http://www.faz.net/-i35-8x3xb

Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum man auf dem Fahrrad nicht umfällt

Fahren, nicht auf die Straße fallen – das macht schon der Schatten beim Radrennen zwischen Paris und Nizza. Bild: AFP

Beim Fahrradfahren fühlen wir uns bestens ausbalanciert . Aber wehe, wir sollen anhalten und trotzdem das Gleichgewicht wahren – dann kippen wir sofort um. Woran liegt das eigentlich?

          In Deutschland gibt es 46 Millionen Autos, aber noch viel mehr Fahrräder: 73 Millionen. Damit kommt auf fast jeden Deutschen ein Rad. Fahrradfahren müsste also fast jeder können. Selbst wenn es Dreijährige für unmöglich halten, ohne Stützräder zu fahren: Millionen Menschen zeigen tagtäglich, dass es tatsächlich geht.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Warum dies in der Praxis so reibungslos funktioniert, beschreibt theoretisch die Physik, also die Wissenschaft von den grundlegenden Naturphänomenen.  Zu diesen Naturphänomenen gehört die Mechanik, die sich um die Frage dreht: Wie bewegen sich Dinge unter dem Einfluss von Kräften? Zu diesen Dingen gehört natürlich auch das Rad. In diesem Jahr wird dessen 200. Geburtstag gefeiert. Als Erfinder gilt Karl Drais, einer von Goethes Zeitgenossen. Seine Laufmaschine hatte zwar noch keine Pedale. Mit ihr konnten Menschen aber erstmals auf zwei hintereinander angebrachten Rädern unterwegs sein, also mit einem einspurigen Zweirad. Und das ziemlich schnell, ohne Pferd, nur mit eigenem Antrieb.

          Bild: Johannes Thielen

          Genau diese Geschwindigkeit ist das Geheimnis hinter dem Zweirad, die grundlegende Bedingung, damit es überhaupt funktioniert. Jeder weiß aus der Praxis: Ein stehendes Fahrrad lässt sich schwer im Zaum halten. Es kippt über kurz oder lang mitsamt seinem Fahrer nach der einen oder der anderen Seite. Hier schlägt eine Kraft zu, die alle Menschen auf der Erde hält: die Schwerkraft. Und es gibt eine zweite Kraft, die beim Fahrradfahren ebenfalls eine entscheidende Rolle spielt: die Zentrifugalkraft, auch Fliehkraft genannt. Das ist diejenige Macht, die zu schnelle Fahrzeuge aus der Kurve trägt. Oder die die Sitze im Kirmes-Kettenkarussell nach außen drückt. Beim Fahrrad gilt: Die Schwerkraft wirkt nach unten, die Zentrifugalkraft zur Seite.

          Grundsätzlich ist Fahrradfahren nichts anderes als ein ständiger Kampf zwischen diesen beiden Kräften. Schwerkraft und Fliehkraft sorgen dafür, dass ein Fahrradfahrer im Gleichgewicht bleibt, also nicht umfällt oder stürzt. Wann ist dies der Fall? Am besten lässt sich das anhand einer Zeichnung verstehen. Schüler wissen, wie der Physiklehrer die Richtung und die Stärke einer Kraft symbolisiert: mit Pfeilen, sogenannten Vektoren. Zeichnet man zum Beispiel am Fahrrad einen Pfeil der Schwerkraft und der im rechten Winkel gegen sie kämpfenden Zentrifugalkraft ein, lässt sich daraus ein Summenpfeil konstruieren (siehe Grafik). Dieser Pfeil muss genau der Neigung des Rades entsprechen, wenn sich ein Gleichgewicht ergeben soll. Wenn nicht, kommt es unweigerlich zum Kippen oder zum Sturz.

          Bild: H. R. Zeller / Foto Getty / F.A.Z-Grafik.

          Die Zentrifugalkraft ist also die Rettung für jeden Radfahrer, wenn ihn die Schwerkraft auf den Boden zu drücken droht. Sie wirkt aber nur auf bewegte Gegenstände. Das ist der Grund, weswegen ein stehender Fahrradfahrer schon nach einer noch so minimalen Kippbewegung einfach umfällt. Ist er dagegen mit dem Rad unterwegs, verhindert schon ein kaum wahrnehmbarer Lenkereinschlag (und die damit verbundene Zentrifugalkraft) ein Kippen. Wer also zügig geradeaus fährt, pendelt minimal lenkend ständig um die Gleichgewichtslage. Je langsamer wiederum ein Fahrrad fährt, desto schwieriger ist die Koordination, also das Halten des Gleichgewichts. Hier nimmt die stabilisierend gegen die Schwerkraft arbeitende Zentrifugalkraft rasch ab. Und ist irgendwann zu klein, um die Kippmomente auszugleichen. Vor allem wenn ein Fahrrad langsamer als ein Fußgänger unterwegs ist, wird es schwierig. Dann muss der Fahrer rasch und heftig mit seinem Lenker korrigieren, um das Gleichgewicht zu halten. Nicht nur zu schnelles Fahren kann also gefährlich sein – auch zu langsames ist nicht zu empfehlen.

          Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS
          Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

          Die ganze F.A.Z. jetzt auch im Web, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken. Hier geht’s zum Test.

          Mehr erfahren

          Quelle: FAZ.NET

          Weitere Themen

          Gute Zeiten für Fahrraddiebe

          Hessen : Gute Zeiten für Fahrraddiebe

          Fahrradfahren wird immer beliebter. Das bringt nicht nur mehr Räder auf die Straßen, dank Carbon-Rahmen und Elektromotor werden die Modelle zunehmend teurer. Auch Kriminelle haben das mitbekommen: 2016 wurden in Hessen mehr Fahrräder gestohlen als in den Jahren zuvor.

          Per Fahrrad in fast 80 Tagen um die Welt Video-Seite öffnen

          Guinness-Rekord : Per Fahrrad in fast 80 Tagen um die Welt

          Der britische Ausdauersportler Mark Beaumont hat den Guinness Weltrekord für die schnellste Erdumrundung per Fahrrad gebrochen, er schaffte es in nicht einmal 79 Tagen, die rund 29.000 Kilometer zu radeln. Der Radler aus Schottland wurde im Ziel von seiner Mutter empfangen, die zugleich seine Managerin ist. Und auch Ehefrau und beide Töchter begrüßten den neuen Weltrekordler.

          Topmeldungen

          Da weiß man, was man hat: Der russischen Präsident Putin wird von Kanzlerin Merkel beim G20-Gipfel in Hamburg begrüßt.

          Bundestagswahl : Russland setzt auf Merkel

          In Moskau wird über die Bundestagswahl in viel milderem Ton gesprochen, als über die Präsidentenwahlen in Amerika und Frankreich. Man will Berlin schließlich wieder als Partner gewinnen.

          Streit ums Atomprogramm : Kim: Trump ist ein geistesgestörter Greis

          Kaum droht Donald Trump Nordkorea mit Zerstörung, zeigt Machthaber Kim Jong-un, dass er auch kräftig austeilen kann. Amerika werde „teuer bezahlen“. Sein Außenminister spricht vom Test einer Wasserstoffbombe auf dem Ozean.

          TV-Kritik: Schlussrunde : „Bleiben wir uns selbst treu“

          In der „Schlussrunde“ von ARD und ZDF fehlten die Kanzlerin und ihr Herausforderer. Sie verpassten damit eine gute Gelegenheit zum harten Schlagabtausch mit Alexander Gauland von der AfD.
          Wer ist der bessere Redner und wer hat mehr Führungsqualitäten? In fast allen Kategorien der Umfragen liegt die Kanzlerin vor ihrem Herausforderer.

          F.A.Z. Woche exklusiv : Die Wähler haben sich festgelegt

          Drei Viertel aller Wahlberechtigten haben sich laut einer Forsa-Studie entschieden, welche Partei sie am Sonntag wählen werden. Mit großen Überraschungen rechnen die Demoskopen nicht mehr.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.