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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum kann nicht jeder moderne Kunst machen?

Malt manchmal Kinderkrikelkrakel: Der Künstler Cy Twombly. Das Werk heißt „Nine Discourses on Commodus“ und hängt noch bis April im Centre Pompidou. Bild: dpa

Und das soll Kunst sein? Wer bestimmt, wann ein Kunstwerk ein Kunstwerk ist, und warum Kunst nicht von Können kommt, ist gar nicht so leicht zu beantworten. Wir versuchen es dennoch.

          „Das kann ich auch!“ Wer hat das nicht schon mal gedacht, wenn er im Museum vor einer Reihe Ziegelsteinen stand. Oder vor einem Gemälde, das nichts zeigt als eine zart schimmernde Spur Lila aus der Spraydose. Oder vor einem Motorrad, das in einem Motorradladen natürlich keine Kunst wäre, sondern ein Motorrad. Das hätte ich auch machen können: Es gibt auf diesen Spruch zwei mögliche Antworten. Die eine ist lustig und wahr, die andere ist auch wahr, aber ein bisschen ein Stimmungskiller.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton.

          Die erste lautet: „Hast du aber nicht gemacht.“

          Die Kunstgeschichte funktioniert wie das Patentamt: Erfunden ist erfunden. Wenn einer was schon gemacht hat, macht man das nicht noch mal. Völlig egal, ob es schwierig war oder nicht. Ausnahme: die Künstlerin Elaine Sturtevant. Sie sah, wie Andy Warhol das Gesicht von Marilyn Monroe auf ganz viele Bilder druckte, dachte: Das kann ich auch!, und machte es auch. Andy Warhol hat die Idee so gut gefallen, dass er ihr dafür sogar sein Drucksieb lieh. Sturtevant machte also genau das gleiche, und trotzdem etwas völlig neues: Denn so dreist hatte vorher noch niemand die Kopie zum Kunstwerk erklärt. Und seit es Sturtevant gemacht hat, kann man es natürlich nicht mehr machen.

          Und plötzlich gab es keine Regeln mehr

          Lange war das anders. Die Römer haben die Statuen der Griechen kopiert. Im Mittelalter malten eigentlich alle das gleiche. Und dann wetteiferten wieder alle darum, wer so gut ist wie die Griechen. Kunst kam von Können, und selbst als Künstler nicht mehr fest für die Kirche oder einen König arbeiteten, sondern alles machen konnten, was sich verkaufen ließ, dachte man, für das Können gäbe es feste Regeln. Dann kam vor gut hundert Jahren Kasimir Malewitsch und malte ein schwarzes Quadrat. Und dann kam Marcel Duchamp und stellte einen Flaschentrockner in die Galerie. Und plötzlich gab es keine Regeln mehr, beziehungsweise jeder konnte seine eigenen Regeln aufstellen.

          Es gab natürlich vorher schon ganz viele, die Regeln brachen. Im Museum hängen nur die Regelbrecher, die, die so gemalt haben wie sonst keiner, die anderen werden vergessen. Jetzt kam es aber plötzlich gar nicht mehr aufs Handwerk an. Bei einem schwarzen Quadrat kann man schwer darüber diskutieren, wie treffend hier die Wirklichkeit abgebildet ist oder wie virtuos der Farbauftrag. Ein schwarzes Quadrat kann eigentlich jeder malen (die von Malewitsch – er hat dann nämlich gleich ein paar davon gemalt – sind trotzdem besonders schön. Wenn man genau hinschaut, sind sie gar keine richtigen Quadrate, sondern ein bisschen krumm).

          Bild: Johannes Thielen

          Was Kunst ist, entscheidet der Künstler

          Bei einem Flaschentrockner weiß man dann gar nicht, was das darstellen soll, außer einen Flaschentrockner, oder alle Flaschentrockner der Welt. Oder es ist umgekehrt: Nicht das Kunstwerk zeigt den Flaschentrockner, sondern der Flaschentrockner zeigt das Kunstwerk. Weil hier alles fehlt, von dem man vorher dachte, dass man es für ein Kunstwerk braucht, bleibt nur der Kaiser ohne Kleider übrig: Die Kunst selbst wird unsichtbar.

          Entschuldigung, das war jetzt kompliziert. Also: Schwarzes Quadrat malen, Flaschentrockner ins Museum stellen: Das kann ich auch.

          Jetzt die Stimmungskiller-Antwort: „Nein, kannst du nicht.“

          Warum nicht? Naja, du bist halt kein Künstler. Das hat Duchamp nämlich mit seinem Flaschentrockner gezeigt: Was Kunst ist, entscheidet der Künstler. Dann ist natürlich die Frage, wer entscheidet, wer ein Künstler ist. Das tun die Kunstexperten in den Museen. Warum können sie das entscheiden? Weil wir ihnen vertrauen.

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