wichtigen Beitrag zu leisten. Besonders in den Großstädten melden viele Eltern ihre zweijährigen Kinder zur École maternelle an und schreiben bittere Briefe, wenn ihr Wunsch etwa aus Platzmangel abgelehnt wird. Im Landesschnitt werden vierzig Prozent aller Zweijährigen in den aus Steuergeldern finanzierten Einrichtungen betreut.
Angstbeladene Debatten über den möglicherweise schädigenden Einfluß früher Fremdbetreuung auf die kindliche Entwicklung finden in Frankreich nicht statt. Zwar zelebrieren Kinderbekleidungs- und Spielzeughersteller das „enfant-roi“ und setzen auch französische Eltern unter Konsumdruck. Aber die Vorstellung des elterlichen „Opfers“ zugunsten der Kinder ist der französischen Gesellschaft fremd, der Entfaltungswunsch der Eltern gilt als selbstverständlich. „Man sollte sich nicht zu viele Fragen stellen“, sagt Clara Gaymard, die nicht versteht, wie die Freude an der „natürlichsten Sache der Welt“ durch Erwägungen über Absicherung und berufliches Fortkommen abhanden kommen kann.
Der Minister hat acht Kinder
Madame Gaymard zieht mit ihrem Mann, dem Wirtschafts- und Finanzminister, acht Kinder groß. Sie leitet die französische Agentur für Auslandsinvestitionen und hat ihre berufliche Laufbahn nur während der Mutterschutzfristen unterbrochen. Die Kinderschar der Gaymards ist selbst für französische Verhältnisse ungewöhnlich, nicht jedoch die Bewunderung, die Clara Gaymard entgegengebracht wird. Eine erfolgreiche Karriere hindert die französischen Akademikerinnen nicht daran, eine Familie zu gründen.
Anne Lauvergeon, die den größten französischen Energiekonzern Areva leitet, oder die Astronautin und heutige Europaministerin Claudie Haigneré bekamen zwar ihre Kinder eher spät - aber sie verzichteten nicht darauf, wie vierzig Prozent der deutschen Akademikerinnen. Für den Zuwachs in der französischen Geburtenrate spielen gerade die „älteren“ Mütter eine wichtige Rolle, in der Altersstufe zwischen dreißig und vierzig Jahren verzeichnet die Statistik die größten Veränderungen. Das Durchschnittsalter der Erstgebärenden steigt wie in Deutschland auch in Frankreich und liegt derzeit bei 29,6 Jahren.
„Hausgemachter“ Zuwachs
Das Bevölkerungswachstum in Frankreich läßt sich indes nicht auf die Einwanderung zurückführen. „Während die Bevölkerung in Deutschland in den Jahren 2002 und 2003 nur durch Zuwanderung gewachsen ist, verläuft die Entwicklung in Frankreich gegensätzlich“, heißt es im „Bilan démographique 2003“ des staatlichen Insee-Instituts. Zu vier Fünfteln fußt der französische Kindersegen auf „hausgemachtem“ Geburtenzuwachs.
Die Geburtenzahl der eingewanderten Französinnen hat heute fast den nationalen Schnitt erreicht. Der Anstieg der Geburtenrate der vergangenen Jahre läßt sich, im Gegensatz zu den neunziger Jahren, nicht mehr auf die Gebärfreudigkeit junger Einwanderinnen zurückführen, sondern stützt sich nach demographischen Erkenntnissen auf die Geburtenfreudigkeit der Französinnen zwischen dreißig und fünfunddreißig, die soziokulturell gehobenen Gruppen angehören.
Betreuung durch die Kirche
Die Statistiken zeigen auch, daß sich viele französische Familien den Wunsch nach einem weiteren Kind erfüllen, wenn die „Einschulung“ des Jüngsten in die École maternelle bevorsteht. Ihre Entstehung verdankt die École maternelle einem Notstand, der Misere der Arbeiterhaushalte zu Beginn der Industrialisierung. Die Arbeiterinnen konnten sich nicht mehr um ihre kleinsten Kinder kümmern, weil allein der Lohnerwerb beider Elternteile das Überleben sicherte. Die katholische Kirche übernahm die Betreuung der sich ansonsten selbst überlassenen Kleinkinder.
Die Politik begrüßte den Versuch, die Kinder der Arbeiterklasse vor der Einschulung auf die Anforderungen der Volksschule vorzubereiten. 1881 wurden die im Land verbreiteten „kleinen Schulen“ in das Schulwesen integriert, das bis zur 1905 erfolgten Trennung von Kirche und Staat größtenteils der Verantwortung der katholischen Kirche oblag. Mit der „École laique“ setzte sich der Siegeszug der „mütterlichen Schulen“ auch in die besser situierten Schichten fort. Der Schulbesuch der Kinder spätestens vom dritten Lebensjahr an gehört in Frankreich zu den Selbstverständlichkeiten, die auch nichtberufstätige Mütter in Anspruch nehmen.
Ein Komplott von rechts?
Gestritten wird hingegen über die beste Art der Betreuung von Kindern unter drei Jahren, wobei nicht der Anspruch der Mütter auf Wahlfreiheit zur Debatte steht. Die Pariser Kinderärztin Edwige Antier stieß auf Protest, als sie die Frage aufwarf, ob Krippen die ideale Lösung für Kleinkinder seien. Die höhere Rate von Infektionserkrankungen und die auffällige Neigung zu chronischen Erkrankungen bei Krippenkindern nahm sie in ihrem Buch zum Anlaß, für eine häusliche Betreuung von Kleinkindern durch eine Betreuungsperson zu plädieren. Als Edwige Antier im Kommunalwahlkampf für die rechtsbürgerliche Präsidentenpartei UMP kandidierte, war für ihre Gegner klar, daß es sich um ein Komplott von rechts handeln müsse.
Die Sozialisten antworteten mit der Ankündigung neuer Krippenplätzen in den links verwalteten Kommunen. Der Pariser Bürgermeister Delanoe etwa verzichtete auf seine vornehme Dienstwohnung, in der jahrzehntelang die Chiracs residiert hatten. Aus den früheren Privatgemächern des heutigen Staatspräsidenten klingt jetzt Kindergeschrei: Eine Krippe hat dort reichlich Platz gefunden.
Private Initiativen, staatseigene Krippen
Die Förderung von Krippen stellt dabei keinesfalls eine Eigenart linker Familienpolitik dar; vielmehr hat die rechtsbürgerliche Regierung Raffarin sich sofort nach Amtsantritt angeschickt, die Zahl der Krippenplätze zu erhöhen. Zudem unterstützt die bürgerliche Regierungsmehrheit zunehmend auch private Initiativen, während die Linksparteien auf staatseigene Krippen setzen. Aber jegliche ideologische Abgrenzung wäre verlogen.
Die frühere sozialistische Familienministerin Ségolène Royal, Lebensgefährtin des sozialistischen Parteichefs François Hollande, ließ die vier gemeinsamen Kinder ohne Bedenken von einer sogenannten Nounou betreuen. Die Tochter von Präsident Chirac, die an der Seite ihres Vaters im Elyseepalast arbeitet, vertraute ihren Sohn hingegen der staatlichen Krippe an.
In der Obhut der „Nourrice“
Flexibilität bei den Betreuungszeiten lautet der große Vorzug der Nounous, der Kinderfrauen, deren Name in die Zeit des Ancien régime zurückreicht, als es üblich war, den Säugling der Mutter schon kurz nach der Geburt zu entreißen und in die Obhut einer „Nourrice“, der Amme, zu geben. Die Philosophin Elisabeth Badinter hat die „Geschichte der mütterlichen Liebe vom XVII. bis zum XX. Jahrhundert“ untersucht, die vor allem die Abhängigkeit der Mutter-Kind-Bindung von den gesellschaftlichen Erwartungen aufzeigt.
Sie schildert die heute schockierende Indifferenz, mit der sich insbesondere die Noblesse vom Schicksal ihrer Kinder abwandte, am Beispiel Talleyrands, der am Tag seiner Geburt getauft und Stunden später einer Nourrice anvertraut wurde. Madame de Talleyrand sorgte sich erst wieder um ihren Zweitgeborenen, als ihr Ältester vorzeitig verstorben war. Entsetzt stellte sie fest, daß der Vierjährige durch einen Unfall eine Gehbehinderung erlitten hatte und damit für den Militärdienst untauglich war. „Die Mode elterlicher Fürsorge hatte noch nicht Einzug gehalten, die Mode war eine gänzlich andere in meiner Kindheit. Zu viel Fürsorge wäre als affektiertes Gehabe, Zärtlichkeit als lächerlich erschienen“, schrieb Charles-Maurice Talleyrand in seinen Memoiren.
Das Stillen von Kindern galt in der höfischen Gesellschaft als Verstoß gegen die Etikette. Erst Rousseaus „Emile“ bewirkte den Wandel und spornte viele Frauen aus dem Bürgertum an, ihre Säuglinge selbst zu stillen. „Sollte man nicht lieber von einem enormen sozialen Druck sprechen, der die Mutterrolle der Frauen definiert, statt von einem mütterlichen Instinkt, der naturgegeben ist?“ fragt Elisabeth Badinter. Die Relativierung der Mutterrolle als Variable sich wandelnder gesellschaftlicher Normen hat dazu beigetragen, den Französinnen Wahlfreiheit in der Lebensplanung zu gestatten - mit positiver Wirkung auf die Geburtenrate.