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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Nicht mehr mitmachen

Auch unter den Nichtmehrmitmachern ein Großer: Mats Wikström als Karlsson vom Dach in einer Astrid-Lindgren-Verfilmung aus dem Jahr 1974 Bild: Picture-Alliance

Mal ist es Theater, mal Erpressung, mal blanke Not: Wenn jemand nicht mehr mitmachen will, kann das ganz unterschiedliche Gründe haben – von Christian Lindner bis Karlsson vom Dach.

          „Dann mache ich nicht mehr mit!“ – aus dem Mund von Karlsson vom Dach in den von Astrid Lindgren geschriebenen Geschichten, die der Junge Lillebror in Stockholm mit seinem sturköpfigen fliegenden Nachbarn erlebt, dürfte das vielen Kindern bekannt sein. Aber auch vom Spielplatz, dem Schulhof oder dem Kinderzimmerfußboden, wenn gerade etwas gespielt wird, bei dem einer alles auf einmal doof findet. Oder sogar aus der Politik. Wenn jemand nicht mehr mitmachen will, kann das eine Drohung sein. Oder Theater. Es kann aber auch eine Rettung sein. Und manchmal ist das gar nicht so leicht zu unterscheiden.

          In der Politik hatten sie sich am Sonntagabend endlich einig sein wollen. Acht Wochen nach der Bundestagswahl hatten die Parteien CDU, CSU, die Grünen und die FDP verkünden wollen, über die Bildung einer gemeinsamen Regierungskoalition zu verhandeln. Erst sind sie nicht rechtzeitig am Abend fertiggeworden, und dann hat kurz vor Mitternacht sogar ein Parteichef gesagt, dass es gar nichts wird: Er macht nicht mehr mit, und die ganze FDP gleich mit. „Es ist besser nicht zu regieren, als falsch zu regieren“, sagte Christian Lindner dazu.

          Bild: Johannes Thielen

          Seitdem wird darüber diskutiert, ob das eine Drohung ist, Theater, eine Rettung oder eine Mischung aus alledem. Manche Leute lassen sich lustige Sätze einfallen, die so ähnlich klingen („Es ist besser, keine Hausaufgaben zu machen, als sie falsch zu machen“), und aus dem Nachnamen des Politikers ist in der Umgangssprache ein Verb geworden: Wenn jemand erst lange so tut, als wollte er mitmachen, und es dann doch nicht tut, dann lindnert er.

          Hinterher hat Christian Lindner gesagt, er hätte schon damit gerechnet, „Dresche zu kriegen“. Auch wenn sich viele Leute darüber aufregen, dass er es sich ein bisschen zu einfach gemacht hat: Ganz so einfach war das vielleicht doch nicht.

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          Es ist nicht immer leicht, nicht mehr mitzumachen. Niemand wird gerne ein Feigling genannt, wenn er nicht mit den anderen in den dunklen Keller geht, auf den Baum mit den dürren Ästen klettert oder vom Fünfer springt. Oder ein Spielverderber, wenn er bei einer Sache nicht mehr mitmachen will, die ohne ihn den anderen aber auch keinen Spaß mehr macht. Das kann manchmal eine richtige Zwickmühle sein, wenn es über die eigenen Kräfte geht, doch weiter mitzumachen, und gleichzeitig die Verärgerung, der Spott oder die Wut der anderen (manchmal auch: der Zuschauer) so groß ist, dass man es nur mit einer gehörigen Portion Entschlossenheit oder Trotz schaffen kann, doch zu gehen.

          Es gibt einen Druck des Mitmachens. Nicht mehr mitzumachen kann aber auch ein Druckmittel sein. Bei Astrid Lindgren droht Karlsson vom Dach immer wieder damit, nicht mehr mitzumachen, wenn seine Bedingungen nicht erfüllt werden. Einmal macht er nur dann wieder mit, wenn ihm Gunilla die Wange streichelt und „guter Karlsson“ sagt. Einmal will er sogar nicht mehr mitmachen, wenn er nicht  mitmachen darf. Das nervt sogar beim Lesen, und besonders beliebt macht man sich mit dieser Nummer nicht. Aber manchmal kommt man sogar durch damit, bei Karlsson jedenfalls klappt das ziemlich gut.

          Politik geht ohne Mitmachen ja gar nicht

          Bei der FDP war es aber an keine Bedingung geknüpft, es war also keine Drohung oder Erpressung. So etwas Ähnliches hätte es höchstens sein können, wenn sie auf einmal doch wieder mitmachen würde, sobald ihr die anderen Parteien die Wange streicheln und „gute FDP“ sagen. Oder ihr Sachen versprechen, die sie ihr vorher nicht hatten zugestehen wollen. Also Theater? Vielleicht hatte Christian Lindner wirklich zeigen wollen, was für ein knallharter oder geradliniger Politiker er ist. Dass er nicht so alle Kompromisse einzugehen bereit ist, nur damit er Minister wird und seine Partei endlich wieder mitregiert. Vielleicht glaubt er, dass die Wähler, die wohl in ein paar Monaten noch einmal wählen müssen, das gutfinden und dass seine Partei noch mehr Stimmen bekommt als vorher. Oder die Leute von der FDP haben sich ausgerechnet, dass sie zwar einmal mitregieren können, dabei wegen all der Kompromisse aber wahrscheinlich nicht deutlich genug zeigen können, warum es gut ist, dass sie mitregieren. Und bei der nächsten Wahl wären sie dann wieder ganz draußen aus dem Bundestag. Wie in den Jahren vor der Wahl im September.

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          Vielleicht war es aber auch wirklich so, dass Christian Lindner nicht mehr konnte. Aus einer persönlichen Überzeugung heraus. So etwas gibt es auch. Ziemlich gut erzählt wird das im neuen Buch mit Rico und Oskar von Andreas Steinhöfel: Da lernen die beiden Jungs in den Sommerferien andere Kinder kennen und treffen sich oft mit denen. Einmal verschwindet etwas, das Oskar sehr viel bedeutet, und es kann nur eines der anderen Kinder genommen haben. Aber niemand gibt es zu. Stattdessen sagt einer, Oskar tut vielleicht auch nur so, als habe ihm jemand was gestohlen, um sich wichtig zu machen. Klar, dass das Tränen gibt. „Mit Typen wie euch will ich nichts mehr zu tun haben“, sagt Oskar schließlich. Und geht.

          So ist das in der Politik natürlich nicht. In einer Demokratie geht es ja zum Glück gar nicht anders, als dass die Politiker miteinander zu tun haben. Aber dass es viele Gründe haben kann, wenn jemand nicht mehr mitmachen will, und dass manche davon gar nicht so einfach sind, das gilt da wie auf dem Spielplatz, dem Schulhof oder dem Kinderzimmerfußboden.

          Quelle: FAZ.NET

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